Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 5 (3.2.1911)
- Date
- 1911-02-03
- Page
- Seite 50 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228967--67191-3279395- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
50 am. Volke eindruckslos vorüber. Das Volk blieb entartet. Ei So mag es sich erklären, daß nun ein Aristoteles auf ein- H mal mit einer.von Religion unabhängigen, auf sich! selbep. ruhenden Ethik auftritt. Nicht daß er etwa die! Selbständigkeit der Ethik ausdrücklich proklamiert Hätte; aberß sie ergibt sich aus der Methode, mit der er alles Ethische auf I bloße Vernunsterwügungen'zurückführt und der Götter zu- J allermeist nur gelegentlich und auch da eigentlich rtidbt at§ : ethischer, sondern als eudämönistischer Vorbilder gedenkt. Er spricht ihnen überhaupt jedes moralische oder unmoralische : Verhalten, selbst-Freigebigkeit und Gerechtigkeit und natürlich ' \ gnch deren Gegenteil, als bei ihnen gar nicht in Frage : kommend, ab?) Er denkt sich eben die Tätigkeit der Gottheit! . nicht als Liebe und weisheitsvolle Vorsehung gegenüber den Geschöpfen, —. es gibt ja für ihn überhaupt keine Geschöpfe j der Gottheit und keine Weltleitung der Gottheit, da diese m ja npr die erste bewegende, gleichsam mechanische Ursache der' Welt ist und vor allem in ihrer „Seligkeit" nicht gestört werden j darf. Ueberall zeigt sich — wie ich es in meiner Schrift, . „Die Gottesidee der Offenbarung" S. 69 ff. nachgewiesen — namentlich bei Aristoteles die altgriechische Ansicht voü den „seligen" Göttern als Hindernis für eine Auffassung einerseits der Gottheit als vor allem sittlich sich betätigender Macht und anderseits der menschlichen Bestimmung als vor allem gottgewollter sittlicher Art?) „Die Tätigkeit Gottes, da sie die allerglückseligste ist, muß eine (lediglich) theoretische (denkende . Betrachtung) sein. Und somit ist erwiesen, daß auch unter den menschlichen.. diejenige, welche dieser Tätigkeit Gottes am verwandtesten ist, die glückseligste sein muß."^) Solcher, dünne ^Faden verknüpft letztlich bei Aristoteles die Moral mit der Religion, was fast so gut als eine Loslösung bedeutet. : Ja,?vir finden diese Loslösung eigentlich schon klar . gusgesprochen in.jenem Satze der Nikomachischen Ethik (X8, 6), wo Aristoteles sagt, daß der gleich der Gottheit in beschaulichem Denken Dahinlebende, «nichts von praktischer Sittlichkeit bedürfe; nur „sofern er zugleich Mensch ist und mit vielen .anderen zusammenlebt, wird er sich auch die Ausübung der praktischen Tugenden vorsetzen und wird somit solcher Hülssnjittel bedürfen, um Mensch sein zu können." Waren-nun diese auf Verselbständigung der Ethik gerichteten Versuche erfolgreicher als die früheren auf die ^Läuterung der überkommenen Theologie abzielenden? Wohl kaum. Denn es hat zwar nun nicht an klugen, feinsinnigen Lebensregeln, an nüchternen Ratschlägen zur Erlangung der. Glückseligkeit, auf die bei Aristoteles alle Ethik ahzielte (Nik. Eth. 11 3, 11 u. a. v. a. St.),' gefehlt, wohl aber, infolge des Mangels einer intimeren Verknüpfung mit dem religiösen Moment und' vor allem einer sittlich fruchtbaren-Gottesidee, an Hoheit und Würde des Ethischen, an einer eigentlichen Begründung des Sollens, des Pflicht- Hegriffs. Und dies — so fühlte man wohl immer deutlicher— gehöre doch zu den wesentlichen Ingredienzien einer richtigen Moral. Und so nehmen wir denn bei den philosophischen Epigonen wieder ein größeres Einlenken der sittlichen. Belehrung in religiöse Bahnen wahr. Den Stoikern zumal durchdringt die Gottheit mit ihrer Vernunft die Natur, .und dieser gottdurchwalteten Natur gemäß zu leben, heißt 0 Nikomach, Eth. V 9, 17. X 8. 7. : * 2) Das. IX 13 „Wenn wirklich von den Göttern für die menschlichen Dinge eine gewisse Sorge getrogen wird, wie dies die allgemeine Ansicht.(o/JS-cf) ist" usw. — also ihm selbst, Aristoteles, ist 6ott nur theoretische, nicht handelnde Vernunft. 3) Das. X 8. 7, 8 ff. ihnen sittlich.' Aber auch diese Denkweise, die in der griechischrömischen Welt — und, sie war damals die Welt — die breiteste Ausdehnung gewann, genügte den Bedürfnisse,! nicht. Das stoische Sittlichkcitsideal, dieses vielleicht höchste ethische Gebilde, zu dem es die antike Heidenwelt gebracht hat, kennt wohl eine Art Weltbürgerlichkeit, aber nicht den Menschheitsbegriff in unserem Sinne, vor allem nicht den edlen Altruismus, wie er im biblischen Gebot der Nächstenliebe sich ausspricht; auch geht ihm jede freudige Lebensbetätigung ab, er verliert sich in eine düstere, entsagungsvolle, im Grunde nur auf das eigene Ich Bedacht habende Beschaulichkeit (Quietismus). Charakteristisch für diese das zu Ende gehende Altertum beherrschende Philosophie ist es, daß sie den Selbstmord, wenn der Mensch am Leben keinen Gefallen mehr findet, auch wenn er sich nur den Finger gebrochen hat, nicht nur für statthaft, sondern sogar für eine hervorragende Betätigung sittlicher Freiheit und Selbstbestimmung erachtet. Leben und Tod gehörten überhaupt nur zu den gleichgültigen Dingen (Adiaphora), seien, also überhaupt kein Objekt den Ethik?) ^Nas^lunmste aber war, daß die spezielle Moral der Stoiker schließlich zu den unsittlichsten Konsequenzen namentlich in geschlechtlicher Hinsicht führte. Allerlei Unzucht, sogar die Schändlichkeitn der Knabenliebe, Geschlechts- Vermischung unter den nächsten Blutsverwandten und andere ähnliche Greuel fanden die Stoiker noch naturgemäß und erlaubt.-) Dir Woche. Berlin, den 31. Januar. er nachfolgende Bericht über eine vor einiger Zeit stattgehabte Versammlung der jüdischen Jugendvereinescheint nur in so hohem Grade beachtenswert, daß ich ihn hier folgen lasse. Ich brauche nicht zu sagen, daß ich voll und ganz auf dem Standpunkt stehe, den Herr Rechtsanwalt Wertheim vertrat, aber ich gebe diesem Bericht hauptsächlich deshalb Raum, um den Liberalen, denen dieses Blatt zu dienen bestimmt ist, dringend ans Herz zu legen, die Entwicklung der liberalen Jugendvereinein entschiedenster Weise zu fördern. In diesen Vereinen liegt unsere Hoffnung auf die Zukunft. Viele Organisationen kranken daran, daß einige wenige ältere Männer überall die Führung übernehmen, und daß fast nirgends, weder im Vorstand, noch in der Repräsentantenversammlung, noch in den großen Organisationen für einen tüchtigen jugendlichen Nachwuchs gesorgt wird; in diesen Vereinen kann und soll das Heer herangebildet werden, das unsere Schlachten zu schlagen bestimmt ist, hier können die Führer sich bewähren, die wir in Zukunft brauchen. Der angedeutete Bericht lautet folgendermaßen: Im „Tiergartenhof" fand eine öffentliche jüdische Versammlung statt, die von den vereinigten national - jüdischen Jugendvereineu Groß-Berlins einberufen war. Schon lange vor Beginn war der große Saal bis auf den letzten Platz gefüllt, und immer noch strömten massenhaft Menschen, zumeist jugendlichen Alters, dem Versammlungslokale zu, das inzwischen wegen Ueberfüllung gesperrt worden war. Es herrschte,von vornherein Kampfesstimmung, die es dem Leiter der Versammlung. Rechtsanwalt Gronemann, oft recht schwer machte, die Ruhe und Ordnung immer aufrecht zu erhalten. Schon nach den ersten Worten des Redners 6anä. earn. Richard Lichtheim '0 Zeller, Die Philosophie der Griechen. I, 134f. 2) Daselbst S. 167 f. Döllinger, Heidentum und Judentum. S. 327.