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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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NWWWWNWMW^^WWWWWchWWWDWMWM8MEMWW«MMM^ . —— 4 ——. Die Notlage der galizischen Juden bilde den Ausfluß der Entwicklung der sozialen Verhältnisse des Landes seit den letzten Dezennien. Die vom Lande zum Zwecke der Selbsthilfe aus finanziell-wirtschaftlichem Gebiete in großem Maßstabe eingeleitete .Aktion Habe den jüdischen Einwohnern so manche Erwerbsmöglichkeit genommen, ohne daß für sie irgendwelche neue Erwerbsquellen geschaffen wurden. Dadurch habe sich die Zahl der jüdischen Proletarier in ungewöhnlich rascher Weise vermehrt. Der Vizebürgermeister von Lemberg und Präsident der Lemberger Advokatenkammer, Dr. F. Aschkenase, ist gleichfalls der Ansicht, daß der in den jüdischen Bevölkerungsschichten um sich greifende Pauperismus die ernsteste Beachtung verdient. Er führt eine Reihe von statistischen Daten an, wonach kaum ein Drittel der jüdischen Familien in galizischen Städten sich mit einem Existenzminimum auszuweisen vermöge, wogegen zwei Drittel den Gemeinden, von denen sie Unterstützungen erhalten, zur Last fallen. In einzelnen Ortschaften können 50 Prozent der jüdischen Einwohner nur dank der öffentlichen Mildtätigkeit ihr Dasein fristen. Die Ursachen der Verarmung der galizischen Juden seien sehr verschieden. Als besonders schwerwiegend erscheine es, daß die Juden aus gewissen Berufs- und Erwerbszweigen verdrängt wurden und zu anderen überhaupt nicht zugelassen werden. — Abgeordneter Dr. Graß sagt, daß es den Juden trotz ihrer Bemühungen unmöglich gemacht werde, sich verschiedenen Berufen, die sonst den Nichtjuden offen, stehen, zu widmen. Tr. Diamond behauptet, daß für diese Zustände die Regierung und die Landesverwaltung allein verantwortlich zu machen seien. Direktor Dr. Skorsky bezeichnet den Mangel einer Großindustrie in Galizien als einen wesentlichen Grund der Verarmung und des wirtschaftlichen Niederganges der Bevölkerung. Abgeordneter Dr. Kalischer konstatiert, daß in Galizien die Juden auf vielen Gebieten und sogar in der Landwirtschaft in erheblichem Maße zur wirtschaftlichen Entwicklung des Landes beigetragen haben. Es sei daher auch ein Gebot der Notwendigkeit, die jüdische Jugend für den künjtigen Beruf in geeigneterer Weise als bisher vorzubereiten. — Bei der Verhandlung am 25. Januar betont Direktor Feldstein, eine einvernehmliche Lösung der Judenfrage werde nicht gefördert, wenn man die Ansicht vertrete, daß die gegenwärtige Enquete zu keinem positiven Ergebnis führen werde. Es werde sich die Notwendigkeit ergeben, eine Reihe von Spezialenqueten einzuberusen, ie sich insgesamt mit dem überaus komplizierten Problem zu befassen hätten. Dr.'Löwh empfiehlt ^die tatkräftige Unterstützung des bereits bestehenden Hilfsvereins für die notleidende jüdische Bevölkerung Galiziens, der bereits zu einer rationellen Entwicklung der Hausindustrie in Galizien wesentlich beigetragen habe. Abgeordneter Dr. Diamand erklärt sich dafür, daß den Juden die gewerblichen Fachschulen in Galizien. zugänglich gemacht und Arbeitsvermittlungsbureaus organisiert werden sollen. Universitätsprofessor. Dr. Sternbach versichert, daß der galizische Landesschulrat sich den Juden gegenüber stets objektiv verhalte. In Uebereinstimmung mit anderen Rednern tritt Tr. Sternbach für die Unterstützung der von Baron Hirsch errichteten Schulen ein. Dr. Steuermann, Bürgermeister von Sambor, sagt, der Separatismus müsse bekämpft und die Gleichberechtigung durchgeführt werden. Vizebürgermeister Dr. Aschkenase führkunterden Maßregeln zur Besserung der Lage folgendes an: Anstellung von Juden in den Aemtern, genaue Durchführung des Schulzwanges unter den jüdischen Kindern, Unterstützung der gewerblichen Genossenschaften. Handelsorganisationen und der Hausindustrie, Errichtung gewerblicher Lehranstalten und Schaffung eines ständigen Organs für die Statistik der Juden. Der Präsident der Krakauer Handelskammer, Dattner, beschwert sich darüber, daß von den bisherigen Schankwirten nur ein Teil wieder zur Ausübung des Gewerbes zugelassen wurde und daß die Einhebung übermäßig hoher Schankgebühren den völligen Ruin dieses Gewerbes herbeiführe. Abgeordneter Stand spricht den Wunsch aus, es möge auf eine Aenderung der die jüdischen Händler und Krämer besonders schädigenden Bestimmungen des Hausiergesetzes sowie des Gesetzes über die Sonntagsruhe und des Veterinärgesetzes hingewirkt . werden. — Die Enquete ist also ziemlich refultatlos Verläufen; es-kam auch nicht zu einer Abstimmung über die Vorschläge und Anregungen der verschiedenen Redner und zu einer präzisen Beantwortung der von der Negierung vorgelegten Fragen. Trotzdem hat die Enquete nicht umsonst getagt. Die Negierung hat sich über die Lage der Juden in Galizien genau orientiert, und was sie erfuhr, ist traurig genug. An ihr ist es in erster Reihe, hier helfend einzugreisen. Bei den weiteren Verhandlungen sprachen mehrere Redner die Ansicht aus, daß die Erwerbsfähigkeit des jüdischen Proletariats durch bessere Schulung gehoben und daß auch die jüdische Auswanderung zum Gegenstände einer Fürsorge gemacht werden müsse. Die von Vizebürgermeister Dr. Aschkenase eingehend begründeten Postulats fanden allgemeinen Anklang. Nach Dankeskundgebungen für Landmarschall Grafen Badeui und Landesausschußreserenten Dr. Jahl wurden die Verhandlungen abends geschlossen. Amerika. 2. New Aork, 19. Januar. Bei einer kürzlich stattgehabten jüdi schen Konferenz betreffs der Jmmigrationsfrage hatten sich im hiesigen Hotel „Astor" über 1000 Teilnehmer eingefunden, die nach einem gemeinschaftlichen. Tiner den Reden der anwesenden führenden Persönlichkeiten lauschten. Unter letzteren befanden sich Roosevelt, Oskar Strauß und neben vielen anderen auch Jacob H. Schiff. Als der Expräsident Theodore Roosevelt sich erhob, wurden ihm von sämtlichen Festgenossen nicht endenwollcnde Ovationen dargebracht. In seiner anfänglich meist an seinen alten Freund Oskar Strauß . gerichteten Ansprache, die einiger recht humorvoller Neckereien nicht entbehrte, wandte sich Redner bald dem allgemeinen Thema der Judenfrage zu, wobei er den Israeliten warme Worte der Verehrung und Anerkennung zollte. „Ich spreche jetzt zu Ihnen allen nur als zu Mitbürgern," bemerkte Roosevelt. „Wenn ich einen guten Menschen im Leben treffe, ganz gleich, ob Jude oder Christ, dann stehe ich auf seiner Seite. Ein schlechter Mensch, sei er Christ oder Jude, hat meine Verachtung. Mich hat das Schicksal viel mit Juden zusammengebrachh und ich habe immer bemerkt, daß sie ihren Platz anszufüllen verstanden. Ja, sie haben zwei Charaktereigenschaften mit dem eingeborenen Amerikaner gemeinsam: den überaus praktischen Sinn und den großen Idealismus. Diese beiden Eigenschaften mögen auch fernerhin in ihnen fortleben. Eine meiner Lieblingslektüre ist immer das „Buch der Makkabäer" gewesen. Möge doch der Makkabäergeist nie aussterben, nicht im jüdischen noch im christlichen Bürger. Was ich herbeiwünsche, ist eine Regierung des Friedens, aber keine Regierung der Schwäche und der Schüchternheit." Auch die militärischen Verdienste der Armee in Santiago hob Redner hervor, wobei er mit besonderer Wärme die jüdischen Soldaten erwähnte. Bei dieser Gelegenheit erzählte Roosevelt eine kleine Begebenheit aus der Zeit seiner staatspolizeilichen Laufbahn. „Als Rektor Ahlwardt von Berlin hierherkam, uni eine antisemitische Versammlung abzuhalten, beorderte ich 30 jüdische Schutzleute, um ihm den von ihm gewünschten Schutz angedeihen zu lassen." Zum Schluß seien noch einige'Worte dieser ebenso humorvollen als warmherzigen Rede wiedergegeben. „Was die heutigen Amerikaner in zwei große Parteien spaltet," führte Roosevelt aus, „ist nur ein Mißverständnis über die sogenannte Rassenfräge. Wohl herrscht noch in vielen Ländern Bedrückung, aber keine Rasse kann groß sein, wenn sie eine andere mit Füßen tritt. Für mich gibt es keinen Deutsch-Amerikaner und keinen Jüdisch-Amerikaner und keinen Jrisch-Amerikaner. Das Wort „Amerikaner" ist gut genug für alle, und Sie alle sind Amerikaner. Ich habe hier zwar von Dingen gesprochen, die jeder beherzigen sollte, und die doch nur eine Wiederholung von alten Wahrheiten sind." Fast während der ganzen Rede wurde Roosevelt von stürmischem Applaus begleitet. Von MH und Mn. ----- Der Kaiser verlieh anläßlich seines Geburtstages dem Geheimen Kommerzienrat Eduard Arnhold den Roten Adlerorden erster Klasse mit Eichenlaub und Königlicher Krone, dem Geheimen Kommerzienrat Ludwig M. Goldberger den Stern zum Kroneuorden zweiter Klasse, dem. Königlichen Hoflieferanten Albert Katzen st ein. in Firma A. Liebmanu, in Berlin die Königliche Krone zum Roten Adlerorden. — Beim Krönungs- und Ordensfest erhielten

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