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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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dort, wo. die ehemalige Gattin, froh ihrer Verlassenheit/ ein lustiges Leben lebt? Du hast die alten festen Bande zerrissen, und die neuen waren Spinngewebe 1 Weißt Du,; ob. die Eltern noch leben, deren Alter Dm vergiftet und -deren Haupt Du mit Schmach bedeckt hast? Vielleicht sind sie schon längst hinabgestiegen in jene dunkle Tiest/ - in die tausend- Wege führen und nicht einer zurück? Diö'Heimat hat Dich verloren; Du. verlorst bieHeimat — too^m? Und doch zieht^s ihn mächtig hin mit unbesiegbarer, mit elementarer Gewalt. Der/alt. gewordene Mann wollte zur Wiege zurückder Sterbende Mm Schauplatze der Kindheit. Die Zeit, die Kämpfe, die Sorgen, die heillose Krankheit haben tiefe Furchen in sein Gesicht gegraben und ihm ein fahles, leichenhaftes Aussehen gegeben; sein Auge ist erloschensein Haupt kahl, seine Gestalt gebrochen — wer wird in diesem morschen Stamm das ehemals grüne und biegsame Reis wieder erkennen? Er kehrt als Fremder heim oder doch zu den Seinen. Er wird zwischen ihnen leben und bei ihnen sterben, und im letzten Moment, wo er schon den Flügelschlag des Todesengels vernimmt, wird er die Maske abziehen und sich zu erkennen geben, um bei den Seinen gebettet, den ewigen Schlaf zu schlafen: Es gilt eine letzte Anstrengung, aber sie muß vollbracht werden, um das Gemüt zu beruhigen! Und so trat Alexanden/die weite und beschwerliche Pilgerfahrt heimwärts an. Solange er mit der Bahn fuhr, ging es leidlich gut, trotz Rasseln, Dunst und Qualm; die Qual begann erst recht, als an die Stelle des Waggons der Wagen trat. Es ging zwar in langsamem Tempo, aber immerhin schmerzten ihn die morschen Glieder- und er kam am Ende der langwierigen und chwierigen Reise todmatt und wie gerädert im bescheidenen, jedoch ruhigen und sauberen Gasthofe an, der seiner Familie gehörte und den er unerkannt als Fremder betrat, den Tod im Herzen, die Gruft in naher Sicht! . . (Fortsetzung folgt.) Mersrilchr Mlttrllungrn. — „Aus dem schriftlichen Nachlasse der Brüder Jolles aus Lemberg," Berlin, Lamm 1909. Herausgeber Professor A. Berliner. Dankbare persönliche Erinnerungen an eine nun verstorbene ehrwürdige und geistvolle Matrone^ Frau Fanny Ehrensaal, deren lebhaftes, irnmer belehrendes Gespräch mir so manches Mal vergönnt war, veranlassen mich zu dieser Anzeige des von ihr Professor Berliner anvertrauten hebräischen Briesnachlasses ihrer Brüder Secharja Jesaja und Berüsch Jolles. Das waren zwei begabte, ungemein frühreife Talmudgelehrte, die an Markus. Josts Zeitschriften mitwirkten und daneben noch Zeit, fanden, sich scharfsinnig an physischen und mathematischen Problemen zu versuchen. Die mathematische Begabung hat sich auf den'Sohn von Berüsch Jolles vererbt, der als namhafter Professor der Mathematik an der Technischen Hochschule Charlottenburg tätig ist. Der Briefstil der Brüder Jolles ist im allgemeinen, wie es in dieser Literaturgattung üblich, blumenreich, überschwänglich, preziös hyperbolisch und oft recht dunkel, da die jungen Gelehrten, um ihr Wissen leuchten zu lassen, den selteneren Ausdruck vorziehen, während Jost ohne Pretenzion, klar, volkstümlich schlicht und mit gesundem Humor schreibt. Ter Hauptreiz deS Buches liegt in den erörterten Zeitfragen, die in bunter Folge an uns vorüberziehen: Da hören wir von dem Dr. Lilienthal, der, von den Jolles, Philippfon und anderen unterstützt, in Rußland jüdische Schulen errichten will. Mast debattiert über Schellings „Gottheiten von Samothrake". Abraham Geigers streitbare, aufregende Persönlichkeit wird vorübergehend,erwähnt. Am hübschesten aber ist Josts Urteil über Crömieux, der im Jahre vorher — der Brief stammt vermutlich, aus-, dem Juni , 1841 — mit Montefiore und -- Salomon Munk den ritterlichen Kreuzzug gen Aegypten angetreten hatte, , Von Cremieux' Agitation bei; dem Sultan hält.Jost zwar nicht viel und meint, er hätte sich diese kleine Leistung viel zu hoch bezahlen lassen, aber seiner segensreichen Äufklärüngstätigkeit unter den ägyptischen Juden, die zur Gründung des „Allgemeinen Jsraelitenverbandes" (Alliance Universelle Israölite) geführt hat, muß er Gerechtigkeit widerfahren lassen: n’Tirm aP ns T-riiin nwyp Pn:n inainp 'a nTjs nasn . .wni naan naPP ansa psa (In Wahrheit muß ich gestehen, daß Crömieux sich damit große Verdienste erworben, daß er die ägyptischen Juden anregte, Klugheit und. Wissenschaft zu lernen.) Und vollends Crömieux' einschmeichelnde, faszinierende Beredsamkeit hat es ihm angetan: T,ai nw niaau rnsm sin ananan ©sn ntn ersn Pas . -i'vni' Pa aaP ns au'i (Wahrhaftig, dieser Mann ist ein Fürst der Rede, von seinen Lippen träuft anmutige Süße, und er packt und stiehlt allen, die ihm lauschen, das Herz.) Leider, so fügt Jost schelmisch lachend hinzu, hat er seine Söhne nicht zum gegeben, so daß sie „gleich denen, die einst aus Aegypten gezogen, wie Maultiere sind, weder Pferde noch Esel". So können diese Briefe, deren Inhalt hier nur angedeutet, nicht erschöpft werden sollte, mit Berliners kundiger Einleitung versehen als Arabesken zur Geschichte Interesse erwecken. '' S. A sch ne r. . K ' — Festschrift zum hundertjährigen Bestehen des Vereins „Milizenkasse" in Bruchsal (Baden). 1. Januar 1911. Von Otto Oppenheimer. Die Kulturgeschichte der jüdischen Religionsgemeinschaft harrt noch einer würdigen Darstellung. Kein - Wunder., sind doch große Gebiete derselben trotz der bedeutenden Beiträge von .Zunz, Loew, Berliner und andere in Dunkel gehüllt. Dazu gehört auch die Wohltätigkeitspflege. Aus die Frage: wie hat sich diese, das Gemilluschassodim in den einzelnen Geschlechtern der Vergangenheit im besonderen gestaltet, erhalten wir gewöhnlich nur. eine allgemeine, unzureichende Antwort. Um so dankbarer müssen wir für jedes Zeugnis auf diesem Gebiete sein, und mag es auch nur einen bescheidenen Baustein liefern, wir werden es gern aufnehmen. Die obengenannte Abhandlung gibt uns in wenigen Seiten über die Entwicklung eines sehr interessanten Zweiges der jüdischen Liebestätigkeit innerhalb des verflossenen Jahrhunderts Auskunft. Entsprechend dem altjüdischen Gebote der Auslösung der Gefangenen suchte man hier im Anfänge des 19. Jahrhunderts die Militärpflichtigen vom Dienste loszukaufen. Zuerst verbanden sich verschiedene Gemeinden durch Vertrag zur Aufbringung der erforderlichen Summen und erhoben von allen ihren Mitgliedern gleiche Beiträge. Später (1811) wird in Bruchsal wie anderwärts ein Verein gegründet, dessen Mitglieder sich verpflichten, wöchentlich einen gewissen Beitrag zu zahlen, der nach drei Klassen abgestuft wird. Diese „Werbekasse" * gibt dann das^Geld zum Loskauf der Söhne ihrer Angehörigen, oder wenn ein Ersatzmann nicht gefunden wird, sie also selber dienen müssen, zu ihrer Unterstützung, während der Dienstzeit. Die Bücher darüber sind mit peinlicher Genauigkeit geführt. Als im Jahre 1849 das Gesetz von der allgemeinen Dienstpflicht erscheint, lösen sich die Milizvereine sonst auf. in Bruchsal aber bleibt er bestehen. Ja, das Amt des Personalkontoführers befindet sich seit 1841 in der gleichen Familie Groß, es vererbt sich vom Großvater auf den Sohn und Enkel, welcher es noch heute versieht. Als im Jahre 1878 der Verein beschließt, einen Teil seines Vermögens unter seine Mitglieder zu verteilen, erhebt an der .Spitze einer Partei Herr Louis Marxdamals Shnagogenrat, heute nach zahlreichen Verdiensten Vorsteher der Gen^inde, dagegen Widerspruch und erreicht eine für die Gemeinde günstige Regelung dieser Angelegenheit: Mit den Zeitverhältnissen ändern sich auch einzelne Gesetzesbestimmungen, als Grundzweck aber hat sich (die- Aufgabe erhalten-, den Söhnen ihrer Mitglieder eine ausreichende Beihilfe für ihren Militärdienst zu gewähren. Dieselbe

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