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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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und Herr Gräf muß zu seinen engeren und etwa zehn weiteren konservativen Freunden sprechen. Kaum 'fünf Minuten auf der-Tribüne, hat der edle Antisemit bereits. das .Wort vom „Schächtblock" geprägt. Man merkt die Absicht, doch die Mehrheit schien nicht verstimmt zu werden. So sehr er auch Herrn Gröber zu überzeugen sucht, das Schächten sei eine Frage der öffentlichen Moral, Herr Gröber unterhält sich lebhaft mit Hausmann und kümmert sich nicht darum, was für Weisheit dem Gehege der Zähne des Herrn Gräf entfleucht. Die Unterhaltung im Saale wird immer lebhafter. Desto leidenschaftlicher sucht der offizielle Redner zu beweisen, das Schächten sei eine Tierquälerei und verletze die „Kultur" und das sittliche Empfinden nicht nur der Edlen um Schack und Bruhn, sondern von neunzig Prozent der deutschen Bevölkerung. Und weiter trieft Herr Gräf vor Sittlichkeit. Woran erkennt man die sittliche Höhe'eines Volkes?" ruft er begeistert aus. — ,>An seinen Sitten und Gebräuchen!" Einen leibhaftigen Juden, der auf dem Breslauer Schlachthof zum Gegner des.Schächtens geworden ist, ruft Herr Gräf als Kronzeugen an. Außer dem kleinen Kreis seiner Freunde hört nur noch einer im Saale Herrn Gräf andächtig zu, der Staatssekretär Dr. Lisco. Herr Dr. Lisco gehört zu den wenigen Ministern, die, solange sie im Saale anwesend sind, aufmerksam den Reden der Abgeordneten lauschen. Bald wendet sich der Redner denn auch an den Minister persönlich. Auf das Haus, setzt Gräf keine Hoffnung mehr. Die letzte Hoffnung bleibt der Minister und dessen „Unannehmbar". Der „einflußreiche Politiker" der Achtzehnmann-Partei stellt mit Hehdebrandtscher Energie kategorisch an den Minister das Verlangen, die ganze Vorlage scheitern zu lassen, wenn die Mehrheit den Antrag Gröber annimmt. Als Herr Gräf unter dem frenetischen Beifall des Herrn Bindewald und seiner Freunde — die „Deutsche Tageszeitung" spricht von lebhaftem Beifall der Rechten, auf der man alles in allem zehn Abgeordnete sah — Stolz in 1>er Brust, -die Tribüne verlassen hatte, nimmt der Minister, während die Abgeordneten wieder in den Saal kommen und nach vorn zum Ministertisch drängen, das Wort. Dr. Lisco gibt eine kurze Erklärung ab. Aus jedem Satze hört man heraus: „Die verbündeten Regierungen werden die ganze Vorlage ablehnen, wenn der Antrag Gröber angenommen wird." Der Staatssekretär, der über den bei der Abgabe von Erklärungen notwendigen feierlich ernsten Schwung nicht verfügt, macht den Eindruck, als ob die Erklärung wirklich bitter ernst zu nehmen sei. Der Antrag Gröber gehört nach der Regierung Ansicht überhaupt nicht zur Materie des Gesetzes und sei auch staatsrechtlich sehr angreifbar. Die Regierung will nicht an den Gebräuchen einer Religionsgemeinschaft rühren, könne sich aber als Staatshoheit nicht ausschalten lassen. Mit Entschiedenheit versichert der Minister schließlich, daß das Schächten den Tatbestand der Tierquälerei im neuen wie im alten Gesetze durchaus nicht erfülle. Mit dieser ministeriellen Erklärung hat die Debatte ihren Höhepunkt erreicht. Aus der Linken bildet sich um Herrn Müller-Meiningen eine Gruppe, die die Erklärung Dr. Liscos lebhaft diskutiert. Unter dem donnernden Beifall des Hauses verspricht der nächste Redner, der sächsische Landrichter Dr. Wagner, kurz zu sein. Mit der Sicherheit eines Advokaten zollt er der Ueberzeugung orthodoxer Juden und ihrem Anhängen an dem Glauben der Väter sein Lob. Die „jüdischen Rabbiner" hätten hier eine Frage heraufbeschworen, für die das Reich nicht kompetent sei. Das Schächten sei im juristischen Sinne keine Tierquälerei. Mit wegwerfender Miene b ittet er, die Vorlage an diesem Ballast nicht scheitern zu lassen. „ Weit gespannter als auf die Ausführungen des konservativen Antisemiten war das hohe Haus auf die Rede des Vertreters . der Nationalliberalen Fraktion. Die Nationalliberälen schicken einen Landsmann Wagners vor, den Landgerichtsdirektor Dr. Heinze aus Loschwitz. Der alte Herr des großen antisemitischen Studentenkorps spricht für die Minderheit seiner Freunde gegen den Antrag Gröber. Lediglich aus juristischen " und staatsrechtlichen Gründen. Er beruhigt die orthodoxen - Juden, der Rechtszustand sei nach dem neuen Gesetz nicht schlechter als nach dem alten. Fast scheint es, als ob er, um ein schlechtes Gewissen zu beruhigen, im Namen seiner ganzen Fraktion die orthodoxen Juden der besonderen Wertschätzung seiner Freunde versichern zu müssen glaubt. Wertvoll ist jedenfalls, daß er die Aufhebung des Schächtverbots in Sckchsen begrüßt. Landgerichtsrat Dr. Müller-Meiningen, den man in antisemitischen journalistischen Kreisen gern den Judenschutzmajor nennt, stellt als das wichtigste Ergebnis der Debatte in den Vordergrund, der Staatssekretär habe das Schächten in strafrechtlicher Beziehung als keine Tierquälerei bezeichnet. Aus seiner Anfrage an den Staatssekretär, ob die ganze Vorlage scheitern würde, wenn man den Schächtzusatz annehme, geht hervor, daß die Fortschrittlichen versuchen werben, bis zur dritten Lesung eine Fassung des Antrages Gröb er zu finden die der Regierung annehmbar ist. Selbstverständlich bejaht; der Herr Minister seines Vorredners Frage -ohne jede Einschränkung. Der Sozialdemokrat Frohm e, Schriftsteller in Hamburg, : geht auf den Kern der Frage nicht ein. In kurzer Rede malt er ein Bild des Grauens von Hofjagden und Rennen. Diese Tierquälereien höchster und allerhöchster Herrschaften sollte die Regierung bestrafen, nicht das Schächten. Eine kleine Sensation bringt die Rede des Freikonservativen Dr. Höffel, seines Zeichens Geheimer Medizi n a lr a t. Kreisa rz t und Bürgermeister im Unterelsaß. Ein Arzt, also ein Sachverständiger, kommt endlich zu Wort. Dr. Höffel, dem im Vorjahr der Reichskanzler vor ver-. sammeltem Volke erklärt' hat, daß er einer d er• ehren - wertesten angesessenen Familien in Elsaß entstamme, findet vor allen Rednern des Tages die eindrucksvollsten Worte für den Antrag Gröber. Der größte Teil seiner politischen Freunde sähe in dem Schächten keine Tierquälerei, Die Achtung vor den „jüdischen Bürgern" verlange, daß man sie in ihren religiösen Gefühlen nicht verletze. Die Gutachten der Rabbiner, der „öffentlich rechtlichen Vertreter der jüdischen Mitbürger", müßten maßgebend dafür sein, daß es sich beim Schächten um religiöse Satzungen handle. . Er bittet, bis zur dritten Lesung eine Fassung' zu finden, i die der Regierung die Zustimmung möglich macht, und schlägt, , vor, vielleicht zu sagen: „Die nach jüdi.schem Ritus' geschlachteten Tiere fallen nicht unter dieses Gesetz." 1 So umgeformt wird wahrscheinlich der Antrag Gröber zur j dritten Lesung der Vorlage eingebracht werden. Nach ein paar Worten des Polen v. Dzie.mbowski, der Rücksichten auf Menschen höher stellt als Rücksichten auf Tiere, nimmt der-Vertreter des Antisemitismus in Reinkultur, Herr Werner, für seine beiden Fraktionsgenossen das Wort. Er, Herr Bruhn und Herr Gräf sind-sich einig ... Sie erachten das Schächten der „Herren Israeliten" für Tierquälerei. Das lange Glockenzeichen ruft bereits, zur Abstimmung, als Präsident w Schwerin dem Konservativen Siebenbürger noch das Wort zu einer. Erklärung gibt.! Herr Siebenbürger, der bewährte Redner des Hauses beim Kapitel Maul- und

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