Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 53 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228967--67194-3279398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mißverstän dnissen, fehlerhaften Texten und veränderten geschichtlichen Verhältnissen erkannt. Was Professor Lewy für den arg verstümmelten Text des jerusalemischen Talmuds, aber auch für viele andere korrumpierte Texte getan hat, läßt sich schwer beschreiben. Er hat „das Verlorene ausgesucht, das Versprengte zurückgeführtdas Verwundete verbunden", ja zuweilen dem scheinbar Leblosen und Aufgegebenen neues Leben eingehaucht. Liegt es sonst im Wesen der Kritik, zu zersetzen und zu zerstören, so baut seine.Kritik auf, stößt Ehrfurcht vor dem Texte ein. Liebe zu Israels Schrifttum. Diese Liebe zu Israels Schrifttum ist seines Lebens Inhalt, die jüdischen Geistesheroen find ihm nicht tote Forschungsobjekte, nein, er steht mit ihnen förmlich in einem persönlichen innigen Verkehr, und es war oft ergreifend zu beobachten, wie schwer er es über sich gewinnen konnte, ihnen einmal einen Irrtum nachzuweisen. Diese außerordentliche Verehrung für die altjüdische Gedankenwelt hängt bei Professor Lewy aufs engste mit seiner tiefreligiösen Veranlagung zusammen, aber selbst die Feier des 70. Geburtstages, die den die Oeffentlichkeit Fliehenden zwingt, sich ihren Augen zu zeigen, berechtigt uns nicht, den Vorhang vom Allerheiligsten eines wahrhaft Frommen wegzuziehen.' Bleiben wir lieber im Heiligsten, seiner Häuslichkeit! Hier in'diesem Hause, waltet eiye gemütvolle, verehruugswürdige Gattin, hier würzen Geist und Herz erquickende Gespräche den Verkehr, der zu meinen liebsten Breslauer Erinnerungen zählt. Noch denke ich an manches kluge, feinsinnige Wort des Meisters über des Tages Ereignisse, das seine tiefe Vertrautheit auch mit den Kämpfen und Fragen des modernen Lebens bewies. Möge dies Heim voll Liebe und Güte, voll Frieden und Freude, voll sabbatlicher Weihe und Frömmigkeit des Alltags, noch recht, recht lange bestehen! : Die Liebe, die ihn aus der Ferne grüßtwird zu diesem Bild nicht fehlen. . Viele wissen, was sie ihm verdanken. Es ist ja mehr als das Wissen, das er ihnen mitgab. Die sittliche Kraft, die von -Männern wie Professor Lewy auf ihre Hörer ausströmt, ist das beste Gut, das sie ihnen mitgeben: seine vorbildliche Arbeitsfreude, die ihn noch beim Studium findet, wenn längst des Morgens fahles Licht durch die Scheiben dringt, sein heiliger Ernst in der Auffassung des Berufs, seine Liebe zum Judentum, die jedes Opfers fähig wäre, das verlangt würde, das vergißt man nicht. Wenn an solchem Jubeltage vieles über die Lippen tritt, was man sonst verschweigt,' so bleibt nur der eine innige Wunsch noch übrig: Möge Gott dem hochverehrten Meister noch viele Jahre - des Glücks und der Gesundheit, der Liebe seiner Gattin, Kinder und' Enkel/ der Befriedigung in seinem Berufe gewähren, ihm die Kraft zur Fortsetzung seines Werkes schenken! JFflijr hollaender: Anker tzsus? in neues Buch und mehr als ein Buch — ein Bekenntnis. Ein Roman und eine Autobiographie. Den einen — ich leugne nicht, daß ich zu diesen gehöre — vielleicht zu diel Roman, den anderen, den Lesern,' die jeden Tag einen Band verschlingen müssen, die .nicht genug Geschehnisse in einem Band zusammengedrängt finden können, zu viel Selbstschilderung. . Felix Hollaender.. erzählt die Geschichte seiner Kindheit und Jugend, oder richtiger den Teil davon, der sich in Berlin y Unser Haus, ein Buch von Felix Hollaender. 1. bis 8. Auflage. Erich Reiß. Verlag.' Berlin 1911. abspielt. Die Zeit, da der Vater, der als Arzt vielleicht schon weiß, daß Brustkrebs sich bei ihm vorbereitet, mit seiner zahlreichen Familie nach Berlin zieht und den schweren, harten Lebenskampf zu bestehen versucht, den er mit Hilfe seines braven Weibes und seiner fleißigen und begabten Kinder durchzukämpfen vermochte. Die Epoche, da der Knabe als zartes, aber frühentwtckeltes Kind mit den Kameraden an kindlichen Spielen sich ergötzte, ein trotziger, und infolgedessen kein mustergültiger Schüler wurde, mit Ach und KraH das Abiturientenexamen bestand, Hauslehrer wurde, sich in eine Adlige verliebte, die sich aber dann mit einem Rittmeister vermählte, und mit einer Familie, in der er seine pädagogischen Erstlingsversuche anstellte, nach Schweden zieht. Vater und Mutter werden geschildert. Der Vater, ein Weiser, der sich mit starkem Geist über die Misere des Lebens emporhebt, die Mutter, die mit rührender Liebe Mann und Kinder betreut, mit stiller Dulderkraft die Sorge des Tages erträgt, wenn nicht überwindet. Mit inniger Liebe werden die Geschwister vorgeführt, hauptsächlich die Schwestern, denn die Brüder erregen kaum .. Interesse, da ihnen kein sonderlich ersichtliches Wohlbehagen i erwiesen wird — die Schwestern, teils voll zärtlicher Weiblichkeit, teils voll altjüngferlicher Herbheit, teilsvon frischer Tatkraftdie durch Gewandtheit unterstützt wird, teils -von überschäumender Lebenslust. Daneben die Hausgenossen: die Familie Senz, der Vater ein Spieler, , die Mutter eine stille Dulderin, die nur einmal außerhalb der Ehe an dem Kelch des Lebens zu nippen wagt, l zwei blühende, bildschöne Töchter, die beide in einen Polizei-; Leutnant Dorn verliebt sind. Während sich die jüngere mit dem schneidigen Beamten verlobt, von dem man nicht recht weiß, ob er ein Schurke oder ein Held ist, wird die ältere seine Geliebte und macht, da sie sich Mutter fühlt,'-ihrem Leben ein Ende. Zwischen ihnen steht ein Bruder Walther, em Prachtmensch, der schon mit den Augen des Kindes das Elend der Familie erkennt und mit fast männlichem Trotze ein stolzer Einsamer ist. Jüdischen Lesern mag vielleicht zunächst das Jüdische zn wenig betont sein, das ist nicht Schuld des Referenten, sondern Absicht des Dichters. Denn von des Helden Stellung zur Religion ist niemals die Rede, und das Jüdische wird eigentlich nur durch die Vornamen der Onkel, Isaak und Jakob, angedeutet und durch den des Vaters, der zwar nicht Benjamin heißt, aber von den älteren Brüdern so genannt wird. Diese beiden Onkel und auch die zwei Tanten, die gelegentlich erscheinen, sprechen von jüdischen Dingen kaumwerden aber durch einen Anflug in ihrer Sprechweise als. Juden charakterisiert. Der Vater dagegen ist auch in seinem Wesen durchaus ein Deutscher oder ein Kosmopolit. Zu seiner täglichen Erbauung liest er nicht die Bibel, sondern Homer und Shakespeare und wenn er den Menschen als Hoherpriester und Menschheitssührer große Beispiele vorführtsind es nicht die Propheten, sondern Beethoven und Goethe. Käme nicht ein Rabbiner Rubinstein mit seinem Sohne Hugo, einem mittelmäßigen Dichter, vor, so wären außer der Familie in dem Buche kaum Juden vertreten. Und diese zwei Bekenner des israelitischen Glaubens sind nichts weniger als Prachtgestalten: der verwitwete Vater, ein Phrasendrescher und Courmacher und der würdige Sohn, ein Faulpelz und Versmacher, der in den Augen des Dichters nur einmal -mutig und achtungswert erscheint, da er das begehtwas andere feig und verabscheuungswürdig nennen, nämlich einen Selbstmordversuch machtder keine weiteren Folgen hat, als. daß er zeitlebens eine Kugel in seinem Körper mit herumschleppen muß,