Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 58 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Frau sprach hastig, leise; eine finstere Falte lag zwischen ihren Brauen. Erschrocken blickte Sonnenscheiuchen auf. I „Du mutzt sagen „der liebe Gott". Hast du den lieben Gott nicht lieb?" In den unschuldigen Kinderaugen lag solch vorwurfsvolles Fragen, daß die Frau beschämt das Haupt senkte; eine leise Nöte stieg in ihre blassen Wangen. „Mütterchen sagt, was der liebe Gott tut, ist immer gut, er weiß alles am besten," fuhr die Kleine fort. Und dann Plauderte und plauderte sie und wurde im in er zutraulicher. Schließlich schlang sie ihre Aermchen um den Hals der neuen Freundin und rief : „Du, jetzt habe ich Dich aber schon wirklich lieb! Ist Dein Herz schon ein bißchen besser?" Die Frau aber lehnte den Lockenkopf des Kindes an ihr krankes Herz und drückte einen heißen Kuß auf den roten Mund. Gleich darauf sahen die Leute im. Hause etwas Unerhörtes. Als Sonnenscheiuchen die Treppe herab sprang, beugte Frau Erdmann sich über das Geländer, sah ihm lächelnd nach und mahnte: „Komm Morgen wieder!" Von da ab war Sonnenscheiuchen ein täglicher Gast bei der einsamen Frau. Eines Tages kam es ganz verstört zu seiner Freundin. Die Augen standen voll Tränen; die Lippen zuckten von verhaltenem Schluchzen, während es stockend berichtete: „Die Mutter kann nicht aufstehen, sie ist ganz rot im Gesicht und atmet so sonderbar!" Frau Erdmann nahm die Kleine an die Hand und ging hinunter. Als sie die fieberglühenden Augen der Kranken sah, das Kochen und Rasseln der Brust hörte, wußte sie, daß der Todesengel, der diese müde Seele heimholen sollte, schon an der Tür stehe. Lange saß sie an Frau Bertholds Bett; mühsam sprach die arme Kranke, und beruhigend die andere. Dann ergriff Frau Erdmann die fieberglühende Hand, und. heiße Tränen stoffen aus den Augen der beiden Frauen. Sonnenscheinchen hockte auf Mütterchens Stuhl am Fenster und weinte in Gesellschaft mit, obschon es nicht recht wußte, weshalb. Als dann der Arzt und die Pstegeschwester kamen, war die Kranke ruhig und ergeben. Auf Frau Erdmanns Antlitz aber lag ein weicher, milder Glanz, der es ganz veränderte und wunderbar verschönte. Die Tränen am Bette der Kranken hatten die letzte Eiskruste von ihrem Herzen getaut. Sie nahm das schluchzende Kind auf den Arm und ging in ihre Wohnung. Am nächsten Morgen erinnerte Sonnenscheinchen sich dunkel, daß man es in der Nacht aus dem Bettchen genommen und zu seiner Mutter gebracht hatte. Seltsam schwer hatte die Mutterhand auf des Kindes Lockenkopf gelegen. Ader die Kleine war so schlaftrunken, daß ihrem Gedächtnis alles andere entschwunden war. Als sie dann wieder mit Frau Erdmann zur Mutter kam, lag diese in einem weißen Kleide, wie Sonnenscheinchen es nie bei ihr gesehen hatte, schlief ganz ruhig und fest und war noch viel bleicher als sonst. Als Liesel sie küssen wollte, war.sie ganz kalt. Da schrie das Kind auf in ahnungsvollem Entsetzen: „Ist Mutter auch tot wie die Tante und der Vater?" Aber Frau Erdmann suchte es zu beruhigen und erzählte vom schönen Himmel, wo die Mutter jetzt mit dem Vater vereint sei —. und ein fünfjähriges Kinderherz ist schnell getröstet. Doch als Sonnenscheinchen am andern Tage an der Hand der neuen Freundin vom Friedhof kam, schien vor dem Hause auf einmal das Verständnis seines Verlustes vor ihm aufzudämmern. Es riß sich los, eilte in das Stübchen und mit dem jammervollen Rufe: „Mutter, Mutter, wo bist du?" warf es sich über den leeren Stuhl am Fenster. Frau Erdmann war dem Kinde gefolgt, nahm: es aus den Schoß, und mit milden, liebevollen Worten sprach sie von der toten Mutter, die so glücklich sei im Himmel, und daß sie selbst jetzt Ziesels Mutter sei und es immer, immer lieb haben wolle. Das Schluchzen des Kindes war leiser geworden. Vertrauensvoll lehnte sich das Köpfchen an die Brust der neuen Mutter. Draußen vorm Fenster sang ein Vögleiu eine jubelnde. Weise. Es erzählte dem Sonnenstrahl, daß ein verwaistes Kind ein Mutterherz gefunden habe und in ein verdüstertes Leben der Sonnenschein zurückgekehrt sei. Lkitlchnktknlchsu. 1. Wegweiser für die Jugendliteratur. Heransgegoben von der Grotzloge für Deutschland VIII U. O. B. B. Jahrgang 6. Nr. 6. 2. Liberales Judentum, Monatsschrift für die religiösen Interessen des Judentums. Red. Cäsar Seligmann, Jahrgang 2, Heft 12. Dezember 1910 8. Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde. Heransgegeben von M. Grunwald. 14. Jahrgang, 1. Heft. Wien 1911. 4. Der jüdische Handwerker. Offizielles Organ des Vereins selbständiger Handwerker jüdischen Glaubens zu Berlin. 8. Jahrgang, Nr. 26. Dezember 1910. 5. Der Sabbat, Monatsblatt zur Förderung der Sabbatheiligung iiu sozialen und wirtschaftlichen Leben der Gegenwart. 10. Jahrgang, Nr. 11 und 12. November, Tezeiuber 1910. 6. ll'he Jewish Review. Ecliled by Norman Bentwich and Dr. Joseph Hochmann. Vol. I. No. 5. January 1911. London, Geo Roulledge & Sons. Ltd. 7. Israelitisches Wochenblatt, Organ' der freien jüdischen Vereinigung. 2. Jahrgang, Nr. 1. Deutscher Städteverlag. 8. K. C.-Blätter. Monatsjchrist der im Kartell-Konvent vereinigten Korporationen. 1. Jahrgang, Nr. 4. 9. Mitteilungen von Deutsch-Israelitischen Gemeindebnnde. Herausgegeben vom Ausschuß des Deutfch-Jsraelitischen Gemeinde, bundes. Nr. 76. 1910. 10. Gemeindelilatt der jüdischen Gemeinde zu Berlin. Amtliches Organ des Eemeindevorstandes. Nr. 1, den 13/Januar 1911. 11. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Organ der deutschen Konserenzgemeinschaft der Alliance Isiaelite Universelle. 1. Eine nützliche Nebersicht. Freilich wäre es wohl besser, wenn der kritische Teil vermehrt und dadurch der Charakter eines Wegweisers strenger gewahrt würde, während die selbständigen Beiträge recht wohl eine Beschränkung vertragen könnten. Unter den nicht empfehlenswerten Büchern wird mit besonderer Ausführlichkeit R. Noths Erzählung. Der Burggraf und sein Schildknappe, (Leipzig, O. Spanier) behandelt, das nach den Angaben der Verlagshandlung für die reifere, männliche Jugend bestimmt ist und einen reichen buchhändlerischen Erfolg gehabt hat. Man muß dem Beurteiler völlig recht geben, daß die Nolle, die in diesem Buche der Jude, ein Falschmünzer Isaak spielt, in der Tat skandalös ist. Auch wir wollen daher vor diesen, Buche warnen. 2. Das Schlußheft des zweiten Jahrganges enthält Aufsätze. Nachrichten und ein Chanuka-Gedicht. Unter den crsteren sei Breslauers „Rückblick über die Berliner Wahlen" hervorgehoben. Ganz besonders sympathisch wirkt einBrief des stud. med. Otto Friedländer „Jüdische Jugend und liberales Judentuin". ebenso die Abfertigung, welche Herr Dr. Winter in Magdeburg Herrn Rabbiner Dr. Werner zuteil werden läßt. Dem umsichtigen Redakteur der wackeren Monatsschrift möchte ich nur den Wunsch ausdrücken, daß er, wie das in diesem Hefte geschieht, ferner Wert darauf lege, das; nicht die. Rabbiner, sondern die Laien das Hauptwort führen. In dem vorliegenden Hefte fehlt eine Fortsetzung der Uebersetzung des