Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 57 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Hause nannten es alle so und hatten fast vergessen, daß es eigentlich Liesel hieß. Die müde Greisin war zur ewigen Ruhe eingegangen. Sonnenscheinchen hatte geweint und nach der „Tante" gerufen, von der man ihm gesagt, daß sie tot sei und nicht wiederkomme, und dann war es nach Kinderart bald getröstet. Die Tante war ja beim lieben Gott im Himmel und „da ist es so schön!" Seit einigen Wochen waren die Zimmer, in denen Sonnenscheinchen so oft gespielt hatte, wieder bewohnt. Die neue Mieterin war eine schlanke, noch jugendliche Frau, mit Augendie aussahen, als hätten sie im Uebermaße des Schmerzes das Weinen verlernt. Seltsame Gerüchte waren ihr vorausgeeilt: sie habe durch einen Unglücksfall ihre ganze Familie verloren und sei dadurch menschenscheu und „nicht ganz richtig" geworden. Tatsache war, daß der unglücklichen Frau innerhalb weniger Tage Gatte und zwei blühende Kinder an einem hitzigen Fieber gestorben waren. Der furchtbare Schlag hatte aus einem glücklichen, vertrauenden, liebevollen Geschöpf ein hartes, kaltes Weib, gemacht. Ihr Herz war nicht gebrochen, aber — was schlimmer ist — zu Eis erstarrt. Sie haderte mit Gott ob seiner grausamen.Schickung, sie konnte nicht lernen, ihr Haupt in Demut zu beugen und in Ergebung zu sagen „Gott hat gegeben, Gott hat genommen, der Name Gottes sei gelobt!" Sie haßte die Menschen, die glücklicher waren als sie; sie wollte ihre mitleidige Teilnahme nicht, und selbstlose, hingebende Liebe, die sich nicht entmutigen läßt und Tag um Tag von neuem die finsteren Gewalten in der unglücklichen Seele bekämpft, wurde ihr nicht geboten. Sie hatte sich ihre Wohnung in diesem Stadtteil, wo sie ganz fremd war, gesucht, um ungestört und unbelästigt von teilnehmenden Freunden ganz ihrem Schmerze zu leben. Keiner der Hausbewohner hatte je ein Wort mit ihr gewechselt oder auch nur im Vorübergehen einen freundlichen Blick von ihr erhalten. Stets lag derselbe starre, kalte Ausdruck auf dem blassen Antlitz. Selbst Sonnenscheinchen hatte sie rauh zurückgeschoben, als es ihr mit seinem strahlendsten Lächeln ein Paar Maßliebchen, die es im Garten gepflückt, reichen wollte. Erschrocken ließ das Kind die Blumen zu Boden fallen. So etwas war ihm noch nie passiert! Aufgeregt kam es zur Mutter gelaufen: „Mutter, die Dame, die in Tantes Zimmer wohnt, mag ich nicht leiden, ich glaube, die ist ganz bös!" „Kind, Kind!" Frau Berthold ließ die Arbeit sinken und blickte ernst, auf ihr Töchterchen. „So etwas darfst Du nicht sagen — die arme Dame ist krank!" „Krank?" antwortete Sonnenscheinchen mit raschem Verständnis, „kriegt sie Masern?" Die Zeit, wo Sonnenscheinchen davon tzeimgesucht worden, war nicht fern und noch in respektvoller Erinnerung. Die Mutter lächelte. „Nein, nein, sie ist krank im Herzen!" Die Frau, die selbst schweres Leid getragen, hatte im Antlitz der anderen gelesen. „Krank im Herzen? Ist das sehr schlimm?" „Ja, mein Kind, das ist die schlimmste von allen Krankheiten." „Gibt es keine Medizin dafür?" Da schloß Frau Berthold ihr Kind in die Arme und flüsterte innig : „Die beste Medizin für kranke Herzen bist Du, mein Sonnenscheinchen." Aber Sonnenscheinchen machte sich ziemlich energisch aus der mütterlichen Umarmung los. ' „Mutter, bitt' ich Dich! Medizin ist doch so was in 'ner Flasche mit 'nein weißen Zettel dran, was so schlecht schmeckt!" Wieder huschte ein Lächeln über die vergrämten Züge der jungen Witwe. „Medizin ist ein Heilmittel, mein Kind. Habe Du die arme Dame lieb und sej immer freundlich zu ihr, das wird ihrem kränken Herzen gut tun." Sonnenscheinchen fragte nichts mehr, aber am Abend lag es noch lange wach im Veilchen und dachte an die Dame mit dem kränken Herzen und daß es selbst die beste Medizin dafür sei. Am Tage darauf saß Frau Erdmann, die Dame mit der Sonnenscheinchens Gedanken sich so lebhaft beschäftigten, an ihrem Schreibtische. Es war der Jahrestag ihres Unglücks, sie war vormittags aus dem Friedhofe gewesen und die Fluten der Bitterkeit gingen höher denn je in ihrer Seele. Da hörte sie ein Geräusch an "der Tür und als sie aus ihrer schmerzvollen Versunkenheil aufschaute, stand' mitten in dem Sonnenstrahl, der sich durch einen Spalt der zugezogcnen Vorhänge stahl und ihre müden, vom Weinen geröteten Augen blendete, ein winziges Persönchen, um dessen Lockenkopf das Sonnenlicht wie eine Gloriole lag. „Was willst Du, wer bist Du?" fragte die Frau, und die Stimme klang so hart und kalt, daß Sonnenscheinchen am liebsten davon gelaufen wäre. Aber es war ein tapferes, kleines Mädchen. Zögernd kam es ein paar Schritte näher und sagte mit stockender Stimme: „Ich — ich bin das Sonnenscheinchen! Aber eigentlich heiße ich Liesel Berthold," setzte es in ängstlicher Wahrheitsliebe hinzu. „Meiste Mutter .sagt, Du hast ein krankes Herz, und ich bin die beste Medizin für kranke Herzen, sagt sie — und — und ich will Dich wieder besser machen!" schloß sie mit einem tiefen Seufzer der Erleichterung. Als die Frau nicht antwortete, sondern es mit -den traurigen Augen nur so eigentümlich ansah, wagte es sich noch etwas weiter vor und fragte schüchtern: „Du, tut Dir Dein Herz sehr weh?" Wieder keine Antwort, nur ein Zücken ging über die ' starren Züge. Da hob Sonnenscheinchen die Händchen und "sagte: „Ich will Dich sehr lieb haben! Ich glaub', ich kann's wohl," fügte es vorsichtig hinzu. Und zaghaft streichelte es die Wangen der Dame, wie es bei Mütterchen tat, wenn sie traurig war. Ein seltsamer Schauer durchrieselte die Unglückliche bei der Berührung der weichen, warmen Kinderhand, der Arm, der erhoben wurde, die Kleine abzuwehren, legte sich entschlossen um die kleine Gestalt und preßte sie an sich. Mehr brauchre es nicht für Sonnenscheinchens liebebedürftiges Herz, um alle Scheu von ihm zu nehmen. Im Nu saß es auf dem Schoße der Dame und lehnte das Köpfchen an ihre Brust, während die Augen neugierig durchs Zimmer wanderten. An dem lebensgroßen Bilde zweier lieblicherKinder blieben sie haften. „Tu, wer ist das? Sind das Deine kleinen Mädchen? Laß sie doch mal kommen, daß ich mit ihnen spielen kann!" Frau Erdmann fuhr empor; die alte Starrheit lag auf ihren Zügen, und ihre Stimme.klang" hart wie sonst, als sie antwortete: „Die kommen nie wieder, sie sind tot!" „Tot?" Sonnenscheinchen besann sich. „Ach so. Du meinst, sie sind im Himmel! Ja, dann wollen sie gar nicht wiederkommen, da ist es ja so wunderwunderschön. Wenn der liebe Gott jemand sehr lieb hat, dann schickt er den Todesengel, daß er ihn in den Himmel holt. Vater und Tante hat er auch geholt-" plauderte es weiter. Ich war noch ganz klein, als er Vater h ölte und Mütterchen so weinte; ich weiß es aber noch gut. Ich mußte immer beten, der liebe Gott solle Vater bei uns lassen, aber er tat's nicht; er hatte ihn so lieb und wollte ihn in dem schönen Himmel haben." „Ja, Gott ist unerbittlich, er hört nicht auf unser verzweifeltes Flehen, seine Hand schlägt schonungslos, er ist ein Gott ohne Erbarmen!"