Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-13 · Heft 2 (13.1.1911) · p. Seite 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 2 (13.1.1911)
Date
1911-01-13
Page
Seite 14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228964--67138-3279339
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

| jüdischen Emanzipationsbewegung. Ein friedlicher, innerlich zu voll- . ziehender Ausgleich des fast 2000 jährigen Religionslcnnpfes zwischen dem exilierten, unter göttlichen Bannfluch geratenen, Judenvotk und den von? jüdischen Religionslehrern zur Gotteserkenntnis und Humanität geleiteten Kulturvölkern ist nur bei charaktervoller Verständigung auf Grundlage des gesamt-biblischen Schriftwerkes denkbar — und auch ausführbar im Geiste der Wahrheit. Diesen zu erforschen muß als die eigenste Ausgabe des Eliahab-Bundes gelten'. , 6. Die religiöse Neugeburt als die unerläßliche Voraussetzung lür die nationale Wiedergeburt des Judentums kann nur aus dem Schoße des gesamten Judentunis, als des einstigen und zukünftigen Gottesvolkes erfolgen. Der Eliahab-Bund kann seinesteils bloß rnithelfen die kosmopolitische zentral-jüdische Theokratie des Messianischen Friedenszeitälters vorzubereiten. Die Neubildung einer Religionsgemeinschast kann ebensowenig wie die Förderung der gegenwärtigen uational-zionistischen Bewegung als eine eigentliche Aufgabe des Eliahab-Bundes gelten. Ich kannmich mit diesem Programm, das freilich in so unklaren Ausdrücken abgefaßt ist, daß fein Verständnis außerordentlichen Schwierigkeiten begegnet, in keinem Punkte einverstanden erklären. Vieles besticht darin, manches, wenn es überhaupt genügend verstanden wird, ruft den stärksten Widerspruch hervor. Ich wachte so gern daran glauben, daß hier keine christliche Falle bereitet und kein zionistisches Verstechspiel getrieben wird, und doch klingt „die nationale Wiedergeburt des Judentums" sehr verdächtig zionistisch. Und das „unter göttlichen Bannstuch geratene Judenvolk" gemahnt äußerst an die Tiraden eines christlichen Missionars. Aber wenn wirklich, wie ich annehme, der Verfasser der Schrift und der Satzungen von rein idealem Gesichtspunkte ausgeht, so. kann ich Mitglied dieses Bundes nicht werden. Ich, oder ich sage besser, der freidenkende Jude kann sich i eine Zeit in ferner Zukunft denken, in der es eine Menschheitsreligion gibt, in welcher Juden und Christen sich vereinigen, aber von einer Nationalreligion wist er ebensowenig wissen, wie von einem nationalen Judentum. Eine solche Menschheitsreligion würde auf den ewig gültigen Grundsätzen der Moral aufgebaut sein können, die Bekenner würden sich zusammentun in der Anerkennung eines höchsten Wesens, einer unbegreiflichen, mehr geahnten als klar erkannten Kraft, in dem festen Glauben an ein geistiges und seelisches V.erm ö g en, das iw Menschen herrscht und das nicht zugrunde 1 gehen kann, mag auch die Einzelexistenz ein Ende erreichen,« in der Ueberzeugung von der Vervollkommnung der 8 Menschheit, die yicht in einem Schlaraffentum besteht, sondern I in der tätigen Uebung aller Kräfte im Wettbewerb aller zur! friedlichen Einigung und Beglückung der Menschheit. Mag man diese Glaubenssätze so allgemein fassen, wie dies eben geschehen ist oder mag man sie nennen: Gott, Unsterblichkeit, Messiasglauben, es sind und bleiben: die Grundlehren des Judentums, die sich, mit vielen Schlacken! behaftet, die Jahrtausende hindurch erhallen haben. In diesem I Bekenntnis, dem Bekenntnis des liberalen Judentums, fühlen | sich die Gläubigen in keiner Weise beengt, sie spüren keine « Zweifel und keine Gewissensbisse und bedürfen einer neuen | Religion oder eines Bundes nicht, der ihnen das verschaffen könnte, was sie längst besitzen. Ist für eine reine Jdeenreligion — die aber schließlich doch nur diese drei großen Grundsätze bekennen kann — eine Religion ohne Gebräuche, ohne Zeremonien, ahne nationale Erinnerungen die Menschheit zu gewinnen, soll dann für diese Weltreligion her Name Judentum ausgeschaltet werden, so ließe sich vielleicht in ferner Zukunft darüber reden, aber man » dürftedabei noch viel weniger von Christentum, wedervon I Juden-Christentum noch von Ur-Christentum reden. Ferner, | eine solche Bewegung dürfte keineswegs, wie in unserer Schrift I vorgeschlagen wird, von Juden ausgehen, die ja eine Ver> / Änderung ihrer großen Glaubensgrundsätze dabei gar nicht , erführen, sondern von Christen. Und endlich ehe ixgerchein Jude oder ein Christ diesem neuen Bunde sich anschließen könnte, müßte das Christentum aufhören, Staatsreligion zu sein, müßte die Trennung von Staat und Kirche völlig durchgeführt werden. Bis dahin sind solche Vorschläge, mögen sie noch so ehrlich, gemeint sein, Utopien, die in der Wirklichkeit keinen Boden besitzen. Ludwig Geiger.;a0?-' '■ >. Die Woche. Berlin, den 10. Januar. eutschen Antisemiten, die immer von neuem die Juden als ungeeignet zu Offizierstellen erklären, seien folgende Notizen aus der letzten Nummer des ,I)mvers ^raelite" ins Merkbuch geschrieben : „Der bisherige Oberstleutnant Valabregue, interimistischer Kommandant des 43. Artillerie-Regiments, wurde zum Oberst befördert und mit dem definitiven Befehl, des Regiments betraut. Der Bataillönschef Lewy wurde zum Oberstleutnant befördert. Der Leutnant Stern von dem 11. Bataillon der Jäger zu Fuß, Leutnant Gomez im 15. Dragoner-Regiment und Leutnant Kaufmann im 23. Infanterie-Regiment wurden zu Hauptleuten ernannt und teils bei ihren Regimentern behalten, teils in andere versetzt." Man hat noch nie gehört, daß die französischen Offiziere jüdischen Glaubens sich als repräsentationsunsähig oder als ungeeignet zum Kommando erwiesen hätten. Im Anschlüsse an diese Notizen sei aus der Zeitschrift „Iw Deutschen Reich", Pie, wie für die Gleichberechtigung im. a.llgeweinen, so insbesondere dafür eintritt, daß den Juden | der Zutritt zu höheren militärischen Stellen in. Deutschland; gewährt werde, folgender Zusammenstellung Raum gewährt: ‘ In Oesterreich finden wir 1894 im aktiven Heere, in der österreichischen Landwehr und bei den ungarischen Honveds 2179 Offiziere jüdischen Glaubens, d. h. 81 auf das Tausend der jüdischen Bevölkerung, während die Juden nur 45 aus das Tausend der allgemeinen Bevölkerung ausmachen, und gegenwärtig, im Jahre 1910, gibt es unter den aktiven jüdischen Offizieren Oesterreichs 1 Feldmarschall- Leutnant — ein Rang, der unserem deutschen Generalleutnant entspricht — 3 Generalmajore, 17 Obersten, 16 Oberstleutnants, 49 Majore, 120 Hauptleute und Rittmeister, und 252 Oberleutnants und Leutnants, zusammen 448 jüdische Offiziere im aktiven Heere, soweit sich dieselben überhaupt Nachweisen lassen. In Frankreich finden wir im Jahre 1883 im Heere 644 jüdische Offiziere bes einer jüdischen Bevölkerung von nur 80600 Seelen, ein Beweis für hie lebhafte Erfüllung des jüdischen Volksteils mit. militärischem Geist und militärischem Streben. Unter diesen Offizieren gab eS 1895: 10 Brigade- und Divisions-Generäle. Die Liste der jüdischen Offiziere in England ist außerordentlich unvollständig. Trotz, dem finden wir in der regulären Armee 20 jüdische Offiziere statt nach dem Verhältnis' der Bevölkerungsziffer 11, unter diesen 1 General, 2 Oberstleutnants, 3 Majore, 5 Kapitäne. In der Miliz gibt es 7 jüdische Osfiz.iere statt 5, in der Territorial-Armee 35 statt 10 nach dem Verhältnis. Einer der vorzügllchsten undberühmtesten Heerführer aller Zeiten, der hochkonservative Herzog von Wellington, sagte im August 1823 in einer Parlamentsrede: .Man hat gefagt, daß in der Schlacht bei Waterloo nicht weniger als 15 jüdische Offiziere im englischen Heere dienten, und ich habe viele verdienstvolle und ausgezeichnete Offiziere dieses Glaubens .gekannt." Im Jahre 1892 gab es im englischen Heere 600 Juden, darunter 75 Offiziere. Im Buren-Kriege zeigte sich wiederum dieselbe Vaterlandsliebe, derselbe Opfermut, den wir schon im Jahre, 1813 in Preußen konstatieren konnten. 3000 Juden dienten da als Soldaten . und Offiziere, und von diesen 3000 sind nachweisbar 125 gefallem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.