Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1911)
- Date
- 1911-01-20
- Page
- Seite 34 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Sückkehr. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto, von Leo Herzberg-Frankel. rä2335 III. V^%a§ er im Gotteshause nach langen Jahren gesehen und V-W' gehört, die ihm fast fremd gewordenen, aber immer noch verständlichen- Worte des Vorbeters, die sichtliche Ergriffenheit und reuevolle Einkehr der gesamten Gemeinde, steigerte die Aufregung des kranken Mannes bis zum Siedegrad. In Fieberhitze wälzte er sich auf dem Lagerder Schlaf floh ihn, die Zunge klebte am Gaumen, die Schläfen hämmerten, und die Pulse zuckten; er lechzte nach einem Schluck kalten Wassers, aber er versagte ihn sich des jüdischen Fasttags wegen — er der Christ! Das Weihwasser wäscht eben nicht alle Erinnerung fort, wischt nicht die Bilder aus den Zeiten der Jugend weg. Die erste Hälfte der Nacht ging schwer und bleiern vorüberohne daß der arme Kranke Ruhe und Erleichterung gefunden hätte. Mühselig erhob er sich vom brennenden Lager und trat hinaus in die kühle, klare Herbstnacht. Ein leiser Wind umfächelte seine heiße Stirn und erfrischte seinen welken Körper. Er schritt weiter; die Füße schlotterten aber trugen ihn doch'langsam bis zum Hause seines Schreckens und feiner Hoffnung. Die Räume waren jetzt still, die Lichter tief herabgebrannt, die Beter fortgezogen. Nur wenige Personenbesonders fromm oder besonders belastet, waren geblieben, die einen rezitierten Psalmen, die anderen beteten; noch andere kauerten müde und oft seufzend auf ihren Sitzen; einige, die dem Schlafe nicht widerstehen konnten und doch die Synagoge nicht verlassen wollten, schliefen, den Kopf auf das Betpult gestützt, den glückseligen, von Vergebung bringenden Engeln umgaukelten Schlaf der Gerechten. Alexander schleppte sich bis zur Bundeslade, warf sich hier zu Boden-daß der Kopf die Diele berührte, betete und weinte. Dann erhob er sich einigermaßen erleichtert, setzte sich in einen Betstuhl und schlief ein. Der Schlaf war sanft wie Versöhnung. Bilder längst entschwundener Jahre zogen an ihn vorüberdas traute Vaterhaus, der strenge Vater, die milde Mutter, die Geschwister, die Gespielen, die Feste, das Leben, die Freuden und Leiden im Ghetto — Jahre strichen in wenigen Miniuten an ihn vorüber. Dann kam die böse Eingebung, die Flucht auS dem Kreise der Seinen und alles andere, was er erlebt, erlitten und erstritten, was seine noch jugendliche Kraft frühzeitig brach und ihn so rapid von der Höhe des Lebens hinunterschleuderte. Als er erwachte, perlte der Schweiß aus feiner Stirn, und er hatte Mühe, sich zurecht zu finden, dann schloß er wieder die Augen und sann und sann, bis die Stimme des ShnagogendieNers laut rief: „Erwachet zum Gottesdienst, Männer von Israel!" Der Zug nach deck Tempel begann; Alexander verließ das Gotteshaus, gehoben und gestärkt durch den Entschluß, es wieder zu betreten. Und er kam wieder. Wiewohl die seelischen Kämpfe dieser Nacht den geringen Vorrat seiner Kräfte zum größten Teil aufzehrte, Herz und Lunge nur widerspenstig den Dienst besorgten, war Alexander den nächsten Morgen, am eigentlichen Jomkipurtag im Tempel, betete und fastete. Gestern am Vorabend war alles frisch, kräftig mutig, die vereinigten Stimmen brausten wie die Brandung; , heute sind die Beter alle müde, matt, übernächtig,- sehen! blaß und verstört aus — Seufzer, Stöhnen und Tränen statt l derlauten Rufe von gesternselbst die Stimme des Vorbeters .! hat ihr Metall verloren, sie steigt nur mühselig zur Decke und : sinkt matt nieder wie ein verwundeter Vogel. Die schmerzliche! Aufregung der Gemüter, das strenge Fasten, die durch die Anhäufung von Menschen, Kerzen und Lampen verdorbene Luft haben die stärksten Männer fast zur Ohnmacht miedergedrückt. Erst abends, beim Neilagebet, als der große Tag sich zum Ende neigte, erwachte die lahmgewordene Energie, und die Beter fanden wieder die frühere Verve. Frische Lichter wurden in den Kronleuchtern angezündet, ein frischer Vorbeter trat an die Stelle des müden Mannes, und kraftvoll erheben sich wieder die matt gewordenen Stimmen der Büßer, denn jetzt in der Stunde, „wo die Sonne sich zum Gehen wendet", wird dort oben beschlossen und besiegelt, was im Laufe des Jahres hier unten geschehen soll, ob Glück oder Verhängnis, ob Reichtum oder Armut, ob Gesundheit oder Krankheit, ob Leben oder Tod. Gegen dies Urteil gibt es keine Berufung; darum der angstvolle Schrei- „Gott der Barmherzigkeit! Oeffne uns die Pforten Deiner Gnade, bevor sich die Tore des Himmels schließen, schenke Deinem Volke Vergebung, Versöhnung; lasse Dein Antlitz freundlich leuchten, auf daß ein günstiges Geschick uns zuteil werde." Unter den Betern der stillste, der andächtigste, der zerknirschteste war Alexander; heiß flössen die Tränen die gefurchten fahlen Wangen hinunter, und als beim Erscheinen der Sterne ein langgedehnter Posaunenschall den Schluß des langen Bußetages'verkündete, und Männer und Frauen sich freudig erhoben, einander beglückwünschten und heimeilten, um sich nach schwerem Entbehren zu laben, wankte der Arme in seine öde, trübe Gasthofsstube, legte sich vollends entkräftet zu Bette und ließ den Arzt kommen, der bei ihm ein hochgradiges Fieber und einen rapiden Kräfteverfall konstatierte. Alexander fühlte sich kränker und kränker, die Medikamente und die vom Arzte versuchte Beruhigung fruchteten nicht. Ein Gedanke beherrschte ihn im wachen Zustand, im Traum, im Fieber: Heim! Heim! Die Tage verstrichen ohne Hoffnung, die Nächte ohne Schlaf; ein Husten, der ein Röcheln war, durchbebte seinen Körper, so kraftlos wie der eines Greises, und der Spiegel zeigte ein hippokratisches Gesicht, das ihn täglich mehr schreckte. Dazu kam der nahe Wechsel der Jahreszeit; der Winter, der solche Kranke rasch erstickt, und die immermächtiger auftretende Sehnsucht sich mit den Seinen zu versöhnen, bevor er abberufen wird. Niemand rüstet gern zur Reise in das dunkle, .unbekannte, unerforschte Jenseits, aus dem es keinen Rückweg gibt, am allerwenigsten ein Mann, der gedankenlos in den Tag hinein unter ewigen Schwankungen lebte, keine Religion und keine Philosophie hatte, nichts glaubte und alles fürchtete und nach langen Irrfahrten durch ein schwankes Leben ohne Kompaß, reumütig winselnd zu den Füßen des erzürnten Gottes lag, der ein Gott der Räche und der Vergeltung ist, ausgerüstet mit allen Schrecken höllischer Strafen. Der Tod ist ihm nicht ein bloßes Aufhören des Lebens, das Erlöschen verzehrter Naturkräfte, der Abschluß einer Periode, reich an Sorgen, an Kämpfen und Leiden, sondern eine Ausführung des Strafgerichts Gottes, wo kein menschlich Fehlen unbekannt und ungesühnt bleibt. Wie jeder, der da leidet und ängstlich ist, wollte der schwerkranke Mann in den Schoß seiner Familie flüchten. „Heim!" Ja, wo ist Dein Heim, Unglücklicher? Ist es dort, wo Deine betrübten Eltern ihren lebendig toten Sohnbeweinen oder