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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · p. Seite 51

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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51 kam es zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen den Anhängern des Zionistischen Jugendvereins und des vor nicht langer Zeit gegründeten liberalen jüdischen Jugendvereins. Die Kämpen, die die Klinge kreuzten, verfochten ihre divergierenden Anschauungen, an gefeuert durch den oft zu tumultuarifchen Szenen ausartenden Beifall und Mißfall ihrer Anhänger und Gegner, die zu beschwichtigen dem Vorsitzenden eine Glocke kostete, mit viel Temperament, Witz und Schärfe. Die Zionisten nahmen für sich das i Recht in Anspruch, der jüdischen Zugend, die dem Materialismus und Jndifferentismus derart verfallen sei, daß nur Abfall vom Judentum und -re Taufe die unausbleiblichen Folgen sein müßten, Ideale wiederzugeben. Der Zionismus suche das reine Judentum zu erhalten. Er sei der Todfeind jener Ghettosurcht, die der Grundzug des jüdischen Wesens der letzten Jahrzehnte gewesen ist. Er sei es. der die Jugend lehre, die Judensrage historisch aufzufassen. Der Mangel an historischem Bewußtsein sei eine Frucht der Erziehung durch Eltern und Gemeinde, die es nicht vermocht haben, den Söhnen und Enkeln ein reines Judentum zu erhalten. Die Gegner dieser An- ] .schauung, und unter ihnen hauptsächlich Rechtsanwalt Dr. Wert- | heim, verwahrten sich gegen den Vorwurf, daß sie, weil sie sich I liberale Juden nennen, keinen Sinn für die historische Bedeutung j des Judentums hätten. Auch sie wollen kämpfen für die Erhaltung J des Judentums. Mit allem Stolz auf ihre Vergangenheit streben r sie aber dahin, als Deutsche jüdischer Abstammung zu wirken und; sich im Vaterlande die Rechte zu erringen, die sie bisher, noch nicht f haben. Sie streben die Assimilation im besten Sinne des Wortes au. I Der Zionismus aber will die Juden isolieren, und darin liegt seine; Hauptgefahr für die jüdische Jugend. Er treibt internationale, die 1 liberalen Juden aber nationale Judenpolitik. Der Zukunftsstaat der Z onisten ist ein Unding. Die Jugend in diese Idee einzuspinnen, heißt ihnen den Blick für die tatsächlichen Verhältnisse trüben und sie den wirklichen Ausgaben des Judentums entziehen. „Das Judentum wird liberal sein oder es wird nicht sein." So tobte der Kampf der Meinungen bis lange nach Mitternacht hin und her, und die Rednerliste war noch immer nicht erschöpft. Die Unruhe der vielen, die sich zum Heimgehen rüsteten, zwang dann aber schließlich doch, die Versammlung zu schließen und die weitere Auseinandersetzung einer zweiten demnächst einzuberufenden Versammlung vorzubehalten. * Die Zahl der jüdischen Einwanderer in New 2)ork betrug im November 3910: 4966 (2659 männlich, 2037 weiblich). Von diesen stammten 2857 aus Rußland, 1234 aus Oesterreich-Ungarn, 311 aus England, 247 ans Rumänien; die übrigen verteilen sich auf andere Länder und Erdteile; aus Deutschland, waren nur 93 gekommen. Von den Einwanderern verblieben 3703 in New Jork. Die Zahl der Ankömmlinge hatte in demselben Monat des vorhergehenden Jahres 7692 betragen. Die Konvention der amerikanischen Hebräer-Kongregationen, die gegenwärtig hier tagt, hat eine Entschließung angenommen, durch die Präsident Taft und das Staatsdepartement aufgesordert werden, bei Rußland Protest zu erheben gegen die Nichtbeachtung der amerikanischen Pässe, die auf Juden der Vereinigten Staaten ausgestellt worden sind. * Die Ernennung des Herrn Karp zum Ministerpräsidenten in Rumänien an Stelle des Herrn Vratiano wird, wie in Nummer 3 des Gemeindeboten bereits mitgeteilt, als günstig für die Juden ausgelegt. Man erinnert dabei an folgendes Faktum: Herr Karp habe vor einigen Jahren als Unterrichtsminister an einer Debatte über die jüdische Frage teilgenommen und dabei folgendes erzählt: Er sei einmal in Jassy um 3 Uhr morgens aus einer Versammlung gekommen, in der man über die jüdische Frage debattiert habe. Da sei er, mit einigen Gegnern zusammen aus dem Saale heraustretend, einem (armen Juden begegnet, der zur Arbeit ging, und drei angetrunkenen rumänischen Handwerkern, die Patriotische Lieder sangen. Bei diesem Anblick habe er zu seinen Begleitern gesagt: „Da haben Sie die jüdische Frage. Wollen Sie gegen die Juden mit Aussicht auf Erfolg kämpfen, so seien Sie wie jene arbeitsam, nüchtern, sparsam, und Sie werden nichts von ihnen zu fürchten haben. Die Lösung der Judenfrage besteht im Wetteifer der Arbeit." In Paris hat, wie bereits gemeldet, Herr Gustav v. Rothschild, der seit 58 Jahren Mitglied, seit 35 Jahren Präsident des israelitischen Konsistoriums gewesen ist, seine Stelle als Präsident der Association cultuelle niedergelegt. Zum ersten Vorsitzenden dieser Vereinigung, die ungefähr.unserer Gemeinde entspricht, wurde Herr Edmund v. Rothschild, zum Vizepräsidenten wurde Herr Narcisse Leven, Herr Eduard Maße zum zweiten Vizepräsidenten gewählt. Das „Berliner Tageblatt" veröffentlichte nach der „Nowoje Wremja" einen interessanten Bericht über Aufklärungen, die Minister Stolypin einem Interviewer über die innere Lage Rußlands gab. In diesem Berichte ist von dem nationalen Sinne, den kleinbürgerlichen Grundbesitzern, den Reichen, den Arbeitern, den Revolutionären, besonders den Studenten, dem Bau von Eisenbahnen die Rede; von den Inden wird dabei nicht gesprochen. Das ist in einer Beziehung ganz gut; wenigstens stehen, wie es scheint, keine neuen Ausnahmemaßregeln bevor. Vielleicht naht sogar eine Besserung. Wenigstens berichtet dasselbe Blatt: Der frühere Präsident der Reichsduma Chomjakow hat einem Mitarbeiter einer Zeitung in Smolensk erklärt, die Frage der Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons werde in nächster Zeit in positiven, Sinne gelöst werden. Allerdings habe der Tod des Abgeordneten Karaulow, der sich für die Frage sehr interessierte, die Entscheidung, etwas hinausgeschoben; doch werde sie bestimmt bejahend ausfallen. Dies ist hoffentlich so aufzufassen, daß den Juden überall die Ansiedlungsmöglichkeit geboten werde. Ist diese Deutung richtig, so ist der Beginn besserer Zustände denkbar. Die bisher gewaltsam Zusammengepferchten können Luft und Licht erhalten; sie können nach Gegenden sich wenden, wo Arbeit und Verdienst leichter zu erlangen ist; sie haben die Möglichkeit, in Gegenden, wo man sie noch nicht mit Mißtrauen und Feindseligkeit betrachtet, ihre Kräfte zu üben. Hoffentlich täuscht dieser Schimmer der Hoffnung nicht. * In dieser Wochenübersicht war vor einiger Zeit die Rede mitgeteilt worden, in welcher einer der höchsten Würdenträger der Türkei sich gegen den Zionismus gewandt hatte. Dagegen machen die Zionisten Front. Die „N. I. K." meldet aus Köln: „Am 22. Januar hat hier eine Tagung des Gruppenverbandes der rheinisch-westfälischen Zionisten stattgefunden: Der Präsident des Zionistischen Aktions-Komitees, Herr D. Wolffsohn, hielt eine Begrüßungsansprache, in welcher er unter anderem auch aus die in den Zeitungen verbreileten Meldungen, wonach die Türkei die zionistische Bewegung mit großem Mißtrauen betrachte, zu sprechen kam. Diese Ausstreuungen — sagte, er — gehen alle auf eine gemeinsame Stelle zurück, die in letzter Zeit eine verleumderische Kampagne gegen den Zionismus eröffnet hat. Solchen Quertreiberelen ist keine ernste Bedeutung beizumessen. Die türkische Regierung hat sich zu den zionistischen Bestrebungen in keiner Weise feindselig gestellt. . r

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