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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-02-03 · Heft 5 (3.2.1911) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 5 (3.2.1911)
Date
1911-02-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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75. Jahrgang Nr. 5 Berlin, 3. Februar 1911 Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich: Abonnements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich L IN. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps«,» Unter Leitung des Geheimen Regiernngr-Ratr Professor vr. Ludwig Seiger Verlag: llluäotk IÄo88e, SerUn, 7erusalemer Strs88e 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse. Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 45/HS, zu richten. Verlag Von Rudolf Mosse, Verttn. Religion und Moral. Von Dr. M. St eckelmach er- Mannheini. — Die Woche. — Israel Lewh-Breslau. Von Rabbiner Dr. Lewy-Brünn.—Felix Hollaender: Unser Haus. — Hebräische Satiren. Von Dr. Chotzner. — Feuilleton: Sonnenscheinchen. Von Regina Neiß er. — Zeitschristenschau. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindedote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Potsdam, Hamburg, Kassel, Frankfurt ä. M., Lemberg, New Pork. — Von Nah u nd Fern. , Kkligion und Moral. Von Dr. M. Steckelmacher-Mannheim. ichts ist uns heute geläufiger, als die begriffliche Sonderung, wie sie.in den beiden Worten: Religion und Moral sich ausdrückt. Vielen gehören jedoch die Begriffe, wenn sie auch eben als solche sich logisch auseinanderhalten lassen, tatsächlich, eng und unzertrennlich zueinander; aber; es gibt auch nicht wenige, die es für möglich, oder gar für notwendig erachten, daß Sittlichkeit ganz, für sich'allein, ohne alles religiöse Dogma und Zeremoniat, auch besteht, nicht nur gedacht wird. Haben nun diese oder jene recht? Sind Religion und Moral nicht nur gedanklich, sondern auch ihrem Wesen und Bestände nach trennbar oder nicht? Es dürfte den Zugang zur Lösung des Problems fördern, wenn wir zunächst die Geschichte befragen. Diese aber zeigt ‘ uns im früheren Altertum weder eine begriffliche, noch eine tatsächliche Sonderung, sondern ein völliges Ineinander von Religion und Moral. Daß dies im Judentum mit seinem durch und durch sittlichen Monotheismus der Fall war, ist nicht zu verwundern. „Der Hort, vollkommen ist sein Tun, denn alle seine Wege, sind Recht, ein Gott der Treue , sonder Unrecht, gerecht und redlich ist er." Der Gott Israels Ist ,.ein „heiliger" Gott, voll heiliger sittlicher Strenge, aber auch voll Liebe und Erbarmen. — Der Mensch, der diesem Ideale nachstrebt, der diesen Gott 'fürchtet, er ist von selber zugleich dersittlich Gute. Frömmigkeit und Sittlichkeit decken sich da völlig. Aber selbst noch die homerischen Griechen, die in Wahrheit sittlich hoch über ihren sittlich sehr laxen Göttern - standen, für die es also an jener wichtigsten Voraussetzung einer- Kongruenz des Sittlichen mit dem Religiösen mangelte, hielten^gleichwohl die Verbindung beider aufrecht. Sie dachten sich eben die Götter zwar als hochgeborene, aristokratische, vom Schicksal unendlich bevorzugte, selige und darum selber der sittlichen Pflichten überhobene Miesen, aber doch zugleich als Schirmer des unter den Menschen für heilig Geltenden, als Garanten der den „armseligen Sterblichen" nötigen — oft bedrohten — Sittlichkeit. Es war ihr fester Glaube: Die Götter wollen, daß die Themistes, d. h. die ' für die Menschen eingesetzte sittliche Weltordnung, von diesen nicht mißachtet werde. „Freveln Taten indes sind feind die seligen Götter. Rechtsinn ehren sie nur und geziemende Taten der Menschen/") Wer sich rechtlich, wahrhaft, treu, also nach unserer Ausdrucksweise sittlich verhält, der ist denn auch der Wo-}}?, b. h. der Gottesfürchtige, der Religiöse. Ja sogar noch ein Sokrates, der sich gegenüber den hergebrachten Glaubensanschauungen manche abweichende freisinnige Ansicht gestattet, will durchaus nicht für einen Ketzer gehalten werden, und selbst Platos Idee des Guten ist identisch mit der der Gottheit?) Indes kommt im Laufe der Zeiten innerhalb des Judentums wie des Hellenentums — natürlich in sehr verschiedener äöeife — eine gewisse Differenzierung zum Vorschein. Dort 'Hatte sich infolge eines übertriebenen Zeremonialismus, insbesondere der Veräußerlichung, wie sie das Opferwesen -Trat:, sich brachte, allerlei lasterhafte Scheinheiligkeit entwickelt — hiergegen eifern nun die Propheten mit ihren Mammenreden, indem sie vor allem auf die Uebüng von lauter Tugenden dringen, die wir heute als sittliche bezeichnen. Sie predigen die erhabenste Wral; aber freilich, eine bewußte — wissenschaftliche -- Trennung oder auch nur Lockerung des : Bandes, wie es bisher zwischen religiösen und moralischen j Forderungen bestanden,' bedeutete ihre Stellungnahme keineswegs. Sie meinen vielmehr nur, das, wozu sie ermahnen, sei dasjenige, was Gott eigentlich will, sei das eigentliche Ziel J alles Gottesdienstes, aller Religion. Im Hellenentum hinwiederum hatte allmählich eine strengere Auffassung von den Eigenschaften, die die Götter I eigentlich haben sollen, Platz gegriffen und so im weiteren f Nerfolg eine gewisse Loslösung der Moral von der Religion herbeigesührt. Denker wie tzeraklit und Xenophanes hatten ein Schwinden der alten, naiven Nachsicht gegen die Götter, verbunden mit einer wachsenden Sucht, ihnen nachzuahmen und die alte Tugendhaftigkeit der homerischen Menschen auszügeben, wahrgenommen, und so richteten sie ihr Absehen darauf, den Kern der überkommenen Mythologien, die alles, was den Menschen als schmachvoll gelten soll, wie Diebstahl, Ehebruch, Betrug, unbedenklich von den Göttern geschehen lassen, von diesen unwürdigen Vorstellungen zu reinigen. Aber diese negativ bessere Theologie, die einzelnen erlesenen Geistern ausgegangen war, — vielleicht weil sie im Grunde nur negativ blieb, die Anschauungen über Gott mehr dogmatisch reinigte, als mit positiver Sittlichkeit erfüllte — ging ]) Vgl. meine „Gottesidee der -Offenbarung", S. 38 f. : / 2) Jodl. „Geschichte der Ethik". I. S. 20.. - -

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