Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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„Ünivers israMe", dem wir diese Notizen entnehmen, enthält - in derselben Nummer eine freundliche. Erwähnung der Tatsache,, daß unsere Zeitung in den 75. Jahrgang getreten ist; ' wie ich glaube, die einzige Kollegin, die diesen Gedenktag, .erwähnt. 1 Das neue Schulgesetz in der Türkei, das von dem Minister des Unterrichts bei der Kammer eingebracht worden ist, enthält nach der „N. I. K." folgende, für die Juden wichtige Bestimmungen: Der Volksschulunterricht wird allgemein und obligatorisch. Die jüdischen Schulen sind entweder Anstalten der Gemeinden oder Privatschulen. Eine Privatschule darf ohne Autorisation nicht eröffnet werden. Das Gesuch um Autorisieru.ng ist an die Lokalbehörde, an den Unterrichtsrat der Provinz und an den Mali der Provinz zu gleicher Zeit zu richten; erfolgt binnen vier Wochen keine Antwort von der Lokalbehörde, so muß der Mali entscheiden. Die Privatschulen können von der Negierung Subvention verlangen, aber ihre Lehrer haben, zum Unterschiede von den staatlich angestellten, kein Pensionsrecht Die Leiter der Privatschulen können ihre Lehrer ' ihre Lehrbücher und ihr Lehrprogramm frei wählen, doch müssen die Programme denen der gleiä stufigen Negierungsanstalten entsprechen. Obligatorisch sind neben den Realsächern türkische und ottomanische Geschichte. Michael Holsmsn. Von Ludwig Geiger. &lm 7tz. Jahrgang dieser Zeitschrift, Nr. 46, S. 546 ff., ist der Feier des 50jährigen Bestehens der jüdischen Lehrerbildungsanstalt in Berlin gedacht; in dem „Gemeindeboten" derselben Nummer ist eine Schilderung des Festes gegeben worden. Heute, am 27. Januar, ist noch einmal des hochverdienten Leiters dieser Anstalt und der jüdischen Knabenschule zu gedenken, bei Gelegenheit des 70. Geburtstages des trefflichen, nur allzu bescheidenen Mannes. In wenigen Monaten, nach Ablauf des Wintersemesters, wird Holzman aus den Stellungen scheiden, die er mit vorbildlicher Treue bekleidet hat. Er scheidet aus dem Amte, weil er sich nach Vollendung des 70. Lebensjahres nicht mehr die körperliche Kraft und die geistige Regsamkeit zutraut, die zur Erfüllung einer den ganzen Menschen fordernden Tätigkeit nötig sind: Laute Feste sollen nicht gefeiert werden, aber ein herzliches Wort des Dankes soll und muß auch gegen den Willen des Jubilars an diesem Tage gesprochen werden. Michael Holzman ist ein Lehrer von Gottes Gnadech ein Mann in der , schönsten Bedeutung des Wortes. In den vielen Jahrzehnten, während deren er unserer Gemeinde und unserer Stadt diente, hat er ein ungewöhnliches Wissen, eine reiche pädagogische Begabung, eine wunderbare Kraft des Wollens und Handelns gezeigt. Er war und ist das Muster eines pflichttreuen Lehrers, das glänzende Beispiel eines zielbewußten Leiters. Er beherrscht die Gegenstände, in denen er unterrichtet: Pädagogik, Deutsch und Hebräisch mit seltener Vollkommenheit. Er besitzt die Begabung, auch in fernliegende Disziplinen sich zu vertiefen, seinen Kollegen die trefflichsten Fingerzeige zu geben, seinen Schülern das Vep- Direktor Dr. rNichael" holzman. ständnis aller 'Gegenstände des Unterrichts zu erleichtern^ Er verbindet die Autorität des Führers mit der kämeradschaft" lichen Gesinnung des Kollegen. Niemals etwas für' sich erbittend, nicht leicht geneigt, die ihm angebotenen Vorrechte anzunehmenweiß er mit Entschiedenheit und' Nachdruck einzutreten für Förderung der Interessen seiner Kollegen und Untergebenen. Er liebt seine Schüler wie ein- Vater, der mit Milde straft und mit'herzlicher Güte belohnt. Es war mir stets ein erhebendes Gefühl, bei den feierlichen Schulentlassungen sein leuchtendes Auge zu sehen, wenn er den Knaben Prämien übergeben und Lob spenden konnte; es war ergreifend, seine Trauer zu bemerken, wenn er gezwungen War, Rügen zu erteilen und Tadel auszüsprechen. '' Holzman hat es verstanden, die drei Anstalten, zu deren Leitung ihn das Vertrauen der Gemeindebehörden berief, zu Musteranstalten zu erheben, in denen ein umfassendes, reiches iWissen 'den Geist' der Schüler befruchtete strengste Zucht waltet, die Sittlichkeit geweckt und genährt wird, deutscher Geist gepflegt und jüdische Gesinnung in die Herzen gelegt wird. Das ist vielleicht das Größte an ihm, daß er sich sein Leben laug mühte, die Errungenschaften der deutschen Kultur, die er selbst in höchstem Grade besitzt, auch seinen Schülern zu verschaffen, und sie mit tiefer Liebe zum Judentum, die sein Innerstes erfüllt, auszustatten. Seine Schüler haben von ihm nicht nur das Wissen, sondern die Kraft erhalten, im Kampfe des Lebens sich als Männer zu bewähren, dazustehen als echte Führer eines kommenden Geschlechts, als sittlich gefestete Menschen/als Bannerträger des Geistes, als wahrhafte Deutsche, als glaubensinnige Juden. Der MaNn, der als begeisterter und begeisternder Träger der Zukunft sein Leben zugebracht hat, der in den Kämpfen der Gegenwart seinen Mann ftet)t>itnb. ohne je agitatorisch zu wirken, den freien Standpunkt, zu, dem er gelangt ist, mannhaft zu verkünden sich nie scheut, senkt den Blick gern in die Vergangenheit. Mit treuer Dankbarkeit wahrt er die Erinnerung an die Meister, denen er seine innere Entwicklung schuldet. Mit inniger Verehrung blickt er auf H. Steinthal, der ihn in einzelne Wissensgebiete eiyführte, mit erquickendem Enthusiasmus rühmt er Abraham Geiger, dessen religiöse Gesinnung und Auffassung ihm den eigenen Pfad erhellte. Holzman ist ein treuer Freund, der die Genossen seiner Kindheit mit Liebe und Innigkeit sein ganzes Leben sich bewahrt hat, ein Freund, der auch den Trauten ernste Vorhaltungen zu machen weiß, der aber das Band engster Gemeinschaft nicht zerreißen läßt, wenn auch Widersprüche ihn scheinbar von dem Wege "des anderen entserneu. Ein innig liebender Gatte, der in ungetrübter Lebensgemeinschaft Jahrzehnte hindurch mit seiner Lebensgefährtin, die an allen seinen Freuden und Leiden innerlichst teiluimmt, ein harmonisches Dasein führt; das schönste Vorbild einer echten und wahren Ehe. Holzman ist sein ganzes Leben hindurch so vollständig aufgegangen in die Pflichten seines' Amtes, daß er wenig veröffentlichen konnte," nur einige sprachliche Studien, eine Biographie seines Lehrers und Meisters Steinthal und die