Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 Die anwesenden drei Personen sprangen erschrocken auf, sie hielten den Paroxymus für Delirium, für den Vorboten des. nahen Todes. „Einen Arzt! Einen Arzt!" riefen sie einander zu. und Samuel eilte hinaus, um eine Magd zu dem nächsten Arzt zu schicken, rasch zum Krankenbett zurückkehrend, wo der Kranke Halb aufgerichtet, mit ausgebreiteten Armen, der ganze Körper konvulsivisch zitternd, die brennenden Augen von heißen Tränen überströmend, angstvoll auf den alten Mann am Bettrand blickte und jämmerlich „Vater!" rief. „Gott ist ein Vater der Barmherzigkeit," tröstete der Alte, „er nimmt die reuigen Sünder mitleidsvoll auf und vergibt ihnen, was sie gefehlt. Wir alle sind Sünder, aber seine Kinder, und er unser Vater." „Vor allem Du — Du. — Du mein Vater, verzeihe! Ich bin Dein Sohn — Sender — — —" Eine Ohnmacht erstickte die Stimme des Dulders. Ein jäher Schreck, ein maßloses Staunen fuhr auf die Anwesenden nieder. „Sender!" stammelten alle drei fast tonlos. Sohn und Tochter blickten auf den Vater, der sich zum ohnmächtigen Sohn niederbeugte, daß der weiße wallende Bart auf dessen Brust fiel. Als der Arzt erschien, saß der Greis im Lehnstuhl am Bette, die lichtlosen Augen in den Händen und weinte still; die Geschwister weinten und beteten. „Vor allem Ruhe," sagte der Arzt nach einer eingehenden Untersuchung des Kranken; „die beiden Herren mögen sich entfernen; Sie liebe Frau, bleiben als Pflegerin hier. Es ist ein sehr ernster Fall, ein hoher Grad von Schwäche, intermittierende Herztätigkeit, Blutarmut. Ich kann noch nichts sagen, aber ernst, furchtbar ernst," flüsterte er Sara zu, die nun mit dem Arzt und dem Kranken zurückblieb, während der alte Mann, von seinem Sohne mehr getragen, als geführt, das Zimmer verlassen hatte. Alerander war infolge der vom Arzte angewandten Beruhigungsmittel in Schlaf versunken; die beiden Personen im Zimmer unterhielten sich leise in. einem Winkel desselben. „Die Krankheit ist wohl sehr gefährlich?" fragte Sara. „Jawohl meine Liebe, gefährlich, aber nicht absolut tötlich. Schwer geschädigt, aber nicht vernichtet. Man sieht zuweilen in der Pflanzenwelt vertrocknete Stengel, welke Blätter, scheinbar ganz abgestorbene Gewächse, aber ein wenig sorgsame Pflege genügt, die Scheintoten ins Leben zurückzurufen. Ein Sonnenstrahl, ein Becher Wasser, und die welke Pflanze gewinnt wieder Leben, die Blätter färben sich, die Stengel richten sich auf, neuer Saft befruchtet die Kraft und treibt Blüten und Früchte. Der menschliche Organismus kann, wenn ihn das Alter nicht ganz morsch gemacht, wenn noch einiges Blut durch die Adern rollt, eine Metamorphose durchmachen. Ich sah Personen, denen der Arzt bereits die Legitimationspapiere ausgestellt und der Tischler den Sarg gezimmert, sich langsam dem Tode entwinden und zu neuem, dauerndem Dasein erstarken. Ich kann noch kein Prognoftikon stellen, nicht einmal eine genaue Untersuchung des Kranken unternehmen. Wir müssen warten." / Unten in der großen Familienstube jammerte und betete der blinde Vater. „Armer, armer Sender! Dir hat die Reue, das Leben geraubt. Du glaubtest nicht an die Barmherzigkeit Gottes und an die Liebe des Vaters. Wir sind ja alle Sünder. Wer ooa uns ist sündenrein? Wir bereuen, tun Buße und hoffen aus die Gnade Jehovas, der die Reumütigen wie die Frommen ausnimmt. Verleihe ihm Leben und Gesundheit, allgütiger Vater im Himmel; gib ihm Zeit und Kraftdie Untat zu sühnen, sein Leben Deinem Dienste zu weihen und nach Deinen Gesetzen zu gehen. Gib o Gott, daß der Tod von seinem Lager weiche und die Gesundheit seinen Körper ausrichte, auf daß wir alle jubelnd rufen: Gelobt sei Gott, der ewige, der alleinige, der einzige Gott im Himmel und auf Erden. Sein Namen sei gelobt in aller Ewigkeit. Amen." . Als ob das Gebet des Vaters sofort Erhörüng gefunden hätte und der lauernde Tod gebannt worden wäre, begann in der Nacht die Besserung des Kranken in der oberen Stube, in der die Schwester wachte. Der Schlaf übte seine heilende Kraft auf die zerrütteten Nerven des Patienten, und als dieser erwachte, fühlte er sich viel ruhiger und weniger rnatü „Nur so fort," sagte der Arzt nach eingehender Prüfung, „und wir werden vorwärts kommen. Der Puls ist . heute kräftiger und das Allgemeinbefinden viel Wähler. Ruhe, Beruhigung, reichliche Nahrung, gute Luft und freuüdliche Lebensbilder werden den etwas verfallenen Körper aufrichten, und dann reisen wir dem Frühling entgegen, nach dem Süden, wo die Natur stets ihr Brautkleid trägt." Es hat dem Kranken weder an Liebe noch an Pflege gefehlt. Die traurige Vergangenheit lag begraben, und an ihrer Stelle keimte, grünte, blühte ein neues Leben. Die letzten Tage des alten Mannes flössen sanft dahin und erloschen wie ein Sonnenuntergang, während Alexander in glücklicher Umgebung der Seinen sich durch Frömmigkeit und Akte der Wohltätigkeit einen ehrenhaften Platz in der Gemeinde eroberte, in der noch jetzt sein Namen und seine Stiftungen fortleben. Literarische Mitteilungen. ----1. Ein archäologischerFnttd. A.S.Hahuda gibt im"„Berliner Tageblatt" (19. Januar) unter dem Titel „Ein bedeutsamer Fund in Samarja aus.,der Zeit des Königs Ahab von Israel" Nachricht von einer hochvedeutenden Entdeckung. Es sind nämlich unter der Leitung des..von seinen ägyptischen Ausgrabungen bekannten und wegen seiner Zuverlässigkeit und Umsicht sehr geschätzten Archäologen Professor Neisuer vor wenigen Wochen etwa 100 geschriebene Tontäfelchen in einem Schutthaufen einer tieferen Ruinenschicht gefunden worden. Die Täfelchen zeigen althebräische Schrift, die Buchstaben sind aber nicht in den Ton eingeritzt, sondern mit ägyptischer Tinte geschrieben. Das Resultat der Untersuchungen dieser Täfelchen ist folgendes: „Auf einem von ihnen befand sich ein Schreiben des Königs von Assyrien an den König Ahab von Israel. Die Sprache ist assyrisch, die Schrift aber nach einer Mitteilung Keilschrift, nach einer anderen die althebräische. Ueber den Namen des assyrischen Königs ist vorläufig noch nichts bekanntgegeben; eskann jedoch keinem Zweifel unterliegen, daß es sich entweder um Assurbanipal (884 bis 860 v. Ehr.) oder dessen Sohn Salmanesser II. (859 bis 825 v. Chr.) handelt, die Zeitgenossen von Omri und Ahab waren (900 bis 854 v. Chr.). Jedenfalls läßt sich auf Grund der Entdeckung des assyrischen Schreibens mit großer Wahrscheinlichkeit sagen, daß der ganze Fund aus dem Archiv des Königs Ahab selbst oder aus der Kanzlei eines königlichen Schreibers stammt. Diese Wahrscheinlichkeit gewinnt dadurch äu Boden, daß eine Anzahl Täfelchen ein ausführliches Verzeichnis vom Mobiliar des königlichen Palastes aufwelst. Ueber den Inhalt der übrigen Dokumente, unter denen sich auch Kauf- und Handelsverträge befinden sollen, werden wir wohl bald vom glücklichen Finder selbst näher unterrichtet werden. Alles in allem kann dieser Fund schon jetzt als die wichtigste im Heiligen Laude überhaupt gemachte Entdeckung bezeichnet werden." Der Fund ist in politischer und religiöser Beziehung von der allerhöchsten Wichtigkeit; die Persönlichkeiten von Ahab und Elias werden uns dadurch bedeutsam näher gerückt. Uahuda führt dies näher aus und schließt seine Mitteilung mit folgenden Worten: