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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-27 · Heft 4 (27.1.1911) · p. Seite 45

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 4 (27.1.1911)
Date
1911-01-27
Page
Seite 45 (sequence 9)
Language
German
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die nun Milchbrüder waren, wurden umgetauscht, blieben aber treue Kameraden: Der Sohn Simons wurde als Jehuda der Heilige berühmt und, das Heidenkind, das die Milch ^er^Iubin genossen chatte> wurde gelehrtdiente dem Heiligen und ward der „König Antoninus". . , ' haben - es hier 'mit dem jüngsten Sprößling der Antoninus - Rabbi-Legende zu tun, aber er macht uns den Charakter und das Wachstum der ganzen Familie verständlich. Talmud und Midrasch sind erbaulich, oft. belehrend, tröstend, wichtig für Kenntnis der Sitten und Anschauungen /ihrer Zeit, aber keine Geschichtsquellen im modernen Sinne, j für die sie Krauß zu halten scheint. Sie spielen gern mit Zahlen Und lassen sich mitunter arge Uebertreibungen zuschulden kommen. Ich erinnere hier nur an die 400 Schulen mit je 400 Lehrern, deren jeder 400 Schüler hatte in Bethar und an die römische Belagerungsarmee mit ihren 160 000 Trom-' petenbläsern?) ^\ . Historische Personen erscheinen bei ihnen oft seltsam maskiert, mit ihrer Zeit und ihrer Nationalität gar nicht entsprechenden Zügen, oder haben ebenso wenig existiert als die törichten Jungfrauen oder die gezwungenen Hochzeitsgäste der ungefähr in derselben Zeit verfaßten Evangelien. Ja, diese stehen den von ihnen erzählten Ereignissen vielleicht näher als Talmud und Midrasch den Zeiten der Antonine. Jost, der anfangs noch .einen bestimmten Kaiser als Freund Rabbis anerkennen wollte, hat später seine Meinung geändert und die; angebliche Freundschaft Rabbis mit Antoninus als Sage bezeichnet. So weit möchte ich nicht gehen, ein Körnchen Wahrheit, stark von Sagen und tendenziöser Dichtung umsponnen, steckt wohl in den betreffenden Erzählungen. Mehr als ein römischer Kaiser und Feldherr hat sich wohl mit irgendeinem jüdischen Gelehrten über religiöse Dinge unterhalten, ihn über jüdische Gebräuche, die den Römern so sonderbar vorkamen, ausgefragt. Am wahrscheinlichsten ist dies von dem neugierigen, phantastischen, den Juden so verhaßten Kaiser Hadrian anzunehmen. ' Aber von einer intimen Freundschaft, von langdauerndem Verkehr kann nicht die Rede sein. „Irgendeinen römischen Statthalter", vermutet auch der Lexikograph Levy, und Krauß, der ihn (S. 74) zitiert,, klammert sich an das Wort Statthalter, da ja sein Avidius Cassius einmal Statthalter gewesen -ist. Ich möchte jedoch lieber das Ein weglassen. Der Sage liegen wohl Anekdoten von verschiedenen, römischen Kaisern und angesehenen Großen zugrunde, die noch bei deren Lebzeiten in Umlauf waren und die eine spätere Zeit einer berühmten Persönlichkeit zugeeignet hat. So hat man in neuerer Zeit viele Anekdoten von anderen Personen Friedrich II., Joseph II. oder Napoleon zugeschrieben. Die jüdischen Erzähler wählten den Patriarchen Juda, weil er der letzte große berühmte jüdische Fürst war. Den Namen Antoninus hat man vielleicht feinem Freunde deshalb gegeben, weil zu jener Zeit mehrere römische Kaiser ihn geführt haben, er gewissermaßen synonym mit Kaiser geworden war. Bei alledem bleibt das Werk von Krauß eine dankenswerte Arbeit. Wenn er auch die Antoninusfrage nach meiner Ansicht nicht befriedigend beantwortet hat, so hat er doch das Für 'und Wider vollständig zusammengestellt und ' kritisch untersucht. Neues wird sich nach ihm darüber kaum mehr sagen lassen. y Talmud bcrb. Gittin 38b, jer. Taanith IV, 68. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto von Leo Herzberg -Fränkel. (Schluß:) Rückkehr. Üon seinem Sohne geleitet und gestützt, tritt der blinde Greis in die sabbatlich hellerleuchtete, blankgescheuerte Stube. Ach, für die erloschenen Augen des alten Mannes gräbesfinster! Er wird von seinen Kindern seines längen schwarzseidenen Tatars entkleidet und zu seinem Sitze am oberen 'Ende der Tafel geführt, auf der mehrere Kerzen brannten, Wein und Brot des Segenspruches harrten. ' „Gut. Schabbes, Vater!" sagte ihm die Tochter, sich zu ihm niederbeugend und liebevoll in das bleiche, von schneeweißem Haar umrahmte Gesicht blickend. „Wir haben spät abends ■ einen Gast ins Haus bekommen, einen schwerkranken Mann, der kaum die Stiege hinaufklimmen konnte, weder es^en, noch trinken, noch einen Arzt haben will, weint und stöhnt, wie es scheint infolge körperlicher und seelischer Schmerzen." „So kümmere Dich um so mehr um ihn, Sara. Geh' Du jetzt hinauf, Samuel und gib ihm den Schalom-Alechem. Frag' ihn, ob er was braucht und ob ich mich morgen nach dem Gottesdienst zu ihm hinauf führen lassen darf, um ihm auch meinerseits den Schalom-Alechem zu bieten und ihn mewacker chole zu . sein. Das sind zwei menschenfreundliche Gebote unserer heiligen Thora, lieber Samuel, dem Fremden die Hand zu reichen und dem Kranken beizustehen." -Samuel ging hinaus; der Bruder ahnungslos zum Bruder, den er seit ihrer Kindheit nicht gesehen hatte. - Die beiden Geschwister Alexanders sind/ so wenig wie er, vom Schicksal verweichlicht worden. . Die Schwester Sara heiratete noch zu Lebzeiten ihrer Mutter, auf deren Wunsch, kaum dem Kindesalter entwachsen, den ebenfalls noch sehr jungen Sohn eines in einem benachbarten Städtchen residierenden Wunderrabbis, der nichts besaß als den Namen seines Vaters. Nach zweijähriger Ehe kam das erste Kind zur Welt, nach dreijähriger das zweite es war ein Jubel in der Familie, zwei Söhne, die dem Heiligen Rabbi in direkter Abstammung nachgeraten sollen! — Nach dreijähriger Ehe kam die Einberufung des jungen Familienvaters, der ohne behördliche Bewilligung geheiratet hatte oder richtiger verheiratet wurde, zum Militär! Man kann sich den Jammer denken. Ein junger verweichlichter Mensch, der fast nie das Bethaus und das Studium des Talmuds verlassen, nie eine Arbeit verrichtet, nie eine Entbehrung erlitten, nie einen harten Befehl erduldet hatte, nun Soldat! Und er, der einem Gewehr' und einem Pferd stets scheu auswich, weil das eine schießen, das andere ausschlagen kann, wurde zufälliger- oder boshafterweise gar zur Kavallerie eingereiht. Als Sara von ihrem Gatteu Abschied nahm,. weinten beide, äls gälte es einen Abschied auf Nimmerwiedersehen, eine ewige Trennung. Und sie sahen einander nicht wieder. Der schwache und ängstliche, gänzlich unbeholfene junge Mann hatte das fernere Unglück, einem b ösartigen, antisemitischen Instruktor ^-unterstellt zu werden der in' seiner bürgerlichen BsruMeschäftigung Schweinestechev war und den armen Menschen beim Reitunterrichten mißhandelte Eines Tages peitschte der Halunke von einen Unteroffizier das nervöse Pferd, auf dem der Rekrut saß; die Stute schlug

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