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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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und zum 'Frieden; vielleicht erblüht, doch noch die Blume der- Versöhnung in der Püste Ihres jetzigen Daseins." - * Gedankenschwer ging Alexander fort; graue Nebel wogten in seinem Gehirn; er konnte keinen Entschluß fassen, um aus dem moralischen Elend hinauszukommen. Gebeugt und gedrückt schlich er durch die' winkligen, ungenügend erleuchteten Gassen der Judenstadt, als er das Haus des Rabbiners verließ, bei dem er weder Trost noch Hilfe fand. ' Der Tag war noch nicht ganz verglommen, und die ersten Schatten des Abends begannen erst herunter zu steigen, und doch waren.schon sämtliche Läden geschlossen, die Fenster der Häuser verhängt, die Türen gesperrt; die Einwohner strebten in Scharen einem gemeinsamen Ziele zu — der Synagoge,, deren große Bogenfenster hellerleuchtet sämtliche Gebäude der angrenzenden Gassen überragten. Die große Vorhalle, der weite innere Raum, die verschalten, mit kleinen vergitterten und verhängten Fenstern versehenen Galerien füllten sich rasch mit andächtigen Menschen beider Geschlechter, die tränenden Auges und halberstickter Stimme einander ein gutes Jahr und Vergebung der Sünden wünschten. Zerknirschte Männer werfen sich am Eingänge des Gotteshauses in die Knie, stöhnen, zerfleischen die Brust mit wuchtigen Faustschlägen und rufen mit der ganzen Kraft ihrer Stimme den Namen Jehova, der ihnen beistehen soll in der Stunde der Not. Denn heute ist der Tag der Abrechnung; heute begann das Zählen und Wägen all der Sünden und Fehlen, die sich im Lause des Jahres zu einem Berge häuften und nun gesühnt werden sollen im kommenden Jahre. Darum schluchzten dieMänner und kreischten die Frauen; darum dieser Jammer der Schuldbewußten angesichts des überirdischen Aeropags. Darum auch baten sie sich gegenseitig ab, was sie gegenseitig verbrochen, jede Aeußerung des Haß es, jeden Akt der Feindseligkeit, der Bosheit, der Mißgunst — allgemeine^Versöhnung und Vergebung — allerdings nur für die Dauer der nächsten vierundzwanzig Stunden, nach deren Ablauf die für einen Moment niedergedrückten Leidenschaften neuerdings ausflammen, und all die menschlichen Schwächen, der Neid, die Mißgunst, die Lüge, die Undankbarkeit und Verleumdung im Hexenkessel des Alltagslebens lustig brodeln. Alexander näherte sich schwanken Schrittes der Synagoge und warf einen Blick in die offene Vorhalle, die von Betern ärmeren Standes voll gefüllt war. In ihm erwachte eine Erinnerung, welche sein Herz hoch schlagen ließ. Am Eingänge stand ein Wachmann, der einem allzu großen Andrang wehren sollte; an ihn richtete der Fremde die Frage, was dieser so stürmische Gottesdienst zu bedeuten habe. „Es ist heute der Vorabend zum großen Tage, den die Juden morgen , begehen, der Tag. an dem die Sünden vergeben öder gesühnt werden. Den Abend und den darauf folgenden Tag bringen sie unter Fasten, Kasteiungen und Gebeten im Gotteshause zu." Es zog ihn hinein mit unwiderstehlicher Gewalt, aber als er über die Schwelle trat, brach er zusammen und mußte in eine Bank getragen werden, wo er lange unter Krämpfen liegen bliebe Nach und nach wich seine Aufregung einer moralischen Abgespanntheiter wurde ruhiger, sein Blut kehrte zur Normaltemperatur zurück; er sah und hörte. Nach langen Jahren war er wieder in einer jüdischen Gemeinschaft,^ fühlte er die Schauer einer allgemeinen, tiefen, todesfürchtigen Andacht der in Anbetung und Furcht y geeinten Menge. Obenan der Wölbung brannten zahllose Lichter, unten vor dem Altar flimmerten die großen, den Seelen der Abgeschiedenen, geweihten Wachskerzen; im Männerraum unten, in der Fräuengalerie oben, laute Jammergebete und' Rufe üm Gnade, * Vergebung, Gesundheit, Leben; aus allen Kehlen der Aufschrei der Reueder Angst, 'der Todesfurcht/- der unmittelbaren Abberufung vor' Gottes erhabenen Nich'terthron! Zuweilen fällt tvom Almemori) ein lauter Krach, ein Schlag mit eitler kurzen ^Schaufel aus ein hartes Lederpolster. Es ist dies ein Gebot K zu schweigen. Nach und nach tritt aüch Stille ein, ver- ' wimmern die lauten Klagen, ünd^ aus der Stille erhebt sich weittragend die Stimme des Borbeters, des von der Gemeinde 'an Jehova entsendeten Friedensboten. Wie ein Donner rollt sie im Raume des^ weiten Gebäudes;.- die Hörer beben und krümmen sich vor Ergriffenheit,, und als. der Mann vor der Lade, mit dem langen wallenden Bart, .im Totenhemd und Betmantel,' die Arme : ausbreitet, den Blick zum . Himmel richtet und mit der ganzen Kraft seiner Lungen das Gebet hinaufsendet: Oeffne uns die Pforten Deiner Gnade, O laß uns wandeln friedliche Pfade — . Wende ab von uns jedes böse Geschick, Verleih' uns Leben, Gesundheit und Glück! - da fällt alles in die Knie, weint und schlägt reumütig auf die sündige Brust, daß es im Dome widerhallt, denn jenseits der Sterne wird jetzt Gericht gehalten über Sünder und Gerechte, über Leben und Sterben, Bestehen und Vergehen! s Ein schweres Röcheln erschüttert Alexanders Brust, dann versinkt er in eine tiefe Ohnmacht. Es-entsteht einen Moment eine Störung und Verwirrung, mehrere Männer bemühen , sich um den Leblosen, er wird in die frische Luft getragen- -Ein -Gezeichneter," sagen sie, wie sie seine Totenblässe, und die Steifheit seiner Glieder sehen.? Die Abendkühle verscheucht die Ohnmacht; mit einem tiefen Seufzer richtet sich der kranke Mann auf und schleppt sich mühselig aber ohne fremde Hilfe nach Hause. Dort betet er: „Vergib uns unsere Sünden! Wir haben gefehlt und sind krumme Wege gegangen;' wir haben gelogen, betrogen, gelästert, verleumdet und verleugnet — verzeihe uns, himmlischer Vater und schenke üns Deine Gnade, Gnade, Gnade!" Litrrsrilchr Mttrttungrn. — Elisa Radziwill. Ein Leben in Liebe und Leid. Un- / veröffentlichte Briefe der Jahre 1820 bis 1834. Herausgegeben von * Dr. Bruno Hennig. E. S. Mittler & Sohn. Berlin 1911. Vor mir liegt ein Buch, das zwar nichts mit Juden und Judentum gemein hat, das aber dennoch verdient, der deutschen Frauenwelt jüdischen Glaubens angelegentlichst empfohlenen werden. Rahel Varnhaaen ist dieser durch die treffliche Studie Ellen Keys, die wir seinerzeit eingehend würdigten, näher gebracht worden, und fraglos wird es -den zahlreichen Leserinnen dieses Blattes wertvoll sein, das Urteil der Jugeudgeliebten Kaiser Wilhelm I. über die „bedeutendste Frau, die das Judentum hervorgebracht hat," kennen zu lernen. Ein Jahr vor ihrem Heimgange, am 3. August 1833, sieben Wochen vor ihrem Tode, schreibt die leidgeprüfte Prinzessin an ihre Freundin Gräfin Lulu StosM geborene.v. Kleist: „Lies doch „Cabanis" von Willibald Alexis; noch weit interessanter ist „Rahel", die Biographie der Varnhagen. Ich will Dir das Buch zu verschaffen' suchen . . Der Charakter der Barnhagen beschäftigt mich sehr. Man kann nicht immer begreifen und recht finden, was sie sagt, aber man muß sie lieben und bewundern. Sie muß in sich sehr selig gewesen sein. y Ich will Dir das Buch verschaffen." > ‘ : Regina Neißer. i) Estrade, mitten im Betsaale, worauf die Thora verlesen wirk Druck und'Berlag von Rudolf Mosse in-Berlrn. ' " ' ' ' Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in.Berlin., s. >

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