Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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23 öfter im Munde führte, so muß er das nicht gerade vom Patriarchen gelernt haben; er hat sie .„von irgendwelchen Juden oder. Christen gehört", sagt Lampridius (Kap. 50). Derselbe! sagt auch: er bestätigte den Juden ihre Privilegien und duldete die Christen" (Kap. 21). Bei einem Prozeß um j ein. Gebäude oder einen Bauplatz zwischen Gastwirten und! Christen entschied er zugunsten der letzteren, denn sagte er, „es | ist besser, daß dortirgendein Gott angebetet werde als ein 1 Wirtshaus zu haben." Das alles kann nicht als Beweis für einen vertrauten Verkehr mit einem angesehenen Juden dienen, ja beweist eher daS Gegenteil. Wenn ein solcher bestanden Hätte, so würdeder römische Biograph, der so viele Kleinigkeiten von diesem Kaiser berichtet, ihn gewiß nicht verschwiegen haben. (Fortsetzung folgt.) Sückkrhr. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto von Leo Herzberg- Frankel. . H; /^L^ebrochen an Geist, gebrechlich am Körper wankte der seiner Fesseln entledigte kranke Mann westwärts in langsamem. müden Tempo. Es szog ihn mächtig hin, ohne daß er wußte, wohin und wozu. Der Gedanke an seine verblaßte Heimat beherrschte jetzt seinen Geist. Die Bilder aus seiner Jugend verließen ihre Gräber und gaukelten vor ihm Tag und Nacht. Er durfte voraüssetzen, daß man daheim seinen Abfall vom Judentum kannte. Die Boten des Handels dringen, überall hin und bringen Nachrichten von Pol zu Pol. Er dachte daran, wie es in der Gemeinde ruchbar wurde, wie die Eltern es erfuhren, wie sie unter dem harten Schlag zusammenbrachen, Asche auf ihre Häupter streueten und ihn als tot beweinten. Denn so ist es Brauch und Satzung im orthodoxen Judentum, daß ein Renegat zu den. Toten, zu den Selbstmördern geworfen wird — ausgestrichen aus dem Buche des Gebens und aus der Matrikel der Kultusgemeinde — ein durch Generationen untilgbarer Fleck der betroffenen Familie! Alexander wußte dies, er wußte, daß er die Schande der Familie geworden, daß die verwandtschaftlichen Bande vollständig zerrissen seien, daß er keine Eltern und Geschwister mehr anrufen könne, und daß er im Leben und Tod einsam dastehe. Dies nagte wie ein Wurm an seinem kranken Herzen und zehrte sein hinflackerndes Leben rascher auf.^ Reue fruchtete nicht und steigerte bloß Schmerz und Ingrimm. Seine. Ehe war sreud- und kinderlos, ein ununterbrochener Kampf der divergierenden Neigungen, Anschauungen, Gefühle und Lebensweise; die Lösung war eine Erlösung, aber keine Sanierung weder für das zerrüttete Gemüt noch für den morschen Körper. Mit offenen Äugen sah er das Verderben nahen, ohne es abwehren zu können. Wem die Tage düster und hie Nächte gespensterhaft sind, wem die .. Hoffnung erloschen und die Zukunft nur Schrecken bringt, dem ist das Lehen-, eine Buße und die Erde ein offenes Grab. Die warme Sonne und . die milde Luft des Südens, die zuweilen eine neue Jugend dem schlaffen Körper zuführen, vermochten nicht die Lebensgeister des armen Mannes zuwecken. Das Uebel war vorgeschritten; Herz und Lunge spotteten der Bemühungen der Aerzte und der Heilkraft des sanften Klimas: Ach, wenn jemand allein durch ein schmerzreiches Leben zieht, allein, ohne Familie, ohne liebevolle Stütze und Tröster, anheimgegeben seinen düsteren Gedanken und Vorahnungen, so schaufelt er mit eigenen Händen an seinem Grabe, das dann verfallen und verschollen liegt, ohne Blumen und Gebete. . . ' Langsam und planlos pendelte der Kranke hin Und her; er hatte kein Ziel und wußte, daß man nirgends dem lauernden Tode entrinnen kann. Schwer und bitter tröpfelten die Tage aus der Urne der Zeit: schwerer und bitterer waren ihm die schlaflosen, von Husten erschütterten Nächte, die mit all ihren Schrecken auf ihn einwirkten. Eines Tages kam er durch eine alte Stadt am Rhein, in der trotz Verfolgung und blutiger Vergewaltigung eine angesehene, achtungsgebietende Gemeinde erhalten war, treu ihrem Gotte und ihrer prüfungsreichen Vergangenheit. An der Spitze dieser Gemeinde stand ein. Rabbiner von weitreichendem Rufe, gottergeben und dem Fortschritt huldigend, konservativ und tolerant, liebevoll und nachsichtig gegen Irrende und Verirrte. In seiner Rat- und Hilflosigkeit ging Alexander^ zu dem viel gepriesenen Manne, dem schon der Schnee der Lebensgletscher das Haupt'bedeckte; ein Mann mit dem Ausdruck der Milde und Güte im Gesichte und der Versöhnung auf den Lippen. „Rabbi," sprach ihn Alexander an, „der Arzt kann mir zur Gesundheit nicht verhelfen, vielleicht könnt Ihr mir zur Ruhe und zu einem friedlichen Ende verhelfen. Ich habe in meiner Jugend arg gesündigt, noch schwerer im Mannesalter. Das Schicksal warf mich hin und her; ich fiel von meinem Volke und meiner Religion ab; der Schwur, den ich einem anderen Glauben leistete, war ein Meineid; noch immer hielt mich der alte Glaube fest umschlungen; noch immer hielten mich die Erinnerung aus der Kindheit und dem Vaterhause in ihren Banden, während ich in der neuen Genossenschaft Lüge auf Lüge häufte. Ich hatte keinen moralischen Halt mehr, mein ganzes Wesen war und ist zerrissen, das ganze Leben ist mir ein böser Traum, der mir die Ruhe raubt und jede Lebenslust erstickt." Der Rabbi antwortete: „Ich denke mir Ihre Lage und bemitleide Sie; Ihre Jugend, Ihr Glauben, Ihre Familie sind hinter Ihnen versunken, und nichts konnte in die entstandene Leere treten, sie auszufüllen. Ein Religionswechsel aus weltlichen Motiven, ist bloß ein Szenen- und Dekorationswechsel, der nur den äußeren Menschen berührt. Das Wasser, mit dem der Priester Ihr Haupt benetzt, ändert nichts an Ihrer Gesinnung und an Ihrem altgewohnten Glauben, denn die Religion ist eine Münze, die nicht gewechselt werden kann. Auf dem Grunde, in welchem der alte Glaube wurzelte, kann kein neuer gedeihen. Diese Erfahrung macht man erst später, zu spät und meist vergeblich. Man hat das Diesseits und das Jenseits, die Ruhe und das Gewissen unwiederbringlich verspielt. Wenn man über die Ueberlieferungen und Satzungen, die uns heilig sind, hinwegspringt und in seinem Freiheitswunsche bis zur äußersten Grenze der uns gesteckten Religion schweift, so gibt es noch eine Umkehr, aber wenn diese Grenze überschritten ist, da« steht man vor der Oede, vor dem troft- und lichtlosen Chaos. — Sie fragen nach einem Mittel für Ihr krankes Gemüt; wenn Sie noch ein wenig Energie haben, so schütteln Sie alles ab, was Ihr Leben vergiftet, sagen Sie sich los von all den Ereignissen der letzten Jahre, tilgen Sie alles aus, was Ihre Schritte auf Irrwege leitete, knüpfen Sie an die Zeit Ihrer Jugend an, und kehren Sie in die verlaffenen Fußstäpfen Ihrer Vorfahren ein, vielleichtführensieSie zur Ruhe