Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
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auszudehnen und dadurch ein beträchtliches jährliches Einkommen zu erwerben. Einen Teil davon verwendete er auf die Erziehung seiner von ihm innig ' geliebten Tochter, die, mit' natürlichen Anlagen ausgerüstet, große Vorteile daraus zog. Sie hatte also jede Ursache, mit ihrem Geschicke zufrieden zu sein, aber sie war trptzdem zuweilen in übler Laune. Dies geschahso oft sie an ihren unschönen Beinamen Knoblauch erinnert wurde. Sie tröstete sich jedoch mit dem Gedanken, daß sie im Falle ihrer Verheiratung den Namen für immer los werden würde. Aus diesem Grunde war sie recht froh, von ihrem Vater eines Tages zu hören, daß er die Absicht hätte, ihren herannahenden Geburtstag durch die Abhaltung eines Balles in seinem Hanse zu feiern und ihr bei dieser Gelegenheit einige heiratslustige junge Leute vorzustelleu, deren Väter recht respektable Landsleute von ihm wären. Die vier'ersten Gäste, die am Ballabend ankamen und von Simon Knoblauch seiner Tochter vorgestellt wurden, hatten unglücklicherweise Namen, die ins Bereich der Vegetabilien gehörten. Denn der eine hieß Jakob Sommerkraut, der andere Saul Rettich, der dritte wiederum Isaak Posternak und der vierte Moses Rübe, der merkwürdigerweise glänzendes, rotes Haar hatte. Hulda war außer sich, und mit tränenden Augen bat sie ihren Vater, die weitere Vorstellung von Heiratskandidaten zu unterlassen. Dies tat" er nun auch, und am folgenden Tage erklärte sie ihm, daß sie fest entschlossen sei, niemals einen Mann zu heiraten, dessen Beiname auf der Liste der vorhandenen Vegetabilien zu finden sei. Einige Tage nachher ging Hulda mit einer Freundin ins Konzert, wo ein jüdisch aussehender junger Mann einige seiner von ihm verfaßten lyrischen Gedichte rezitierte. Ernannte sich George Washington, und da Huldas Freundin ihn zufällig kannte, ließ er sich ihr vorstellen. Auf Hulda machten der lyrische Poet und sein schön klingender Name sofort einen angenehmen Eindruck, und zwischen beiden entstand bald eine gegenseitige Neigung, die zu einer heimlichen Verlobung führte. Nach kurzer Zeit jedoch setzte, sie ihren Vater .davon in Kenntnis, und, obschou er anfangs dieselbe nicht billigen wollte, da der junge Mann ein obskurer Zeitungsschreiber und der Sohn eines armen russischen Juden war, gab er dennoch endlich seine Einwilligung dazu, als sie mit Tränen in den Augen recht eindringlich ihn darum bat. Zugleich stellte er aber folgende leichte Bedingung auf. Die Verlobung,, sagte er, müsse öffentlich gefeiert werden und, wie es in seiner früheren Heimat Brauch war, einen religiösen Charakter haben. Demnach wünschte er, daß der Verlobungskontrakt in Gegenwart von einigen seiner Freunde von einem orthodoxen Rabbiner in hebräischer Sprache geschrieben werden, und daß jeder darin vorkommende Name gleichfalls hebräisch lauten solle. Hulda nahm die Bedingung bereitwillig an, und nach wenigen Tagen - fand das Verlobungsfest im Hause ihres Vaters statt. Die eingeladenen Gäste waren alle in bester Laune, und freudestrahlend stellte Hulda den Mann ihrer Wahl, George Washington, ihnen vor. Letzterer wurde bald darauf vom anwesenden Rabbiner um seinen hebräischen Namen gefragt, der in dem Verlobungskontrakt erwähnt werden mußte. Er errötete und zögerte ein wenig, aber endlich rieß.er aus: „Ascher Zwiebel". : Ein Schrei des Entsetzens von seiten Huldas folgte diesem unerwarteten Geständnis. Sie wurde ohnmächtig in ihr Zimmer getragen,, und die Versammlung zerstreute sich bald in größter Enttäuschung und starkem Unmut. : Als nach einiger Zeit Hulda wieder besser wurde und ihr. Vater sie fragte, ob sie sich nicht entschließen könnte, den stattlich anssehenden Jakob Sauerkraut zu heiraten^ der-zugleich auch ein tüchtiger Kaufmann und von guter Familie.war, da -bejahte sie seine Frage, stellte aber zugleich die Bedingung, daß»er seinen abscheulichen Beinamen mit einem besser klingenden vertausche. Dies geschah nun auch, und Huldaist jetzt 4n den besseren jüdischen Familien New Jorks als Mrs. Lincoln recht wohl bekannt:- .; Der bekannte hebräische Dichter Bialick schrieb ebenfalls eine Satire, -worin eine der verschiedenen kuriosen Behandlungen der Juden von seiten der russischen Polizei ins lächerliche gezogen wird. Sie lautet wie folgt: . Ein tüchtiger Talmudist namens Reb Iomtov, der in einem-russischen Ghetto in gedrückten Verhältnissen lebte/ war außerstande, seine Frau und Familie zu ernähren. Er reiste daher nach dem Auslände, um daselbst möglicherweise eine Beschäftigung zu finden, die ihm irgendwelches Einkommen verschaffen würde. Glücklicherweise erhielt er einen Posten als Talmudlehrer in einer kleinen jüdischen Gemeinde, den er aber bloß zwei Jahrebekleiden sollte. Sein Gehalt wurde aus eine Summe Geldes fixiert, die etwa hundert Rubel attsmachte. Reb Iomtov war ganz selig 'im Gedanken, daß er während der zweijährigen Periode seiner Lehrtätigkeit imstande sein werde, einige Ersparnisse zu machen. Mit diesen, dachte er, werde er in der Lage sein, sobald er nach Hause zurückgekehrt sei, einen kleinen Laden mit „koscheren" Eßwaren zu eröffnen und somit sich und die Seinigen in bescheidener Weise zu ernähren. Als der langersehnte Tag endlich kam, an welchem er nach seiner Heimat zurückkehren sollte, war er seelenvergnügt, in der Erkenntnis, daß ' seine gemachten Ersparnisse sich auf ungefähr 50 Rubel beliefen. Sobald er in der Nähe der russischen Grenze war, wurde er von zwei Gendärmen mit -donnernder Stimme nach seinem Reisepaß gefragt. Reb I.omtov suchte vergebens um einen solchen in allen ' seinen Taschen, und mit gebrochener Stimme erklärte er, daß er ihn in seiner Eile, nach Hause zu kommen, entweder irgendwo verlegt oder verloren haben mußte. - „Elender Jude," schnauzten ihn die Gendarmen an, „Du bist sicherlich ein verkappter Spion, und Du sollst im Gefängnis Deine Schuld abbüßen. Doch wollen wir Dich unbelästigt die Grenze passieren lassen/ wenn Du uns 50 Rubel als Lösegeld gibst." Reb Iomtov war somit mit zwei großen Nebeln bedroht, und in seinem Dilemma wählte er das kleinere von beiden Mit schwerem Herzen gab er den Gendarmen alle seine Ersparnisse, um nur ungehindert zu den lieben Seinigen zurück? kehren zu können. Letztere empfingen den Reisenden mit großer Freude und hofften voü ihm einige, kleine Geldgeschenke zu empfangen. Alles aber, was der arme Mann nach einer zweijährigen Abwesenheit ihnen geben konnte^ war eine herzliche Umarmung'und ein inniger Kuß. Ein Satiriker' ersten Ranges war Leon Gordon, der in | der testen Hälfte des vorigen Jahrhunderts!n Rußland lebte- I In seinen Satiren, geißelt er vorzugsweise solche russische | Rabbiner seines Zeitaltersdie, von starrer Orthodoxie beeintz flußt, beit Mitgliedern ihrer Gemeinden die strengste Beobß achtung gewisser Ritualien mit Härte und Gefühlslosigkeit | auszudrängen pflegten. Besonders charakteristisch ' ist eine | seiner Satiren, die „Gestopfte Gänse" betitelt ist und etwa h folgendermaßen lautet: In einem russischen "Ghetto lebte einst \ eine arme Witwe, die sich und ihre zwei jungen Kindes vom Geflügelverkauf ärmlich' ernährte. Ein st'es ' war kürz -nach den hohen Feiertagen — ging sie auf-den Markt, wo sie ein