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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 28

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 28 (sequence 4)
Language
German
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- 28 I!’ Grund einer üblen Selektion: gleichzeitig wird eine große, konservativ veranlagte Volksgruppe in die Opposition getrieben. Unrno ralisch: denn es werden Prämien auf Glaubenswechsel gesetzt und Konvertiten bevorzugt, während hunderttausend Staatsbürger, die nichts anderes begangen haben, als ihrem Gewissen und ihrer Ueberzeugung gefolgt zu sein, in ungesetzlicher Weise und durch kleine Mittel um ihre edelsten Bürgerrechte verkürzt werdend Ich wage fast zu hoffen, daß Geheimrat Köhler mir hierin recht geben wird: wenn man die Wahl hat, eine ungesunde und unhaltbare Staatsraison zu-beseitigen oder eine halbe Million Menschen zum Glaubenswechsel zu bewegen, so sollte man es -zunächst einmal mit. dem einfacheren Mittel versuchen. . Die deutschen Juden tragen einen erheblichen Teil unseres Wirtschaftslebens, einen unverhältnismäßigen Teil der Staatslasten und der freiwilligen Wohlfahrts- und Wohltätigkeitsauswendungen auf ihren Schultern. Sie hätten die Mittel in der Hand, um eine unvernünftige Staatsraison in kürzester Zeit unmöglich zu machen. Daß sie in weit überwiegender Zahl staatssördernd gesinnt bleiben, beweist einen Gemütszug» der praktischem Christentum nicht unähnlich sieht. -; Wie dem auch sei: die preußische Judenpolitik hat ihre Glanz, zeit überschritten, die mit dem Kampfe Bismarcks gegen den Liberalismus zusammenfiel. Ein Industriestaat von der Bedeutung unseres Reiches bedarf aller seiner Kräfte, der geistigen und materiellen; er kann auf einen Faktor wie den des deutschen Judentums nicht verzichten. Noch ehe ein Jahrzehnt vergeht, wird der letzte Schritt zur Emanzipation der Juden geschehen sein. Man kann nicht sagen, daß die deutschen Juden das erste Jahrhundert ihrer beginnenden Freiheit schlecht angewendet haben. Kulturell und materiell haben sie zum Wohl ihres Vaterlandes beigetragen. Ist der Makel sozialer Ungleichheit getilgt, so ist damit auch der offizielle Teil der Volksabneigung gegen die jüdischen Deutschen beseitigt und der Weg zum herzlichen Verständnis gebahnt. Undankbarkeit und Herzlosigkeit find niemals Fehler der semitischen Rassen gewesen. . i In bet Frankfurter Stadtverordnetenversammlung kam es in d.er jüngsten Sitzung, gelegentlich der Generaldebatte über den Haushaltsplan von 1911, auch'zu einer sehr bemerkenswerten Rede des Stadtverordneten Goll. Sie ist sehr erfreulich, da der Redner ein ehrenwerter Bürger, einer der politischen Führer der Stadt, mehrmals Kandidat zur Landtags- und Reichstagswahl, Nichtjude ist. Eine Antwort des Magistrats bzw. des Dezernenten, des Herrn Stadtrat Ziehen, ist bisher noch nicht erfolgt. Der uns zur Verfügung gestellte Ausschnitt einer Frankfurter Zeitung über die Rede des Herrn Goll lautet folgendermaßen: In bezug auf die Schulen seien ihm verschiedene Klagen zügegangen, daß her Magistrat es an der nötigen Parität fehlen lasse. So sollen jüdische Schülerinnen nur sehr schwer Eintritt in das städtische Lehrerinnenseminar erhalten können. Ich unterlasse es dabei — fuhr der Redner fort — darauf hinzuweisen, daß zweifelsohne nicht unwesentliche Summen bei der Begründung und Erhaltung vieler gemeinnütziger und wohltätiger Anstalten seitens unserer Mitbürger israelitischer Konfession beigetragen worden sind und werden. Ich erkläre es für ein Unrecht, denn die Studienanstalt und das Lehrerinnenseminar werden von der gesamten Bürgerschaft erhalten, und dazu gehören auch ohne Zweifel doch unsere israelitischen Mitbürger. Diese Zurücksetzung ist aber Um so Ungerechter, als die beiden israelitischenRealschulen von den jüdischen Gemeinden erhalten und in dieser Weise der Stadt große Summen von Ausgaben gespart werden. Auffallend ist es ferner, daß in den hiesigen höheren Schulen nur ganz wenige Lehrer jüdischer Konfession — im ganzen nur zwei oder drei — angestellt sind — an unseren Realschulen und Oberrealschulen ist überhaupt kein Lehrer israelitischen Glaubens angestellt. — In Berlin sind dagegen an den städtischen Schulen 65 Lehrkräfte israelitischer Konfession an gestellt. Ich will durchaus keine Anklage noch Vorbringen, ich wünsche nur zunächst, daß der Magistrat Aufklärung darüber gibt, ob hier keine Bewerbungen von Lehrern und Lehrerinnen jüdischen Glaubens Vorgelegen haben. Dev Redner schloß seine Ausführungen mit dem Ausdruck der Hoffnung, «KK daß die Debatte in diesem Jahre auf den nächstjährigen einen günstigen Einfluß ausüben möge. In der Kritik sollten keine Spitzen nach irgendeiner Seite gefunden werden, sondern sie solle nur zum Wohle der Vaterstadt sein. > ' - Aus Wien wird uns geschrieben: Mit welch verwerflichen Waffen das Hauptorgan, der christlichsozialen Partei, das „Deutsche Volksblätt", gegen das Wiener Judentum kämpft, kann man am deutlichsten aus folgendem Artikel des genannten Blattes ersehen, das eine ganz merkwürdige Auffassung der Ziele und Zwecke der im Züge befindlichen Volkszählung zu haben scheint. Das „Deutsche Volksblatt" stößt anläßlich der Volkszählung die Drohung aus, daß man nicht ermangeln werde, „die Wiener Bevölkerung über tzas Verhalten des Semitenvolkes bei der jetzigen. Volkszählung zu unterrichten". Tenn, so schreibt das Blatt: „Juden, die durch Jahre ihr G Deutschtum demonstrativ zur Schau trugen, schreiben jetzt, indem sie es als ganz selbstverständlich betrachten, in den Volkszählungsbogen, Umgangssprache: tschechisch." Nun weiß aber jeder, der die Sprachen- ' Verhältnisse in Oesterreichs Kronländern nur einigermaßen kennt, daß die Juden sich stets und überall als Deutsche bekannten und daß sie selbst in den von Tschechen stark bedrohten Gebieten ihr Deutschtum nicht verleugnen, was ihnen seitens der Tschechen nicht genug zum Vorwurf gemacht wird. Es ist auch hierzulande gar kein Geheimnis mehr, daß in manchen Städten und Gegenden in Böhmen die einzigen Erhalter des Deutschtums —" nur die Juden sind^ Und nun kommt das fromme „Deutsche Volksblatt" und denunziert die Wiener jüdische Bevölkerung, daß sie mit den Tschechen paktieren und aus diese Weise das Deutschtum verraten! Mit Recht bemerkt daher die Wiener „Sonn- und Montagszeitung" zu der Auslassung des „Deutschen Volksblattes": „Das ist eine bodenlose, niedrige Verleumdung, eine echteSumpfPslanze antisemitischer Verlogenheit. Denn zur Zeit, als das „Deutsche Volksblatt" dies schrieb, konnte es absolut keinen Einblick in die Volkszählungsbogen bekommen haben, weil die Volkszählung eigentlich noch nicht recht begonnen hat. Zweitens ist es eine schuftige Drohung und ein Einschüchterungsversuch, der die Merkmale eines Verbrechens an sich trägt; Drittens und hauptsächlich ist es eine bodenlose Dummheit, da gerade diese Patentdeutschen, die sich an die fadenscheinigen Frackschöße des „Deutschen Volksblattes" heften, den enragierten Tschechen eine Waffe in die Hand drücken. Die Tschechen werden natürlich darauf Hinweisen können, daß die wahre nationale Zusammensetzung Wiens aus den Volkszählungsbogen gar nicht zu ersehen ist, da die Vermutung bestehe, daß ein Teil der Bevölkerung aus bloßer Angst vor dem antisemitischen Mob seine wahre nationale Zugehörigkeit verleugnet habe. Wahrlich, nichts kann dem deutschen Charakter der Großstadt Wien gefährlicher werden, als das bornierte, von ödem Selbstbewußsein durchseuchte antisemitische Patentdeutschtum." So weit die „Sonn- und Montagszeitung". Wir-sind aber in der Lage, den wahren Grund der niederträchtigen Denunziation des „Deutschen Volksblattes" zu verraten. Dieses Blatt weiß aus Erfahrung, daß die Juden in Böhmen sich offen als Deutsche bekennen, was ihnen die Tschechen nicht verzeihen können. Das „Deutsche Volksblatt", weiß ferner, daß die Tschechen nach der Volkszählung die Juden als Feinde des Tschechentums und als Freunde des Deutschtums verschreien werden. Um aber den Juden diesen Triumph nicht zu gönnen, denunziert das „Deutsche Volksblatt" rechtzeitig die jüdische Bevölkerung, daß sie sich in Wien als Tschechen bezeichnet habe. Wenn also die Wiener Juden tschechisch gesinnt sind, wie tschechisch müssen die Juden, sein, die in tschechischen Gegenden leben. Wahrlich, dieses Argulnent des führenden Organs der antisemitischen Partei in Wien ist so niedrig, wie die Partei selbst. * lieber die Stellung der Türkei zum Zionismus und den Standpunkt der türkischen Regierung: gegenüber der Einwanderung der Juden in Palästina ist folgende Mitteilung der österreichischen Wochenschrift von t höchstem Interesse:; . . , . , .•

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