Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 2 (13.1.1911)
- Date
- 1911-01-13
- Page
- Seite 21 (sequence 9)
- Language
- German
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Mittr fintonmus und Sübbt Von Dr. Marcus Landau. or 30 und mehr Jahren habe ich mich mit einer Arbeit über die interessanteste Periode der Geschichte der Juden beschäftigt. Es sollte, um den nicht sehr eleganten Ausdruck eines deutschen Gelehrten zu gebrauchen,' eine neutestamentliche Zeitgeschichte, aber vom jüdischen Standpunkte werden. Verschiedene Ursachen haben, mich 1 von der Vollendung meiner zu weit angelegten Arbeit abgehalten. Doch habe ich einige Kapitel davon in Zeitschriften veröffentlicht; andere noch unvollendete ruhen in meinem Pulte, darunter das „Rabbi und Kaiser Antoninus" überschriebene. Seitdem ift; von anderen noch einiges über dies rätselhafte Freundespaar veröffentlicht worden, welches wohl manche Einzelheiten besser beleuchtete, aber mich weder zur Aenderung meiner Ansicht noch zur. Vollendung und Veröffentlichung meiner Arbeit veranlassen konnte. Schon vor fünf Vierteljahrhunderten ist in einem kurzen Artikel der hebräischen Zeitschrift „Hameassaf" (Der Sammler. Berlin 1786, Seite 182) die Frage, wer dieser Kaiser Antoninus war, gestellt, aber nur mit einer beschränkten Negation, nämlich, daß der Kaiser nicht Markus Aurelius gewesen sein könne, beantwortet worden. Seitdem haben sich mehrere Forscher mit dieser Frage beschäftigt, aber >sie ist nicht gelöst, nur verwickelter geworden, so daß ich schon dachte, sie werde wie manche andere des Talmud bis.zur Ankunft des Propheten Elia unbeantwortet bleiben. Aber ganz unerwartet ist vor kurzem ein jüdischer Gelehrter mit einer anderthalbhundert Seiten starken gründlichen, vielleicht allzugründlichen Abhandlung über dieses schwierige Rätsel hervorgetreten, mit einer ganz neuen Lösung, die er: für die endgültige zu halten scheint.^) Aber seine Lösung macht die Sache noch verwickelter, umhüllt den etwaigen historischen Kern mit noch mehr legendarischem und unglaublichem Beiwerk. Talmud und frübmittelalterliche jüdische Leaenden (Midraei wissen gar viel von emem sehr freundschaftlichen, verchen Verkehr zwischen „Rabbi" und einem (Kaiser) nnus zu erzählen. Unter Rabbi schlechtweg versteht man - ähnlich den auch „der Heilige" genannten Patriarchen \ Jehuda I., den Sammler und Ordner der Mischna. Nur GÄH hat,, aus Gründen, auf die wir noch zurückkommen l werden, sich veranläßt gefunden, dem ersten Jehuda seinen I Enkel, den Zweiten, der auch manchmal Rabbi genannt wird, zu substituieren. - Bekanntlich haben nach Antoninus Pius (gest. 161) noch beinahe ein Dutzend römischer Kaiser den Namen Antoninus angenommen, sei es, daß sie den Namen des beim römischen Volke "beliebten Herrschers als Ehrentitel und gute Vorbedeutung (oomeu et amen) betrachteten, sei es, daß sie damit als zu dessen Familie gehörig gelten wollten. ■\ Die Frage steht nun so: welcher von diesen Antoninen (der Talmud nennt ihn Antoninus, Sohn des Severus, ' manchmal^) aber auch Severus, Sohn des Antoninus) ist der -Freund Rabbis gewesen? Und da-es natürlich nur ein Zeit' » genösse sein kann, welcher Kaiser dieses Namens hat zu der -Zeit regiert, als Rabbi, in kräftigem Mannesalter stehend, als r Führer der Juden galt? Die Antwort kann, wenn man vorläufig von anderen Schwierigkeiten absieht, leicht gegeben i1) Antoninus und Rabbi von Prof. Dr. Samuel Krauß im XVII. Jahresbericht der israelitisch'theologischen Lehranstalt in Wien für das Schuljahr 1909 bis 1910.. Wien 1910. 2) Talmud bab. Nidda 45 a. werden, wenn man die Daten von Rabbis Leben sicher kennt; aber da hapert's schon. Im Talmud bab. (Kidduschim 72 b) wird als Beweis, daß Gott nie die Welt ohne einen vollkommen Tugendhaften, und Gerechten taffe, erzählt, daß Rabbi Jehuda am Todestage Akibas, Jehuda II. am Todestage Rabbis, Rabba am Todestage Jehuda II. und Rab Ascha am Todestage Rabbas geboren wurde. Noch weiter wird diese erbauliche : Chronologie im Midrasch, Bereschiih Rabtza, Kapitel 57, ausgesührt, wo aus Akiba noch sechs Zadikim (Jehuda I., Ada, Abon I., Abon II., Aba Hosea und Hosea folgen. Im Midrasch Koheleth rabboth l^ folgen auf Akiba, Rabbi Jehuda, auf Ada bar Ahaba, .R. Hamuna, auf diesen Abin, auf Abin Abba Hosaja. Daß man auf solche Angaben keine verläßliche Chronologie aufbauen kann, wird jedermann zugeben- und deshalb ist die genaue Feststellung des Todesjahres Akibas (zwischen 125 und 138) für die Eruierung von Rabbi Jehudas Geburtsjahr von sehr geringer Bedeutung. Ebensowenig verläßlich sind die Angaben über das Todesjahr Jehudas, welches von den Antoninusforschern mit der Uebe'rsiedlung Rabs nach Babylon in Verbindung gebracht wird und worüber von ihnen gestritten wird. In den Schristen, auf die sie sich berufen und die miteinander nicht ganz übereinstimmen, ist nicht bestimmt gesagt, daß die Uebersiedlung genau im oder kurz vor dem Todesjahr erfolgte, und überdies sind diese Schristen (Leäer) l'auaim we Amoraim und ein Werkchen des Gaon Scherira . erst im neunten, beziehungsweise zehnten Jahrhundert abgesaßt worden. Sie dürfen daher nicht als verläßliche Quellenschriften für Vorgänge im zweiten und dritten Jahr- ° hundert gelten. Immerhin können wir die Jahre 125 und 226 als die äußersten Grenzen von Rabbis Lebenslauf annehmen, und auch da erscheint uns seine Geburt im Jahre 135 oder' 138 (mit Krauß S. 146) viel wahrscheinlicher als im Jahre 125. Wenn wir nun annehmen müssen, daß er weder | als ganz junger Mensch noch als lebensmüder Greis mit s Antoninus verkehrte,' so werden wir diesen Verkehr mit den Jahren 165 uttd 205 umgrenzen können. In diesen 40 Jahren haben die römischen Kaiser Markus Aurelius, Lucius Verus, Commodus, Pertinax, Septimius Severus und Caracalla regiert, abgesehen von den Usurpatoren, welche nur kurze Zeit in einem Teile des Reichs die Regierungsgewalt besessen haben. Einer und der andere dieser Monarchen hat unter den jüdischen Gelehrten seinen Partisan gefunden, der ihn der Ehre, ein Freund Jehuda I. gewesen zu sein, würdig hielt. Der | Prager Rabbiner S. L. Rapoport und -sein Enkel Arnold! Bodeky traten für Markus Aurelius ein. Jost, dem Ewald ' und Krochmal (im Hacholez II) folgten, für Caracalla; Cassel, der für Heliogabel eintritt, muß den Verkehr mit dem Kaiser in die letzten Lebensjahre Rabbis verlegen und Grätz, der für Alexander Severus (222 bis 237) eintritt und Jehuda I. nn Jahre 210 sterben läßt, mußte diesem deshalb seinen Enkel Jehuda II. in der kaiserlichen Freundschaft substituieren. Während uns die Auffindung deS einen richtigen Antoninus Schwierigkeiten macht, vermehrt sie C. Hoffmann (zstiert von Krauß S. 73) noch, indem er gar drei Kaiser dieses Namens ansührt, die mit Rabbi verkehrt haben. Und doch steckt ein Körnchen Wahrheit in dieser Annahme, wie wir noch sehen werden. . *) Markus Aurelius Antoninus als Freund und Zeitgenosse des4 Rabbi Jehuda ha - Nasi. (Doktordissertation) von Arnold .Bodak, s Leipzig 1868.