Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Endlich berichtet dasselbe Blatt aus Jerusalem: Die hiesige hebräische Wochenschrift „Hamevasser" veröffentlicht den Wortlaut eines Glückwunschschreibens, das Rabbi Haim Nahum an den bekannten hebräischen Schriftsteller und Lexikographen Elieser» Ben-Jehuda in Jerusalem aus Anlaß seines 30jährigen Jubiläums gerichtet hat.-In dem Briefe heißt es unter anderem: „Wer wüßte den Wert ihrer großartigen Tätigkeit für die Wiederbelebung und Bereicherung der hebräischen Sprache nicht'zu schätzen? Wer würde es niclch freudig begrüßen, daß es Ihnen in 30 jähriger mühevoller Arbeit gelungen ist, das Hebräische in die Reihe der lebenden Sprachen emporzuheben? Ihr Ehrentag war zugleich ein Freudentag für jeden, der ein jüdisches Herz hat und in dessen Adern jüdisches Blut Pulsiert." Diese Kundgebung des Großrabbiners der Türkei für die Renaissance der hebräischen Spräche ist um so bemerkenswerter, als fast zu gleicher Zeit in dem von David Fresco redigierten „Tiempo", der vielfach als offizielles'Organ der Konstantinopeler Gemeinde angesehen wird, ein Artikel erschienen ist, der sich gegen die Pflege des Hebräischen als Umgangs- und .Unterrichtssprache wendet. ' Urse! Lewy-Lreslau. Lu seinem siebzigsten Geburtstage. Von Rabbiner Dr.Levy-Brünn. ie besten Schöpfungen des Menschengeistes entstehen aus - einer Art ruhiger Begeisterung, die von allzu verständiger Nüchternheit, wie von himmelstürmender, schnell versagender Leidenschaft gleich weit entfernt. Widerstand und Schwierigkeiten mit Mut, Beharrlichkeit und- Liebe zur Sache überwindet und den Menschen mit dem festen Glauben und der selbstsicheren Kraft ausrüstet, die ihn ans Ziel führt. Dieser stille Enthusiasmus, der Großes wirkt, glüht in einem Manne, dem viele in Liebe und Verehrung ihre Glückwünsche . zur Vollendung der Siebzig darbringen werden: Professor Dr. Israel Lewy in Breslau. - Schon siebzig? Kaum glaublich, wird mancher seiner Freunde und Schüler denken, die mit dem Bilde des beweglichen, temperamentvollen, schnell denkenden Meisters trotz Her" schneeweißen Umrahmung des Hauptes die Vorstellung, der Jugendlichkeit verbinden. In diesen Tagen weilen die Gedanken feiner Schüler, die in allen Erdteilen zerstreut leben, bei dem schlichten Männern der Wallstraße zu Breslau, demhochbedeutenden jüdischen Gelehrten, dem gütigen Menschen? dem liebevollen Lehrer. Dem geliebten Lehrer nahen sie mit Glückwünschen und Huldigungen des Dankes, der Mühe gedenkend, die er ihreil Ausbildung widmete; dem gütigen, liebenswürdigen, stets offenen und zugänglichen Menschendanken sie, daß er sie in ihren Entwicklungsjahren innerlich ' bereichert und gekräftigt hat, dem großen Gelehrten bringen sie ihre Bewunderung dar. Und da ich mich mit freudigem Stolz zu denen zähle, die zu den Füßen des verehrungs-' würdigen Jubilars saßen, sei es mir gestattet, von ihm hier^ zu sprechen, wenn es auch eitles Bemühen ist, sein Wesen und Wirken im Rahmen dieser Zeilen voll würdigen zu' wollen. In Jnowrazlaw geboren, besuchte Israel Lewy'das von Zacharias Frankel geleitete jüdisch-theologische Seminar in Breslau von 1864 bis 1869/ wurde schon im Alter von 31 Jahren 1872 als Dozent an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin berufen, folgte, dann nach etwa zehnjähriger Tätigkeit einem Rufe an das Breslauer Seminar, wo er seitdem, als Seminarrabbiner und seit 1904, durch den Professortitel ausgezeichnet, die > talmudischen Disziplinen doziert, als. deren Vertreter er Weltruf. besitzt.- Seine wissenschaftlichen Arbeiten über die Mischna des Abba Saul, über die Spuren des griechischen und römischen Altertums im talmudischen Schrifttum, über die Mechilta des R. Simon, über den palästinensischen Talmud-Traktat Nesikin und über das Ritual des Pesachabends sind außerordentlich reichhaltig, sprechen in gedrängten Zeilen von der tiefen' Gelehrsamkeit, dem eminenten Wissen und dem ‘ durchdringenden Scharfsinn des Verfassers,' enthalten aber nur einen kleinen Teil seiner Forschungs-? ergebnisse: weit mehr bietet noch der mündliche Vortrag in seinen Kollegien. Dieser Vortrag trägt, wie überhaupt seine ganze Lebensauffassung, ein durchaus persönliches Gepräge. Als erster. hat er durch Anwendung der modernen kritischen Methode das Studium des babylonischen , und besonders des jerusalemischen Talmuds zur. streng wissenschaftlichen Disziplin erhoben. Seine Art zu ^lernen" hat viele angeregt, gefördert, zur Bewunderung hingerissen, konnte aber von keinem mit auch nur annähernd gleichem Erfolge nachgeahmt werden. Denn wer ihm nachahmen wollte —..und Nachahmung erzeugt bei fleißigstein Bemühen noch keine Meisterschaft — müßte eben sein ausgebreitetes Wissen besitzen, das den jerusalemischen wie den babylonischen Talmud, die alten halachischen Midraschim, die ganze ha- . lachische Literatur des Mittelalters umfaßt, zugleich aber auch seine ungewöhnliche Kombinationsgabe, seinen scharfen, kritischen Sinn und seinen weitenBlick, der auch in benachbarten Gebieten rasch das Brauchbare erkennt und für die Lösung schwieriger Fragen nutzbar macht. Wie versteht es Professor Lewy so schön, auch den reizlosesten Gegenstand durch neue Beleuchtung interessant zu machen, Fernliegendes zu verbinden, freilich nicht durch luftige, leichtgebaute Schlüsse, . sondern besonnen und vorsichtig tastend. Bevor er etwas als gesichert gibt, müssen seine Schlüffe auf Trägern von Stahl ruhen/ sonst begnügt er sich mit einem Fragezeichen und der Bemerkung: seine Deduktion sei wohl zu kühn! Eine so gewissenhafte Kritik kann nur auf dem Boden strengster Selbstkritik entstehen, und die besitzt Professor Lewy wie wenige. Wie er phantastisch-nebelhafte Vorstellungen, hinter denen sich oft Gedankenträgheit verbirgt, bei andern mit ' raschem Blick zerstört, so daß sich Wortgeklügel Und Redensarten vor seinem sarkastischen Lächeln scheu verkriechen, so streng legt er sich auch über seine eigenen Ansichten Rechenschaft ach hält sie immer wieder prüfend gegen das Licht, bis-- das Wahre vom Geistreichen sich scheidet'. Schwierigkeiten und Widersprüche werden von ihm nicht geflickt? sondern' nach Aufdeckung der .-verborgenen - -'-EnkstehUngSUrsa'che''--•• als Produkte ' von Prof. Dr. Jsral Lewy feiert am 5. Februar seinen 70. Geburtstag.