Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 4 (27.1.1911)
- Date
- 1911-01-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 27. Januar 1911 75. Jahrgang Nr. 4 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Diese :Zeitung erscheint wöchentlich.. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch unsere vertriebsstellen), bezogen vierteljährlich 3 M. Alle- Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „AUgem. Zeitung, des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/^9, 3« rich en. Verlag, von Rudolf Masse, Berlin.?Tttft£rT+ Offenes Schreiben an den Herrn Geheimen Justizrat Professor glll/üll. Dr. Joses Köhler. .Von Professor Dr. Gottlieb Klein, Rabbiner in Stockholm. — Die Woch.e. — Michael Holzman. Von Ludwig Geiger. — Joses Fischer. — Kaiser Antoninus und Rabbi. Von Dr. Marcus Landau. — Feuilleton: Rückkehr. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto von Leo Herzberg-Fränkel. — Literarische Mitteilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Posen, Aus der Provinz Posen, Hamburg, Stuttgart, Straßburg, Metz, Diakovar, Rivera (F. C. P). — Von Nah und Fern. Menes Schreiben sn den Herrn Geheimen Wlti?rst Krokessor Dr. Iolek Hohler. Von Professor Dr. Gottlieb Klein, Rabbiner in Stockholm. Sehr geehrter Herr! eit vielen Jahren gehöre ich zu . Ihren stillen Verehrern. EinenHArtikel von Ihnen zu lesen, war mir stets ein Hochgenuß. Sie sind für. mich der Typus einer bald dahingeschwundenen Zeit, in der vom Gelehrten mehr verlangt wurde als bloß Fachsimpler zu sein.. Um so. größer war meine Ueberraschung bei der Lektüre Ihres Artikels.über „Die Juden" in der „Deutschen Montagszeitung" vom 12. Dezember 1910. Sie. beginnen gleich Bileam mit einem Segen. Aber der Segen wandelt sich bald zum Fluche. * Da ich bei einem Manne Ihres Schlages an schlecht^ Motive nicht denken kann, so gibt es für Ihre Stellungnahme zum Judentume nur eine Erklärung: Sie kennen es nicht. Ich halte es darum für meine Pflicht, Sie eines besseren zu bH lehren, und ich hege die feste Ueberzeugung. daß Sie, im Falle es^mir glücken'sollte, Jhnen'eine andere Meinung beizubringeiy Ihre Worte zurücknehmen werden. Sie werden dadurch nicht allein vielen Juden, bei denen Worte, von so autoritativer Seite gesprochen, ein moralisches Chaos erzeugen können, sondern der Wahrheit überhaupt einen Dienst leisten. ' Ich will aus Ihrem Artikel, der zu mancherlei Reflexionen Anlaß gibt, nur einen Punkt herausgreifen: Sie konstatieret eine Verschiedenheit des Denkens und Fuhlens zwischen- Deutschen und Juden. Um dieseMuft zu uberbrücken, schlagen Sie ein radikales Mittel vor: die Taufe. — Dieses Mittel einer objektiven Prüfung zu unterziehen, soll die Aufgabe dieser Zeilen sein. Sie sagen: „Das Institut aber, wrlches die Juden von der-übrigen Bevölkerung fernhält, ist die Synagoge. Wie im Judentum von jeher das religiöse mit dem nationalen Element verbunden war und Jahwe als . der mächtige Führer der Söhne Israels galt, der das gesegnete Volk durch alleMhrlichkeiten hindurch geleitete, so läßt sich auch heutzutage nicht.verkennen, daß die Vereinigung in der Synagoge nicht nur ein religiöses, sondern auch ein stark nationales Element in sich faßt. Drängt doch der Talmud seine Verehrer in altertümliche, streng nationale Lebensformen hinein, und läßt doch der talmudische Gedanke, daß der Nationaljude vor Gott eine höhere Stelle einnehme, sich trotz aller Reformideen und trotz aller modernen Auffassungen solange nicht vollständig verdrängen, als die an sich bedeutungsvollen Ideen der .Mischna und Gemara das heiligende Band einer Religionsgemeinschaft bilden." Es tut mir leid, es Ihnen sagen zu müssen, allein es ist Tatsache, daß alles, was Sie da sagen, wissenschaftlich unhaltbar ist. - - Als Christ, der für das Christentum Propaganda machen i will, sollten Sie von rechtswegen von der Bedeutung der 4 Synagoge eine andere Vorstellung haben. Sie sollten aus der Apostelgeschichte und aus den Briefen des Apostel Paulys wissen, daß ohne Synagoge das Christentum nimmer Meltreligion geworden wäre. Um die Synagoge in dör Diaspora sammelten sich bekanntlich Tausende und Abertausende „gottesfürchtiger" Heiden, um ihre Sehnsucht nach Gott zu befriedigen, Tausenden und Abertausende erhielten in vorchristlicher Zeit durch die Synagoge ein sittliches Ideal. Und bei diesen und nur bei diesen von der Synagoge vorbereiteten Heiden hatte Paulus seine Triumphe gefeiert und den Grund zur eeolesia militans gelegt. Wir kennen auch aufs genaueste die Lehren, welche die Synagoge den Heiden zu bieten hatte. Aus jüdischen, wie nicht minder aus christlichen Quellen sind wir darüber unterrichtet. Obenan stand die. Grundlehre des Judentums: das Bekenntnis des einen Gottes, des Vaters aller Menschen. Darauf folgte das aus diesem Bekenntnis sich ergebende Gebot der Liebe zu allen Menschen. Des weiteren wurde dem Proselyten die goldene Regel mitgeteilt: „Was Du nicht willst, daß Dir geschehe, das tue auch einem anderen nicht." ' / Auf dieses Gebot der Gerechtigkeit wurde ein ganz besonderer Nachdruck gelegt. Wohl ist die Liebe das größte in der Thora, allein, man sah es als unpädagogisch an, gleich mit dem größten zu beginnen. In erster Linie sollten die Menschen lernen, gerecht gegeneinander zu sein, und man hoffte dann allmählich in ihnen ein Sehnen nach der reifsten Frucht am Baume der Religion zu erwecken: nach dem Gebo'.e der Liebe. — Infolge des ungeheuren Zudranges der Heiden zur Synagoge wurden die ihnen zu erteilenden Lehren systematisiert. In Palästina wurde diese Disziplin Derech I erez oder, noachidische Gebote genannt. Dies würde etwa »