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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · p. Seite 22

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
Seite 22 (sequence 10)
Language
German
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; ■ Es ist leicht begreiflichdaß man bei der Wahl eines Freundes für den berühmten „Rabbi" Jehuda zuerst auf den berühmtesten und reputierlichsten unter den Antonineu, auf Mark Aurel verfiel, der von 161 bis 180 Kaiser war. Aber gerade bei diesem stoischen Philosophen auf dem Kaiserthrone erscheint uns die Judenfreundlichkeit am unwahrscheinlichsten: Dies hat schon Grätz gegen Rapoport dargelegt und darauf hingewiesen,, daß Mark Aurel kein einziges die Lage der Juden milderndes Gesetz erlassen hat. Dem. gegenüber bemüht sich Bodek vergebens, eine große Uebereinstimmung zwischen dem Judentum und dem Stoizismus Mark Aurels nachzuweisen und zitiert als Beweis mehrere Stellen aus dessen „Selbstbetrachtungen". Aber in diesem Werke zählt der Kaiser auch alle seine Freunde und alle die auf, von denen er etwas, gelernt hat, und gerade Rabbi wird nicht erwähnt. Er nennt darin oft Philosophen, Dichter und andere berühmte Männer/aber nie einen Juden. Bodek gesteht, daß er sich dieses gegen seine Hypothese so entschieden beweisende Stillschweigen nicht zu erklären vermag und sucht vergebens dessen Bedeutung abzuschwächen. Friedländer, der genaue Kenner der römischen. Kaiserzeit, gibt in seinen „Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms" (II. 4. Band, I. Anhang) ein Verzeichnis der Freunde Mark Aurels, aber weder Rabbi, noch ein anderer Jude findet sich unter ihnen. Krauß (S. 77 bis 78) führt .noch einige andere Beweise gegen die Mark AUrel-Hypothese an und meint sogar, daß dieser Kaiser ein Judenfeind gewesen sei. Doch hätte er als Beweis dafür nicht die von Judenfeinden gern zitierte Stelle aus dem Geschichtswerk des Ammianus Marcellinus, der zwei Jahrhunderte nach Mark Aurel gelebt hat, anführen solleru Diese Stelle ist übrigens mehr christenals judenfeindlich. Denn, wie Ammianus erzählt, hat der zum Heidentum zurückgekehrte Kaiser Julian, der „Apostat", den miteinander wütendstreitenden Christen zugerufen: „So höret doch mich endlich, den die Alemannen und. Franken angehört haben!" Damit wollte er, meint Ammianus, dem Mark Aurel nachahmen, der den ihm in Palästina mit. Bitten und Geschrei zu Last fallenden Juden . (petentium Judaeorum *) fcutief: „Ihr seid noch schlimmer und unruhiger als die Markomannen und Quaden.* 2) So ungefähr übersetzt auch Bodek Seite 76. Aus dieser Anekdote ersieht man jedenfalls, daß die Juden unter der Regierung Mark Aurels Grund hatten, sich zu beklagen. Warum hat Rabbi, wenn er sein Freund war. sich nicht für sie verwendet? Aber abgesehen davon ist an einen freundschaftlichen Ver^ kehr Mark Aurels mit einem Juden nicht zu denken. Er war ein abgesagter Feind von Juden und Christen, und hat sich wohl wie sein Freund und Lehrer Fronto über den „Aberglauben" lustig gemacht, mit dem die Inden ihre Fasten hielten.3) Die Christen hat er verfolgt, der später heilig gesprochene Justin, wie er selbst den Philosoph genannt, Polykarp und andere Bekenner des Christentums erlitten unter seiner Regierung den Märtyrertod. Und in seinen Selbstbetrachtungen verhöhnte er von seinem erhabenen philosophischen Standpunkte die Christen, welche sich für ihren Glauben töten ließen, Leute, die Leichtgläubigen mit ihrem „Aberglaubens y Tie Lesart petentium (nicht toeieniium wie noch Krauß zitiert.) ist jetzt allgemein als die richtige anerkannt; statt ingmetores lesen manche ineptiores oder inertiores. 2) Durch das hier Gesagte werden die Erklärungen Rapoports znnd anderer (bei Krauß Seite 77 .bis 78 Anmerkungüberflüssig ^gemacht. ... . 3) M. Cornelius Fronto, Epistola Caesari suo II, 10. : - Angst einjagten, womit er wohl Juden und Christen meinte, die das nahende Strafgericht Gottes verkündeten, befahl er, zu verbrennen, i) Der Kaiser-Philosoph war natürlich frei von jedem Aber/ glauben, und es geschah wohl nur aus. Politik, sagen seine Bewunderer, wenn er seinen Mitkaiser, den lasterhaften Varus nach dessen Tode zum Gott erklären und -göttliche Ehren erweisen ließ.2) ■ - , ' ' - ' ' . Aber auch seine Gattin Faustina, die einen höchst sitten--- losen Lebenswandel geführt hatte, ließ et* nach ihrem Tode zur Göttin ernennen, erbaute ihr einen Tempel und stiftete zu ihrem Dienst ein Kollegium von Priesterinnen. Während des Krieges gegen die Markomannen ließ er, von Angst ergriffen, von allen Seiten Priester herbeirufen und nach den verschiedenartigsten Riten Opfer darbringen und die Götter anflehen, b) Wie Lucaen aus Samosata erzählt, ließ er auf Rat des Schwindlers und falschen Propheten Alexander von Abonoteichos, zwei Löwen und allerlei Räucherwerk in die Donau werfen, wahrscheinlich Um den Gott Danubues zu versöhnen.. Aber^die Löwenschwammen ans ändere Ufer zu den Barbaren hinüber, und die römische Armee erlitt eine große Niederlage. Nach diesem wäre es also nicht unwahrscheinlich, daß er auch einmal in schlimmer Lage einen weisen und gelehrten Juden um Rat gefragt hätte; aber da sind wir noch weit von dem vertrauten Verkehr und den Wundergeschichten, die in Talmud und Midrasch erzählt werden. Grätz, der den Kaiser Alexander Severus für den Freund r des Patriarchen Jehuda hältführt als Hauptbeweis für seine f Meinung eine Stelle aus Origenes Epistola ad Africanum c. 14 an, in der von der großen Machtstellung, welche die jüdischen Patriarchen mit Bewilligung des Kaisers einnahmen, die Rede ist. Da Alexander Severns 235 ermordet wurde, und Origenes in seinem 240. geschriebenen Briefe im Tempus der Gegenwart spricht, so kann dieser Brief sich nur auf die vom Kaiser dem Jehuda II bewiesene Gunst beziehen, meint Grätz. Aber eher könnte man diese Stelle auf den älteren Gordian beziehen, der erst 237 zur Regierung gelangte, von dem man im Jahre 240, eher im Tempus der Gegenwart reden konnte, und der sich und seinen Sohn Antoninus nennen ließ.^) Von Alexander Severus berichtet aber Lampridius (Kapitel 5 bis 10) sehr ausführlich, daß und warum er den Namen Antoninus nicht angenommen hat. Grätz führt als Beweis für seine Judenfreundkichkeit an, daß er in seiner Hauskapelle die Statue Abrahams neben denen von Apollonias, Christus und Orpheus aufstellen ließ.») Aber dies bezeugt, wie mir scheint, eher eine mangelhafte Kenntnis der jüdischen Religion, welche in Abraham weder ihren Stifter noch eine göttliche Person verehrt. Wenn der Patriarch! mit diesem Kaiser verkehrt hätte, so würde er ihn eher auf! Moses als auf Abraham hingewiesen und sich enschieden die! Gleichstellung eines von diesen mit Apollonius oder Orpheus! verbeten haben. Wie derselbe Lampridius (Kap. 42) erzählt,? hatte Alexander die Absicht, Christus für einen Gott zu erklären und ihm einen Tempel zu errichten. Grätz scheint diese Stelle übersehen zu haben, sonst würde er (IV 243) nicht gesagt haben: „Er hatte zwar auch Wohlwollen für die Christen, aber für Juden und Judentum scheint er mehr Vorliebe gehabt zu haben." Wenn der Kaiser die Sentenz „was Du nicht willst, daß man Dir tun soll, das tue auch anderen nicht" , J) Digest L. 30, de poenis. ' 2) Juliuso Capitolinus, Marcus Antoninus philosophus c. XV. 3) Julius Capitolinus 26, 13. I 4) CapitolinuS, Gordian IV, IX.; Lampridius XXVIII. .

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