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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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’ X. Siffä i. P., ,13. Januar. Am 8. Januar sprach Rechtsanwalt Dr. Holländer aus Berlin, Syndikus -des ^Zentralvereins D e u t s ch er S t a a t s bürgerjüdischenGl a u-ben sf^in derLiss aerOrtsgruppe dieses Vereins vor zahlreichen Vereinsmitgliedern und Gästen aus Lissa, Fraustadt, Kosten und Posen über das Thema „Abwehr und Einkehr". Gleich im Eingang seiner Ausführungen erklärte der Redner, daß man den Leitworten des Zentralvereins . ^Abwehr und Einkehr" noch das Leitwort „Aufklärung" hinzufügen könne, erwähnte die'Trauerfeier, die soeben in Berlin für den Begründer des Zentralvereins, den Direktor des Schillertheaters, Raphael Löwenfeld (dessen Broschüre „Staatsbürger oder Schutzjude" dereinst so großes Aufsehen erregte), stattgefunden hätte und ging dann auf die verschiedenen Spielarten des Antisemitismus ein» die der Zentralvereiy abzuwehren und zu bekämpfen bestrebt sei, den religiösen, den politischen und den in den Schulen und beim Militär beobachteten Antisemitismus. Jeder Jude solle mannhaft und selbstbewußt alle gegen das Judentum gerichteten Angriffe abzuwehren suchen, er solle aber auch Einkehr bei sich selbst halten, insofern, als er sich nicht scheuen solljederzeit sein Judentum stolz, offen und frei zu bekennen, eingedenk dessen, was seine Vorfahren im Heldentum und für die Weckung und Verbreitung der religiösen. und kulturellen Ideen geleistet haben. An den fesselnden und begeisternden Vortrag des Redners, der vielen Beifall fand, schloß sich eine lebhafte. Diskussion, in welcher der Vorsitzende der Ortsgruppe, Justizrat Nürnberg, auf die energische Arbeit der Lissaer Ortsgruppe zur Wahrung der Rechte der Juden hinwies. Der Redner des Abends, Rechtsanwalt Tr. Holländer, hob dabei hervor, daß der Zentral' verein der Tätigkeit des Ostmarkenvereins, sowie der Ausmerzung antisemitischer Lese» und Bibliotheksbücher und der Einführung einwandfreier, empfehlenswerter Jugendschristen jetzt seine besondere Aufmerksamkeit zuwenden werde. ----- Breslau, 15. Januar. Am Sonnabend den 14. Januar . feierte einer der größten jüdischen Gelehrten seinen 70. Geburtstag, Seminarrabbiner Prof. Dr. Israel Lewy in Breslau. Geboren zu Jnowrazlaw, besuchte er das jüdisch-theologische Seminar in Breslau, die älteste, mcderr.e Rabbincrschule in Deutschland und wurde bereits im Alter von 31 Jahren als Dozent an die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin berufen, wo er bis zum Jahre 1883 tätig war. Seit dieser Zeit doziert er an der Anstalt, an der er herangebildet wurde, talmudische Disziplinen. Lewy gilt in seinem Fach als eine Autorität ersten Ranges. Er hat als erster die moderne, kritische Methode bei dem Studium des babylonischen und des bisher arg vernachlässigten, jerusalemischen Talmuds angewandt und damit sehr bedeutende Erfolge erzielt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten, z. B. über die Mischna des Abba Saul, über die Spuren des griechischen und römischen Altertums im talmudischen Schrifttum, über den palästinensischen Talmudteil Nesikin, enthalten die Ergebnisse seines Forschens und bekunden die umfassende Gelehrsamkeit, den ungewöhnlichen Scharfsinn und den Gedankenreichtum Lewys. Bei dem Jubiläum des Breslauer Seminars im Jahre 1904 erhielt er den Professorentitel. Eine große Anzahl deutscher Rabbiner verdankt ihm ihre Ausbildung. r. München, 13. Januar. Am 7. d. M. waren es 25 Jahre, daß der Prediger der hiesigen orthodoxen Gemeinde und Lehrer des Vereins „Chewra Kadischa", Rabbinatsassessor Dr. Heinrich-Ehrentreu, auf ein 25jähriges Wirken in seiner Stellung zurückblicken konnte. Am 6. d. M. abends versammelten sich in dem Gotteshause an derHerzog-Rudolf-Straße dieAngehörigen des Vereins „Ohel Jakob", die Mehrzahl der Mitglieder des Verwaltungsausschuffes der Kultusgemeinde, die Vorstandschaft des Vereins Chewra Kadischa und zahlreiche Mitglieder der Gesamtgemeinde. Nach Abschluß des Abenogottesdienstes betrat Herr Handelsrichter Sigmund Fränkel die Estrade vor der heiligen Lade, um als Vorstand des Vereins Ohel Jakob in einer meisterhaften Ansprache dem . Jubilar die Glückwünsche der von ihm geleiteten Glaubensgemeinde darzubringen und das Leben des bescheidenen, in den weitesten Kreisen bekannten und angesehenen Talmudgelehrten zu feiern. Von der Kanzel aus hielt sodann Rabbiner Dr. Werner die Festrede, betonte, daß, trotzdem der Jubilar sich gegen jede Feier gesträubt hätte, es religiöse Pflicht sei, die Feier zu begehen und deutete an, daß der Jubilar durch sein persönliches Wirken sich nicht nur um den Frieden der Gesamtgemeinde, sondern auch in allgemeinen Fragen um das deutsche Judentum große Verdienste.erworben hätte. Beide Redner hoben auch das verdienstvolle Wirken .des Jubilars auf dem Gebiete der werktätigen Nächstenliebe hervor. . Die Worte des Jubilars, die dieser, dann an die Versammelten in tiefer Ergriffenheit richtete, gaben Zeugnis/ daß die Worte der Vorredner nicht zuviel , des Lobes gekündet hatten. Der Vortrag des „Jigdal" und eines Psalmes seitens des trefflich geleiteten Shnagogenchores eröffnete bzw. beschloß die Feier. Lumsntem er. Bukarest, den 13. Januar. Mit Freude und Genugtuung wird m hiesigen politischen und liberalen Kreisen die soeben publizierte Ernennung Peter Carp 3 zum rumänischen Ministerpräsidenten besprochen. Die Nachricht der Berufung eines solchen Mannes an die Spitze der rumänischen Regierung wird nicht verfehlen, auch in jüdischen Kreisen aufrichtige Freude.hervorzurufen. Unvergeßlich ist der jüdischen Bevölkerung in Rumänien die Stellungnahme des neuernannten Ministerpräsidenten zu der Judenfrage, wodurch er seine durchaus liberale Gesinnung dokumentierte. Im Jahre 1893 war Peter Carp Domänenminister unter Catargin, und im Februar desselben Jahres brachte die Regierung ein neues Schulgesetz ein. Als nun eine Anzahl von Abgeordneten die Ausschließung der jüdischen Schüler aus den öffentlichen Schulen verlangte, erhob Peter Carp einen flammenden Protest. „Meine Herren," sagte Carp, „ich glaube, Rumänien solle auf der Balkanhalbinsel ein Kulturzentrum sein, das nach außen die Strahlen werfe; ich besitze den Stolz zu glauben, daß wir auf der Balkanhalbinsel das erste Volk sind, daß keines von den Nachbarvölkern uns übertreffen darf, daß die Zivilisation von uns zu ihnen, nicht aber von ihnen zu uns sich .ausbreiten soll. Wie aber könnte. Rumänien Anspruch darauf erheben, sich .ein zivilisiertes Land zu uennen, wenn es, statt sich durch die Bildung für die Konkurrenz .mit .den Juden zu stärken, diesen die Pforten der Schule schließen wollte, um sie auf gewalttätigem Wege zu Ignoranten zu machen? Und würden sich denn die Juden zu Unwissenden degradieren lassen? Sie werden Schulen gründen, die besser sein werden als die unseren. Denn der Verfolgte arbeitet mehr als jeder , andere." Peter Carp ist, was seine Parteirichtung anbelangt, der Führer der „Junimisten", d. h. der Jungkonservativen. Er ist aber trotzdem mehr modern als in dem bei uns zu Hause gebräuchlichen Sinne konservativ ist. Carp spricht vortrefflich deutsch mit etwas, norddeutschem Akzent /und hat. für alles Deutsche intimes Verständnis und warme Sympathie.. Als Vater wußte er seinen Söhnen keine bessere Wohltat zu erweisen, als daß er sie in Deutschland erziehen ließ. Kaiser Wilhelm schätzt Peter Carp, dessen vornehmen Geist er vor ckurzem in -persönlichem Verkehr -kennen—zu- -lernen Gelegenheit hatte, sehr hoch. Carp legt den größten Wert darauf, den Ruf Rumäniens als Zeines Kulturstaates zu begründen. Was er in dieser Hinsicht als Domänenminister im Kabinett Catargin, -dessen Seele er war, geleistet hat, dürfte auch im Auslande bekannt sein. Der neue Ministerpräsident hat den Mut der Ueberzeugung, auch wenn er einer verirrten Volksströmüng entgegentreten muß und des Beifalls nicht sicher ist. Jedenfalls gelangt mit Carp ein Mann zur, Regierung, der die Bedürfnisse der Zeit versteht und für sein Vaterland eine Aera herbeisehnt, in der es an den großen Aufgaben der Zivilisation mitzuarbeiten berufen wäre. Carp wollte immer und will seinem König ein Berater sein in der Richtung, daß dieser, wie es ihm der nun verstorbene befreundete Oxforder Gelehrte Max Müller vor einem Vierteljahrhundert wünschte, „ein Margraf der europäischen Kultur an -der Donau seü" Der in die Weisheit der Juden tiefeingeweihte Deutsch-Engländer schrieb. einmal dem Fürsten Carol, der damals noch nicht König war :- „Unsere Nächsten zu lieben oder zu bessern, ist oft schwer." Und er ermähnte ihn, Schulen.zu errichten, denn „unsere, nächstkommenden Geschlechter zu lieben und zu bessern, das können wir alle." Peter Carp chat oft bewiesen, daß er im Sinne Max Müllers ein Herz hat für die Nächsten und auch für die-sogenannten Fremden— die Juden.

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