Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 54

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 54 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228967--67195-3279399
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Trotzdem ist es ein Buch, eben weil es doch hauptsächlich von Juden handelt, das auch in unseren Kreisen hochwillkommen geheißen werden sollte. Denn das Familienleben ist eben das, was man mit Vorliebe ein jüdisches nennt: das freundliche, manchmal zärtliche Einverständnis der Geschwister, ihre gemeinsame Ehrfurcht vor Vater und Mutter; die innere Gemeinsamkeit der Elterii, bje sich nicht durch Kosen und Liebesgetue, sondern durch ein harmonisches Zusammenleben kund gibt, ein Zusammenleben, in dem die Mutter, obgleich sie mit Bewunderung zu dem geisteskräftigeren Vater aussieht, doch in Wirklichkeit durch ihren Praktischen Sinn und dessen Betätigung die kräftigere ist; das Verhältnis des Vaters zu den Kindern, besonders zu dem Erzähler, das ohneVerwöhnung, nicht in ein herrisches Pochen auf Autorität ausartet, sondern durch Liebe und Konsequenz geregelt wird. Nie zeigt sich der Vater, der streng, ja hart werden kann, ungerecht und etwa nur bestrebt, seinen eigenen Willen durchzusetzen; die Art vielmehr, wie er die Ungezogenheit des Sohnes, der dem Alten Zöpfchen geflochten hat, durch ein Spottwort abtut, wie er sich von dem halbreifen Jüngling einen Toast machen läßt und ihn nicht benutzt, wie er dem Jungen bei der Wahl seines Studiums zwar dessen Schwierigkeit und Unfruchtbarkeit auseinandersetzt, ohne doch sein väterliches Veto einzulegen, ist geradezu entzückend. Und welche Prachtgestalten sind, um nur gar Weniges hervorzuheben, die Onkel Isaak und Jacob- Gewiß keine Heroen oder Mustermenschen. Der letztere, ein Pechvogel, der manchmal im Glücke schwimmend, häufiger ins Unglück, gerät, aber bei allen Verlusten den Kopf yben behält und auch nach der größten Enttäuschung Lebensfreude und Lebenshoffnung nicht verliert; der 'erster?, nicht minder^ Daseinskünstler, von prächtigem Humor, ein Greis, der mit bescheidensten Mitteln sich ein behagliches Leben gestaltet und sich trotz aller äußerlichen Entfernung von den Verwandten einen tiefen Familienzug erhält, auch unter der^ Decke äußerlicher Widerborstigkeit ein weiches Herz sich bewahrt- Er ist ein Mann, der nach jahrelanger Ehe, in der er viel gelitten, sich inneren Frieden erhalten hat und seinen Zorn nur einmal in einer höchst gelungenen Strafrede gegen Weiber und Frauenemanzipation ausspricht. So macht uns dieses liebenswürdige Buch mit einer weitverzweigten jüdischen Familie in ihren Freuden, mehr noch in ihren Leiden bekannt und erzählt in schlichter und humorvoller Weise die Geschichte eines großen Kreises in den siebziger und achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Dieser Dichter aber, der ein Naturalist ist, dadurch daß er mit vollendeter Plastik Ereignisse und Schauplätze darzustellen weiß — den Hof des Familienhauses, die väterliche Wohnung, die Kremserpartie m strahlendem Frühlingswetter und vieles andere — der Menschen verschiedensten Schlages ohne wortreiches Gerede so leibhaftig vor uns stellt, daß wir sie wirklich zu sehen meinen, ist doch ein Dichter, der im Reiche der Phantasie lebt. Zwei Stellen mögen dies beweisen, die nicht nur ein schwärmerisches Fräulein in ihr Poesie-Album zu schreiben sich gedrungen fühlt, sondern die auch wir gern im Lebenskampf und Geistesringen beherzigen wollen. Das eine Wort spricht zwar der Vater, der in der Welt Homers lebt und zum Schmerz der Mutter kein Verständnis für das Steigen der Eierpreife sich aneignen kann; es lautet: ,,Alles Reale ist Einbildung und Phantasie und die Phantasie allein ist das Reale", das andere Wort kündet der Dichter, und es ist seine wirkliche Meinung, wenn auch der unbärtige Jüngling cs zu einer Offizierstochter spricht, die ihm den > Vorrang des Soldaten vor dem Poeten, an den sie selbst nicht recht, glaubt, beweisen möchte. Der Satz heißt: „Der Dichter.erlebt Stunden der Weihe, die kein Kirchgang schafft, der Dichter erlebt unter süßen Schauern Gott, wie ihn kein Priester — er müßte denn ein Dichter sein — erlebt. Und seine Worte klingen und singen in den Herzen. Und wenn man von dem bischen Tand und Flitter absieht, ist letzten Grundes der Dichter der.General und der General nur ein armer Soldat auf dem Schlachtfelde des Lebens." ' L. G. Anmerkn ng: Vergl. zu diesem Artikel die biographische - Notiz in Nr. 1, Seite 3. Diese biographische Notiz .sollte ursprünglich auf diesen Essay folgen, daraus erklärt sich auch, daß Seite 3, Spaltei, Zeile 9 von unten, von dem „oben besprochenen Buche" die Rede ist, auch die Worte des Herrn Hollaender daselbst „mein neues Werk usw." beziehen sich auf das Buch, dem der vor stehende Artikel gilt. Aus redaktionellen Gründen mußte, statt des ursprünglich für Nr. 1 vorgesehenen Bildes das Bild Hollaenders eingefttgt werden, und es wurde leider übersehen, die beiden angeführten Stellen zu ändern- D. Red. hebräische Satiren Von Dr. Chotzner. s ist eine nicht, allgemein bekannte Tatsache, daß die zwei emineuten Schriftsteller des vorigen Jahrhunderts, j Ernest Renan und Thomas Carlyle, mit verschiedenen anderen j! modernen Literaten die Ansicht teilten, daß nämlich in keinem der von Juden produzierten literarischen Erzeugnisse irgend- I eine Spur von Humor oder Satire zu finden sei. Daß diese Ansicht aber nicht richtig ist, wird wohl jeder eingestehen müssen, der mit gewissen humoristischen oder satirischen Schriften vertraut ist, die in einigen modernen Sprachen abgefaßt sind, und Juden oder Abkömmlinge derselben zu Autoren haben. - Weit weniger aber sind wohl jene gleichwertigen jüdischen Schriften allgemein bekannt, die dem Gebiete der alten und neueren hebräischen Literatur angehören. Wer jedoch die Bibel, den Talmud, die Midraschim '.und überhaupt die hebräische Literatur genau kennt, der wird sicherlich hier und da Beispiele von köstlichem Humor und beißender Satire entdeckt haben, die der flüchtige Leser in der Regel übersieht. In der gegenwärtigen Abhandlung sollen jedoch bloß einige Proben von solchen humoristischen und satirischen Schriften den Lesern vorgeführt werden, die von modernen jüdischen Autoren in hebräischer Sprache verfaßt, worden sind. Bemerkenswert ist .es auch, daß letztere, fast ausschließlich Russen oder Polenvon Geburt sind, und daß ihr hebräischer Stil meist recht schön und anziehend ist. In. folgender Satire macht sich der Verfasser, Herr SHeikewitz, darüber lustig, daß manche Vertreter der russischen Negierung vielen in Rußland lebenden Juden die Annahme solcher Beinamen aufdrängten, die unschön sind und recht possierlich klingen. Die fragliche Satire lautet, in modifizierter Form, etwa wie folgt: In einer kleinen russischen Stadt lebte vor einiger Zeit ein armer Gemüsehändler, der Simon Knoblauch hieß. Seine Frau war eigentlich die Seele seines kleinen Geschäfts,' und als sie eines Tages starb, und er zugleich auch den Verlust seines geringen Kredits zu beklagen hatte, beschloß er, seine Heimatsstätte zu verlassen und nach Amerika auszuwandern. Von seiner einzigen jugendlichen Tochter, namens Hulda, begleitet, reiste er nach New Jork, wo verschiedene seiner Landsleute ansässig waren und in ziemlich guten Verhältnissen lebten. Daselbst eröffnete er einen kleinen Gemüseladen und, vom Glücke begünstigt, war er in der Lage, diesen nach unb tiauJ

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.