Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 46 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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aus und raste davon, der unglückliche Reiter verlor.Zügel und Bügel, stürzte in einen. Straßengraben und war tot. Sein Henker erhielt einen vierzehntägigen Arrest und behielt seine. Charge. Das war der Preis für ein Menschenleben! Die-, junge Witwe, deren Leben, kaum .daß es begonnen, für immerZ vernichtet wurde, kehrte mit den zwei verwaisten Kindern ins Elternhaus zurück. Der Sohn Samuel oder Samel, wie ev. meist genannt wurde, ein. schlichter, biederer, einfach nach Ghetto-Art erzogener? Mensch wurde von seinen Eltern nach Russisch-Polen an entfernte Verwandte abgegeben, die in einem kleinen Gouverne-, mentsstädtchen ein gutgehendes.Geschäft und eine minderbegehrenswerte Tochter besaßen. Samel nahm die Tochter und bekam als Entschädigung einen Anteil an dem Laden, der ziemlich gut mit allerlei Waren ausgestaltet war und, einen beträchtlichen Wert hatte. Das junge Paar lebte miteinander wie Hund und Katze, stand fast jeden Tag marschbereit, auseinander zu gehen und nur den Bemühungen der/ Eltern gelang es, den gänzlichen Bruch und die Scheidung zu verhüten, ohne jedoch einen dauernden Frieden Herstellen zu können. Da brach eines Tages in Rußland der Pogrom los. Unter Duldung der Polizei, hier und da unter ihrer Mitwirkung, warf sich der trunkene, aufgehetzte, mit allerhand Waffen aus-' gestattete Mob in die Quartiere der Juden, erbrach Wohnungen und Läden, verwundete, schändete und tötete die schuldlosem Besitzer; raubte, was mitgenommen werden konnte, vernichtete, was bleiben mußte, und ließ auf seinem Raubzuge Leichen- Trümmer, Jammer und Elend zurück. Die Schwiegereltern Samels, gestern noch sehr wohlhabend, sind heute bettelarm geworden. Ihr Haus war zerstört, ihre Einrichtung vernichtet, die Waren waren davongetragen, die Fässer mit Getränken zerschlagen, und die Männer, die sich wehrten, lagen schwer verwundet da. Ein Schrei des Entsetzens und der Entrüstung ging damals durch den gesitteten Teil Europas, das menschliche Gefühl bäumte sich überall auf, und in den meisten Städten wurden in jüdischen Kreisen Geldsammlungen für die^ Opfer der russischen Bestialität veranstaltet. Aus diesen Unter-' stützungsgeldern erhielten Samel und sein Schwiegervaters einen teilweisen Ersatz für die erlittenen Verluste, und da Samel' in diesem lieblichen Lande absolut nicht bleiben, seine Frau^ yicht sortgehen wollte, sa kam die Scheidung im Einvernehmen beider Parteien zustande. Die Frau blieb, der Mann ging.. Froh, das barbarische Land und die rohen Menschen verlassen; zu haben, kehrte Samel mit einigem Gelde in die Heimat zurück, heiratete bald, eine ihm verwandte junge Witwe, etablierte ein kleines Warengeschäft, dem sie mit Routine und' Erfolg Vorstand, während er sich dem blinden Vater widmete/ ihm die Gebete, die Psalmen, die eingegängenen Briefe vor^ las, ihn morgens und abends ins Gotteshaus begleitete und ihn zuweilen spazieren führte, damit der alte Mann auch einmal eine bessere Luft atme als jene, die im engen, dumpfen Ghetto herrschte. Als Samuel vom Besuche des Fremden vom oberen Stock herunterkam, war er ganz ergriffen. Der gutmütige MenW konnte kaum sprechen. „Es ist ein Sterbender," sagte er dann, „den du Schwester ausgenommen; als ich ihm die Hand reichte/ faßte ich eine kalte, feuchte, zitternde und schlottrige, bei deren Griff ich schauderte. Er hielt die meine lange umklammert^ als wollte er sich. an ihr "erwärmen. Jeder Laut, der über seine blassen Lippen kommt, tut ihm sichtlich weh und ist ihm eine Anstrengung. Es ist der sichtliche Verfall des noch jungen Lebens, an dem ein böser Wurm nagt.. Umam Schabbes nicht zu fasten, will er aus deiner Hand einen Löffel Suppe nehmen, liebe, Schwester, einen Arzt jedoch nicht sehen. „Nutzlos!" hauchte er. Dich, lieber Vater, möchte er morgen sehen, wenn er nach der Ruhe der Nacht einige Kraft gesammelt haben wird. Heute ist er müde und geschwächt von einer langen beschwerlichen Reise und außerstande zu sprechen. Er möchte dir aber seine letzten.Aufträge für den Fall geben-, daß er nicht mehr lebend dies Haus verläßtdenn ein alter frommer Mann, sagte er, ist ein Priester." - - - Am nächsten Tag, nach dem Schulgange, ließ sich der blinde Alte in die Wohnstube des Fremden führen. Es waren Jahre vergangen, seitdem der greise Hausherr oben war; seit dem Tode seiner Frau nicht, die im selben Zimmer starb, welches jetzt vom Kranken bewohnt war. Sohn und Tochter begleiteten den Vater, der den Gast begrüßte. Dieser lag matt auf einem Ruhebett hingestreckt, merklich schwächer als am vergangenen Abend. Das Fieber, das in ihm loderte, steigerte sich, beim Eintritt des alten Mannes. Seine Pulse flogen, sein Herz hämmerte, seine Äugen glühten; das Sprechen war ihm schwer. Der Tod schien zu Häupten seines Bettes zu sitzen und die Stunden des verrinnenden Lebens zu zählen, gierig bereit, nach dem Stillstand der Uhr die Beute zu Packen.; Und so allein, so gottverlassen allein! Dem blinden Vater war ein schmerzlicher Anblick erspart, als er, vor dem Sterbenden stehend, nach dessen Hand tastete, um ihm ein „Schalom-Alechem" zu bieten. Die Hand, die er ergriff, war kalt und feucht, daß der Alte bebte. „Warum lassen Sie keinen Arzt kommen?" fragte er. „Mir kann kein Arzt helfen," erwiderte der Kranke mit kaum hörbarer, matter Stimme. „Aber Gott kann Helsen!" rief der Greis. „Und Gott braucht zu seiner Hilfe eine Mittelsperson. Gott verschreibt keine Medikamente, verordnet keine Kuren, aber die Aerzte folgen? der göttlichen Eingebung und erhalten dem Leben, was leben soll. Rust einen Arzt. Bedenket, dieser Rat kann eine Eingebung von oben sein. Wie alt seid Ihr?" „Vierunddreißig." - „Vierunddreißig! Bei diesem Alter hat man kein Recht, auf das Leben zu verzichten, es hinzuwerfen wie ein Selbstmörder! Haben Sie Weib und Kind?" Der Kranke schüttelte den Kops. „Kein Weib und kein Kind. Ich stehe ganz allein; im Leben und Tod allein; nach mir wird kein Weib trauern, wird kein Kind beten. Versunken und vergessen." Und in die hohlen Augen des kranken Mannes stiegen Tränen auf Tränen, die eingefallenen fahlen Wangen hinabrollend. . Die Anwesenden waren tief ergriffen und konnten sich des Weinens nicht erwehren. Mitleidsvoll näherte sich Sara dem Bette. Mit halb erstickter Stimme sagte sie: „Der Mensch darf nie die Hoffnung auf Gottes Hilfe und Barmherzigkeit aufgeben, Gott kann Wunder tun. Beten und hoffen Sie zu ihm; nehmen Sie Nahrung, heute ist Sabbat, da darf man nicht fasten. Vertrauen Sie auf Gott." „Ich wollte, ich dürste es, seufzte der unglückliche Alexander, aber ich habe schwer gesündigt, als ich jung und unerfahren war; wilde Wellen trugen mich fort durch ein stürmisches Leben und warfen mich schließlich gebrochen an ein felsiges User, wo ich schon lange mit dem Tode ringe, der grausam mit mir spielt. Er wäre eine Erlösung für mich, wenn ich nicht die Rache Gottes, das schaurige Jenseits fürchten müßte." „Gott ist großmütig nnd barmherzig," sagte der Alte, „er verzeiht dem Sünder, wie der Vater seinem Sohne verzeiht." „Wie der Vater seinem Sohne verzeiht!" rief mit dem ganzen Aufgebot seiner Kräfte und der verlöschenden Stimme der Leidende und suchte sich im Bette aufzurichten. „Vater! Vater!"