Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-20 · Heft 3 (20.1.1911) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 3 (20.1.1911)
Date
1911-01-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228965--67156-3279358
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Berlin, 20. Januar 1911 MMMMW Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson Unter Leitung des ~ - Gchekme« Regiermgr-Säts Prsfeffor Vr. Ludwig Seiger Verlag: Rudolf: Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46/49 Alle Zusendungen für Redaktion »nd Expedition find an die. Adresse: Verlag der ^Allgem. Zeitung des Judentums"- Berlin SW., Jerusalemer Straße 46^9, zu richten. Verlag, von Rudolf Mosse, Berlin: Diese' Zeitung erscheint wöchentlich. A bonnements'preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten-durch unsere vertriebsstellen) bezogen ' - vierteljährlich 3 JTI. ' Tinholt Die Schächtsrage vor dem Reichstag.. Von .'Art ur Schweriner. — Die Woche. — Siegmund Gundelfinger Von David Selver. Eine jüdische Militärkvlonie an der'"ägyptisch-- nub.ischen Grenze inr fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. * Ein Vortrag von Professor. Dr. Ludwig Blau in Budapests -^- Kaiser Antoninus und Rabbi. Von Dr. MarcusLandau. — Feuilleton: Rückkehr. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto von Le o/Herz b er g- Fränkel. — L i t e r ari s ch e M it teilu n g e n. — Büch er einlau f. , > Der Gemeindedote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums^). Berlin, Weißensee, Hohensalza, Lissa i. P., Breslau, München, Bukarest. — Von Nah und Fern. Die Schschtkrsge vor dem Leichstsg. Von Artur Schweriner. V ebatten über -Justizreformen bieten den Laien-Abgeordneten im Reichstag willkommene Gelegenheit, sich in die gemütlichen Räume außerhalb des Sitzungssaales zurückzuziehen. Man liest, Zeitung oder nickt ein Viertelstündchen in den behaglichen Klubsesseln. Den Juristen, der Fraktion überläßt man die kniffliche Arbeit,- bei der mit dem Laienverstand nun einmal nicht auszukommen ist. Und so spricht man im Reichstag an solchen Tagen mit Recht von einem „Juristenparlament". . J Am ersten Tage der Beratung des Gesetzes betreffend f Abänderung des Strafgesetzbuches war es anders. Ein f stattliches:: Häuflein von Abgeordneten schart sich um den i Zentrumsführer Gröber, einen Landgerichtsdirektor in Heil- 1 bronn. Er ist der Antragsteller des Zusatzes e zum Abschnitt 3 . der Vorlage, . die schärfer als bisher die Tierquälerei bestraft 'wissen will. „Landesrechtliche Bestimmungen, welche in. die rituellen Vorschriften einer Religionsgemeinl schaft^über das Schlachten der Tiere Eingreifen, sind unzulässig." In Unverfälscht schwäbischem Dialekt begründet er im Plenum noch einmal: eingehend, seinen Vorschlag. - Und mit einem Eifer und einer Herzlichkeit^ mit Sachkenntnis und Geschick, den auch sein großer verstorbener Parteigenosse- Lieber ,| dereinst gegen den seit 1899 .nicht wiederkehrenden antisemitischen Antrag auf Schächtverbot gezeigt hatte. Eine große Zahl , von Abgeordneten . drängt sich um'Gröber-um seinen beredten Worten , zu lauschen. Man sieht vor allem den - süddeutschen Führer der Fortschrittspartei' Conrad Hausmann; den ne »gewählten Bürgermeister aus Tap rau-Weh lau; die Sozialdemokraten Frank und Hildebrandt, süddeutsche Kollegen Gröbers; die Mitglieder des Vereinszur Ilbwehr des Antisemitismus Dr. Struve und Jean."'Fegter, den einzigen fortschrittlichen Bauern im Reichstage; einige Zentrumsabgeordnete, voran' Gras v. Oppersdorf; und auf der rechten. Seite des Hauses den W früheren Vizepräsidenten des Reichstages „Krni/>den Prinzen zu, Hohenlohe.^ Fast.vollständig.haben, auf der Treppe zur Rednertribüne die „Wirtschaftlichen" alias Antisemiten Posten gefaßt. Wenn sie nicht bei den nächsten Reichstagswahlen'auf die Gnade des Zentrums: angewiesen wären, Herr Liebermann von Sonnenberg hätte), trotzdem ihn das Alter schon recht zu . drücken scheint,, nochein. wenig grimmiger den lliedner angeschaut. ... Nachdem Gröber, auf überreiches Material gestützt, schrittweise bewiesen hät> daß von einer Tierquälerei beim Schächten nicht die Rede' sein kann, ergibt sich für .ihn die selbstverständliche. Forderung, daß man auf einige gegenteilige Gutachten hin nicht mit rauher Hand in die religiösen Gebräuche einer Religionsgemeinschaft eingreisen dürfe. Die packende Art, mit der Gröber seinen Antrag befürwortet, interessiert in dem ersten Teil seiner Rede mehr,, als der materielle Inhalt seiner Ausführungen, die man in den neunziger Jahren bereits überzeugend im Reichstag gehört hat, und die in der Literatur wiederholt denen, die sich überzeugen lassen wollen, zur Verfügung gestellt worden sind. ... . . Politisches Interesse erweckt Gröber im. letzten Viertel seiner Stundenrede, als er die Reihen der. Parteien entlang v schreitet, um ihre Stellung zur Schächtsrage zu beleuchten.: Er zitiert den einstigen nationalliberälen Führer Miquel, der im , Jahre: 1887 ausgeführt hat, daß, solange: die Grundsätze der Toleranz geltendie religiösen Gefühle geschont werden müssen. Im bayerischen Landtag hätten die Nationalliberalenr einstimmig. eine Petition, die Schächtverbot verlangte, abgelehnt. Elknso in Baden. And mit der Ironie eines, schlauen Politikers fügt er hinzu, er sei begierig, ob die Nationalliberalen des^ Reichstages jetzd gleichfalls einmütig für seinen Antrag eintreten werden. -Aus den Reihen der Konservativen läßt er ein ehemaliges . Mitglied der: Reichspartei, den: albverehrtenRegierungspräsidenten vonBromberg v.Ti e demann; Revue passieren, der sich scharf gegen ein Schächtverbot: ausgesprochen hat: Unter lautem Beifall seiner Freunde bittet er schließlich alle Parteien, den. Antrag anzunehmen- Während es sonst im Hause üblich ist, den Vertretern der Fraktionen nach deren: Stärkeverhältnis das Wort zu erteilen, erhält der Vertreter - einer Zwergpartei, der Eisenacher Amtsgerichtsrat Gräf als Zweiter das Wort zur Begründung, des Antrages seiner 18 politischen Freunde, den Passus Gröber zu streichen. Herrn Liebermanns Gesicht klärt sich,auf. Die Runzeln schwinden aus seinem Gesicht. Der Fraktionsvater freut sich ob des.redelustigen, gut geratenen Sohnes,, der ob seiner Länge : eine' Stunde hindurch seinen Rücken -krümmen muß, um das tiefliegende Manuskript, eine wohlvorbereitete Rede/lesen zu: können. Die Zuhörer des HUrn Gröber-sind scheinbar wenig empfänglich für diese „objektiven" Darlegungen, -MW

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.