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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 56

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 56 (sequence 8)
Language
German
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Paar besonders schön aussehende junge Gänse sah und kaufte. Diese fütterte sie mit mütterlicher Sorgfalt während der Wintermonate,, und mit Freude bemerkte sie,, wie schön diese zarten, Gänslein sich entwickelten und nach. und nach immer größer und fetter wurden. Schon berechnete sie im Geiste die pekuniären Vorteiledie ihr diese Pfleglinge verschaffen würden, wenn sie vor dem Pessachfeste zum Schlachten reif sein würden. Sie würde sie dann natürlich verkaufen und genügend Geld dafür bekommen, um in der Lage zu sein, für ihre Kinder und sich selbst einige. Nötige Kleinigkeiten anzuschaffen und den ,-Pessach" nach hergebrachter Sitte in der Mitte der lieben Ihrigen zu feiern. Welch herrliche Aussicht war all dies für die arme, freudenlose Witwe! Aber „mit des Schicksals Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten." Denn, als die Gänse geschlachtet wurden, bemerkte die Witwe mit großem Entsetzen, daß zwei kleine Späne in ihren Magen steckten. Schnell lief sie zum Rabbiner, und indem sie ihn von ihrer gemachten Entdeckungin Kenntnis setzte, bat sie ihn zugleich auch mit Tränen in den Augen, irgendeinen Ausweg zu finden, der ihr den Gebrauch der Gänse möglich machen würde. Sollte-dies nicht der Fall sein, erklärte sie mit gebrochener Stimme, würde sie mit ihren Kindern am frohen Passahfeste Not und Hunger leiden müssend Der Rabbiner, ein wohlgenährt aussehender Mann, der zufälligerweise die Gebetriemen noch an hatte, ließ die Witwe kaum ausreden, und, ohne den Fall genau zu prüfen, gab er ihr sofort zu verstehen, daß sie von den Gänsen nicht den geringsten Gebrauch machen' dürfe. Er fügte auch hinzu, daß es töricht sei von ihr, zu fürchten, daß sie und ihre Kinder am heiligen Passahfeste werden Hunger und Not leiden müssen. Denn, meinte er, das Betteln von Haus zu Haus stehe ihnen ja frei, wovon sie sicherlich guten Gebrauch machen werden. ' . Die neuere hebräische Literatur hat eine beträchtliche Anzahl von tzmHMAMMaufzuweisen, dje mehr oder weniger satirischen Anstrich chaben. Folgendes Epigramm, das von Ben-Jacob (Verfasser des Buches »Lpigrammata ac. poematä variä°°)-herrührt, möge hier als Probe dienen: Der bußfertige Sünder. Ein reicher^ über un fromm er Jude, Der manche schwere Sünde begangen, Sah, daß er alt und schwach geworden Und wollte Verzeihung von Gott erlangen. Er dachte lange nach und am Ende Entschied er sich fürs Fasten und Beten. , Er ließ sich jedoch in beiden Dingen Von seiner Dienerschaft stets vertreten. Sonnknlchkinchen. '~'V Von Regina Neißer. 02 § war gar kein auffallend schönes Kind. Ein zierliches Figürchen, ein Landes, rosiges Kindergesicht, von blonden Locken umgeben, mit einem frischen, roten Mund und einem keck aufstrebenden Stumpfnäschen. Aber lag es in den Augen, die so blau waren, wie der Himmel und so strahlend wie Frühlingssonnenschein, oder war ein eigener Zauber über das ganze kleine Geschöpfchen gebreitet : wenn es eintrat, ward der armseligste Raum hell und freundlich, und^wenn es zu plaudern begann, glitt über das. vergrämteste Antlitz ein Lächeln — es war eben „das Sonnenscheinchen". Eigentlich hieß es Liesel Berthold und war das Töchterchen der bleichen jungen Witwe, die das Hinterzimmer des großen Eckhauses an der B . . . straße bewohnte.- Es war ein ärmliches Stübchen mit niedriger Decke und getünchten Wänden, aber der. Liesel und ihrer Mutter war es lieb und wertdenn das einzige Fenster, an dem Frau Verthold Tag für Tag saß, die Nadel zwischen den müden Fingern, um für sich und ihr Kind den Unterhalt zu gewinnen, ging nach dem Garten hinaus, und der war das Entzücken der beiden. Das Fleckchen Erde, auf das die Sonne nur, wenn sie in verschwenderischer Geberlaune war, vor dem Schlafengehen ein paar Strahlen schickte, und das der Hausbesitzer mit dem stolzen Namen „Garten" belegte, war eigentlich ein viereckiger Hof, rings von einer hohen Bretterwand umgeben. In einer Ecke stand ein alter Fliederbaum, und ein Weinstock versuchte jedes Jahr von neuem wenigstens , eine 'der schwarzen Wände mitleidig zu verdecken. Auf dem Rasenplatze in der Mitte bemühten sich ein paar Blumenbeete und ein verkrüppelter Rosenstock, die Illusion des Gartens möglichst vollständig zu machen. Aber es war doch eine Oase, in der Häuserwüste, in dem Straßengewirr und Staub der Großstadt, ein Fleckchen, wo die Seele ruhen und dem Atemzuge der Natur lauschen konnte. Wenn Frau Berthold an Sonnabendnachmittagen auf der Bank unter dem Flieder saß, wenn die weiche Sommer- - luft ihre Wange fächelte und das Gezwitscher der Vögel über ihrem Haupte sie den Lärm der Straße, der verworren zu ihr drang, vergessen ließ, konnte sie sich zurückträumen in , das stille Heimatstädtchen, wo sie aüsonnabendlich Nachmittag - zur Sommerzeit mit ihren. Genossinnen über blumenreiche Wiesen geschritten, murmelnden Bächlein lauschend, die das Paradies ihrer Kindheit, das Glück ihrer Jugend gesehen hatten. Wenn aber die Wehmut über gescheiterte Hoffnungen, über alles Verlorene sie übermannen wollte, suchten ihre Augen ihr sonniges Kind. Liesel jagte jauchzend den Schmetterlingen nach, steckte ihr Näschern zwischen die langausgeschossenen Reseden und bleichsüchtigen Levkoyen, durchsuchte den Rasen nach Maßliebchen und zählte am Weinslock die Beeren, die ein besonderes Interesse für sie hatten: da sie es doch nie weiter brachten als zu steinharten grünen Kügelchen, hatte der Hauswirt „alle" Liesel versprochen. Jubelnd kam sie zur Mutter gesprungen: „Denk mal, Mutter, drei Trauben sind daran und im ganzen vierzig Beeren! Im vorigen Jahr war's nur eine Traube. Nein, wie herrlich!" Frau Berthold strich ihrem Kinde die Locken aus dem erhitzten Gesichtchen und in ihres Lieblings leuchtende Augen schauend, fragte sie sich, was herzerquickender sei: der strahlende Sonnenschein oder das unerschöpfliche Frendevermögen ihres " Sonnenscheinchens. Woher das Kind den Namen trug? Eben im Hause hatte eine alte gelähmte Dame gewohnt, eine milde, freundliche Greisin, in deren Antlitz das Leben eine lange Geschichte geschrieben von schwerem Leid und starkmütigern Ertragen, von heißen Kämpfen und tiefem Frieden. Zu der war einst an der Hand der Mutter die Liesel gekommen und hatte ihre sonnige Kindersröhlichkeit in das stille Krankenzimmer getragen. Die Frau mit dem starken Gottesglauben in der leidgefesteten Seele und das unschuldige Kind mit der strahlenden Heiterkeit hatten einander gar schnell verstanden und waren gute Freunde geworden. Liebkosend strich oft die.Greisin über den blonden Lockenkopf, während cs innig von ihren Lippen kam: „Mein Sonnenscheinchen!" Und da der Name gar so gut für das Kind paßte, war er an ihm hängen geblieben: die Leute im

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