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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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- Der- Inspektor des öffentlichen Unterrichtswesens im Vilajet Salonichi, Kiazim Nami Beh, eines der einflußreichsten Mitglieder des jungtürkischen Komitees „Union et Progrös“, äußerte sich dem Redakteur des spaniolischen Tagesblattes ^ImpLroiaigegenüber der Einwanderung der Juden und dem Zionismus, wie folgt: „Die junge Türkei wird die Realisierung der zionistischen Pläne, 4 mögen sie politische Ziele haben oder nicht, niemalszulassen. Die» junge Türkei wird eine konzentrierte jüdische Ansammlung» in Palästina niemals gestatten, weil sie in die Zukunft blicken « und die Eventualität, sich in späterer Zeit Feinde zu schaffen, von » vornherein vermeiden will. Wir öffnen die Tore unseres Landes * weit den in anderen Ländern verfolgten Juden unter der Bedingung, daß sie sich, gleichviel in welcher Provinz des Reiches, den Bedürfnissen der einzelnen Provinzen entsprechend, niederlassen. Die zionistischen Pläne hingegen werden wir mit aller Energie bekämpfen, solange die junge Türkei existieren wird. Es ist wohl überflüssig, Ihnen besonders zu betonen, daß die Türken in weiterer Konsequenz ihrer Auffassung es nicht gern sehen, wenn die ottomanischen Juden an dieser Bewegung teilnehmen und in ihrem Interesse arbeiten. Bisher haben die ottomanischen Juden das volle Vertrauen der türkischen Behörden und des türkischen Volkes besessen. Gehen sie aber daran, eine verdächtige (?) Bewegung zu verbreiten, so ist es nur natürlich, daß sie selbst auch in Verdacht kommen, und dringt einmal der Zweifel in die Geister, so ist es schwer, ihn wieder zu entwurzeln. Die zionistische Propaganda in der Türkei ist daher nur geeignet, der ottomanischen Judenschaft. Schaden zuzufügen." „Haben alle maßgebenden Kreise dieselbe ungünstige Auffassung ' über den Zionismus?" fragte der Berichterstatter. „Ich kann Sie versichern," antwortete Kiazim Nami-Bey, daß die maßgebenden Kreise im allgemeinen dasselbe Mißtrauen gegen diese Bewegung hegen. Wenn hier und da ein Funktionär eine.gegenteilige Meinung ausspricht, so drückt er bloß seine persönliche Anschauung aus, die jedoch im Widerspruche steht zu derjenigen der ‘ maßgebenden Kreise. Sie werden gut tun, Ihre Glaubensgenossen g zu bewegen, den Zionismus nicht zu fördern, sich ihm vielmehr voll-» ständig fernzuhalten, denn diese Bewegung ist nur geeignet, Vor-» urteile gegen die ottomanische Judenschaft hervorzurufen." f Um nun zu beweisen, daß seine Ausführungen nicht gegen die Juden im allgemeinen, sondern bloß gegen eine bestimmte Richtung im Judentums gerichtet sind, nahm Kiazim Nami Beh an der Chanukafeier der Talmud-Thora in Salonichi teil und hielt dort eine Rede, in welcher er die Tugenden der Juden lobte und die Juden eine Stütze für Thron und Vaterland nannte. Das „Berliner Tageblatt" erhält von seinem Petersburger Korrespondenten folgendes Telegramm: Petersburg, 16. Januar.. Wie ich erfahre, wird die Gruppierung aller Materialien zur Judenfrage im Ministerium des Innern im Laufe dieses Jahres beendet werden. Auf Grund dieser Arbeiten wird Stolypin den lange erwarteten Gesetzentwurf zur Neureglung der Rechtslage der russischen Juden ausarbeiten lassen. Man nimmt an, daß die Vorlage im Oktober d. I. vor die Duma gelangen kann. ■**&&-* Sirgmund Gundelkinger. Von David Selber. m 13. Dezember 1910 starb in Darmstadt Geheimer Hofrat 8» Dr. Sigmund Gundelfinger, weiland Professor der« Mathematik an der hiesigen Technischen Hochschule. Er zählte zu 1 den größten Mathematikern Deutschlands. Seine schöpferischen 1 Leistungen als Analytiker, namentlich als Forscher auf dem Gebiete der Hesseschen „Analytischen Geometrie des Raumes" und aller mit dieser mathematischen Disziplin im Zusammenhänge stehenden Probleme sind bekannt und anerkannt. Sie wurden 1895 von der Königlichen Preußischen Akademie zu Berlin durch Verleihung des „Steinerpreises" und 1898 seitens der Königlichen Bayerischen Akademie zu München durch Verleihung der goldenen Medaille „6ene merenti^ ausgezeichnet. Den Gundelfingerschen Methoden „des wissenschaftlichen Rechnens" hat der berühmte Göttinger Mathematiker Hilbert in seinem den Gegenstand behandelnden Werke ein besonderes Kapitel gewidmet. Weniger bekannt dürfte es sein, daß Gundelfinger auch ein! hervorragender Kenner der neueren' Mäthematikgeschichte sowie! der mathematischen Klassiker war. Die Werke eines Gauß hätte I er schon als Gymnasiast studiert und sich zu eigen gemacht. Seine große Vertrautheit mit den Klassikern der Mathematik sowie ein ihm eigener Spürsinn für die Genesis der Theoreme befähigte ihn, manchen landläufigen Irrtum und manches Falsum aufzudecken. Unter anderem hat er die Behauptung eines norwegischen Gelehrten, der zufolge Jacobis epochemachende „Theorie der elliptischen Funktionen" von dem Norweger Abel abhängig gewesen sein soll — eine Behauptung, die bald von Eugen Dühring aufgegriffen und antisemitisch fruktifiziert wurde — in einer Weise widerlegtdaß niemand, mehr die Originalität und Priorität Jacobis wissenschaftlich in Frage stellen kann. Als hervorragender Kenner der gesamten modernen mathematischen Literatur - und ihrer Geschichte schrieb Gundelfinger auf Bitten eines Freundes und im Interesse der guten Sache für bie„Jewish Encyklopedia“ einen sehr wertvollen Artikel über die' jüdischen; Mathematiker des 19. Jahrhunderts, der aber leider nur teilweise und . verstümmelt zum Abdruck gelangte. Gundelfingers außerordentliche mathematische Begabung war schon recht früh entwickelt, und er hat für einen Juden auch eine ungewöhnlich frühe und rasche Karriere gemacht. Im Jahre 1846 in Kirchberg an der Jagst geboren, wurde er 1869 in Tübingen Privatdozent, 1873 außerordentlicher Professor und Leiter des mathematischen Seminars an der Universität daselbst, 1879 als ordentlicher Professor an die Technische Hochschule nach Darmstadt berufen. Seine sehr zahlreichen mathematischen Arbeiten, die hauptsächlich die Anwendung der höheren Analysis und der modernen Algebra aus die Geometrie zum Gegenstände haben, erschienen in den „Sitzungsberichten der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin", im „Journal für die reine und angewandte Mathematik", in den „Mathematischen Annalen", in der „Zeitschrift für Mathematik und Physik", im „Archiv für Mathematik und Physik" und anderen hervorragenden mathematischenZeitschriften. Selbständig erschienen unter anderm: „Zur Theorie des simultanen Systems einer kubischen und einer biquadratischen Form" 1869, „Tafeln zur Berechnung neunstelliger Logarithmen", die er zusammen mit A. Nell, der rechnerisch an der Arbeit beteiligt war, heraus gab, ferner „Tafeln zur Berechnung der reellen Wurzeln sämtlicher trinomischer Gleichungen". Von Gundelfingers „Vorlesungen aus der analytischen Geometrie der Kegelschnitte" Leipzig 1895, bemerkte selbst ein Gundelfinger wenig geneigter Rezensent: „Das Buch mußte geschrieben werden!" Auf Wunsch seines berühmten Lehrers L. O. Hesse gab G. dessen Vorlesungen über analytische Geometrie des Raumes erstmalig in der dritten Auflage und die Vorlesungen über analytische Geometrie der geraden Linie, des Punktes und des Kreises in der Ebene in der zweiten Auflage heraus. Beide epochemachenden Werke hat er in den folgenden Auflager: mit sehr wertvollen Zusätzen und Verbesserungen versehen. Als daher nach dem Tode Heffes die physikalisch-mathematische Kläffe der Münchener Akademie eine Kommission, bestehend aus den

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