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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Vorschlag gebracht. Professor Goldschmied ist eine der markantesten Persönlichkeitey der deutschen Gesellschaft in Prag und erfreut sich der größten Achtung in Professoren- und Studentenkreisen. Vor zwei Zähren wurde Professor Goldschmied zum Keetor rnagmüens der Prager Alma mater gewählt, welche Wähl er aber rnit Rücksicht auf feine jüdisrl e Konfession ablehnte. — Jim 16. Dezember starb hier plötzlich einer der ältesten Aerzte Wiens, Dr. Adolf Weis;, im 80. Lebensjahr. Der Verblichene .war ein Schüler Skodas und Oppolzers und war in allen Kreisen der österreichischen Metropole geschätzt und geachtet. Durch Jahrzehnte war er als vielgesuchter Praktiker in Wien und im Kurorte Baden tätig und wurde wiederholt zu Mitgliedern der in Weilburg residierenden erzherzoglichen Faniilien berufen. Liebenswürdig und einfach in seinem Wesen und Auftreten hatte er Titel unts Ehrenstellen nie gesucht, er blieb immer der simple, praktische Arzt der alten Zeit. Ehre seinem Andenken! I u- U' / Äuszland. z Petersburg, 25. Dezember. Der wiederholt angekündigte Kongreß der Karäer hat nun in Eupatoria unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefunden. Den Hauptgegenstand der Beratungen bildete, wie jetzt bekannt wird, die Frage der religiösen Erziehung. Es wurde beschlossen, das Programm zur Erlernung der hebräischen Sprache und der Religionsgesetze zu erweitern. Zu diesem Zwecke soll ein neues karäisches Gebetbuch und ein Katechismus in hebräischer und russischer Sprache herausgegeben werden. Der Karäershnagoge in Jerusalem wurde eine Subvention votiert und beschlossen, einen Delegierten nach Jerusalem zu entsenden, der die Frage zu studieren haben wird, auf welche Weise die Karäischen Heiligtümer in Jerusalem erhalten werden könnten. Den wichtigsten Teil der Tagesordnung bildete das Projekt des Wiederaufbaues der uralten Karäerstadt Tschufut-Kaleh in der Krim und die Errichtung eines historischen Museums daselbst. Die allgemein erwartete Stellungnahme zum Judentum ist unterblieben. Die Karäer sind eben zu vorsichtig, um sich mit den von der russischen Regierung blutig verfolgten Juden solidarisch zu erklären. — Der Duma-Abgeordnete Friedman erhielt aus Merw von den dort ansässigen bucharischen und afghanischen Juden folgendes Telegramm: ,^Der Generalgouvernenr zu Taschkent verfügte, daß die bucharischen und afghanischen Juden binnen 24 Stunden aus Stadt und Kreis Merw ausgewiesen werden. Diese Verfügung trifft uns ganz unerwartet, da wir bis jetzt von den Behörden nicht verständigt worden sind. Im Gegenteil wurden uns bis jetzt unbehelligt Handelspatente ausgestellt und die Erlaubnis gewährt, Immobilien zu erwerben. Die sofortige unerwartete Ausweisung bedroht uns mit totalem wirtschaftlichem Ruin.' Die meisten werden durch die Ausweisung buchstäblich auf die Straße gesetzt. Eine Fristverlängerung zwecks Liquidation der Geschäfte und Güter ist dringend nötig." — Kürzlich wurde in der zuständigen Duma-Kommission die Gesetzesvorlage betreffs rechtlicher Gleichstellung der russischen Staatsbürger im Großfürstentum Finnland beraten. Bekanntlich enthält diese Vorlage eine Klausel, wonach Juden und Zigeuner von der rechtlichen Gleichstellung ausgeschlossen sind. Die Vertreter der Nationalisten beantragten nun die Ausdehnung der Gleichberechtigung auch auf die Juden. Die Oktobristen traten aber ganz entschieden gegen den Antrag der Nationalisten auf, und die Ausnahmebestimmung bezüglich der Juden wurde beibehalten. Hingegen wurde die ^gleiche Bestimmung betreffs der Zigeuner gestrichen. . x Petersburg, 26. Dezember. Die russische Judenheit hat einen schweren Verlust zu beklagen. Am 23. .d. M. ist Baron David Günzburg im Alter von 54 Jahren einem tückischen Leiden, für das die^ medizinische Wissenschaft bisher keine Heilung gefunden, erlegen, zum großen Leidwesen unserer Glaubensgemeinschaft, die in ihm einen ihrer treuesten, einflußreichsten und edelsten Repräsentanten verliert. BaronDavid Günzburg wurde 1857 inKamenez- Podolsk als ältester Sohn des vor einigen Jahren verstorbenen Baron Horace Günzburg geboren. Er genoß eine vortreffliche jüdische Erziehung und bekundete schon frühzeitig seltene Neigung für das Studium orientalischer Sprachen und des jüdischen Schrifttums. Adolf Neubauer, Senior Sachs, Hirsch Rabbinowitz und der Dichter Leon Gordon waren seine Lehrer. Als zwanzigjähriger Jüngling erlangte er an der 4 —. Petersburger Universität einen akademischen Grad, dem spater weitere Auszeichnungen folgten. .Sein ganzes Leben 'stand im Dienste des Judentums und seiner Wissenschaft. So gab er das Werk „Tharschisch" von Aben Esra heraus. Er schrieb über die Ornamentik bei den alten Hebräern sowie über Orientalia in vielen I Zeitschriften. Seine Handschriftensammlung ist berühmt, seine orientalische Bibliothek eine der bedeutendsten; darunter eine Talmudausgabe des Jeruschalmi, welche einst im Besitze des Rabbi Isaak Abarbanell (bis 1492 spanischer Finanzminister) gewesen ist. Neben seiner ausgedehnten wissenschaftlichen Tätigkeit widmete der Verstorbene seine Kräfte in hervorragender Weise auch den öffentlichen Angelegenheiten der russischen Judenheit und des Gesamtjudentums. IEr bekleidete das Amt eines Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde St. Petersburg, war Vorstandsmitglied des Vereins zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden, Mitglied des Zentralkomitees der Jca, Hauptbegründer des Vereins für die Kunde des Morgenlandes und der von diesem Verein ins Leben gerufenen Akademie in St. Petersburg, an der er auch als Dozent für Talmud und arabische Literatur wirkte, Vorsitzender des Vereins Chowewe Sefath Ewer in St. Petersburg, Mitgründer und Ausschußmitglied der Sociöte des Etudes Juives in Paris. Mitglied der Gelehrtenkommission des russischen Unterrichtsministeriums, Vorstandsmitglied zahlreicher Wohltätigkeitsgesellschaften usw. Doch nicht nur die politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen seiner jüdischen Brüder in Rußland fanden in Baron David Günzburg einen warmherzigen Förderer, auch die mannigfachen Anliegen einzelner Juden, die ihres Judentums willen zu leiden hatten, waren ihm 'stets aps Herz gewachsen, und er bot unzähligemal seinen ganzen Einfluß im Interesse verfolgter und in ihren Rechten verkürzten jüdischen Existenzen auf. Durch seine warme Anhänglichkeit an die jüdische Tradition erwarb er sich das Vertrauen weitester Volkskreise. und genoß namentlich unter den Führern des orthodoxen Judentums hohes Ansehen. Er hat angeordnet, daß er nicht im Erbbegräbnis der Familie in Paris, sondern auf dem jüdischen Friedhof in Petersburg beerdigt werde und zwar nach einfachem jüdischen Ritus, nicht in der Reihe der Vornehmen, sondern in der dritten Reihe, die für einfache Leute bestimmt ist. Bringe jemand einen Kranz, so solleman ihn abnehmen, damit niemand beleidigt werde, jedoch solle kein Kranz auf seinen Sarg oder sein Grab kommen. Die Gemeinde hat beabsichtigt, die Leiche in die Synagoge zu bringen und eine große Feier zu veranstalten. Infolge, des Wunsches einer einfachen Bestattung unterbleibt es. Seinem treuen Sekretär diktierte er einige Zeit vor seinem Tode, wie der „Hazefirah“ berichtet, einige Zeilen in hebräischer Sprache, welche beginnen : Eleh divre Dawid hoachronim und schließen mit den Worten, welche die.Jahreszahl bezeichnen: „Ha Schaar l’Adaunov“ (5671);,An der Pforte zu Gott." Seine Gedanken und Reden in den letzten Wochen waren ausgefüllt von Gedanken an Gott und das Weiterleben der Seele. Sein Name wird in der Geschichte der Juden fortleben. Von Msh und Fern. Aus Anlaß seines 25jährigen Stadtverordnetenjubiläums hat der Stadtverordnete Louis Sachs der Stadt Berlin 16000 Mark gestiftet. Die Stiftung soll den Namen Louis und Rosa Sachs geb. Ginsberg-Stiftung führen. Aus den Zinsen sollen an ver- ' schämte Arme aus Berlin ohne Unterschied der Konfession Unterstützungen in Raten von nicht unter 30 Mark gezahlt werden. Der Magistrat hat die Stiftung angenommen und wird die erforderliche landesherrliche Genehmigung nachsuchen. — In der letzten Magistratssitzung nahm nach Schluß der Sitzung Oberbürgermeister Kirschner das Wort, um namens des Kollegiums dem scheidenden Stadtrat Dr. Weigert für seine verdienst- und mühevolle Tätigkeit im Interesse der Stadt Dank und Anerkennung auszusprechen. Er betonte dabei, daß Stadtrat Dr. Weigert 22 Jahre im Magistrat tätig gewesen sei und die Gemeindebehörden diese oft dornenvolle'Tätigkeit durch die kürzlich erfolgte Wahl zum Stadtältesten noch besonders gewürdigt hätten, und daß ferner vom Staat die Verdienste durch Verleihung des Kronenordens dritter Klasse anerkannt worden seien. — Aus der Adolf Ginsberg-Stiftung ist für das Jahr 1911 ein Stipendium von 2100 Mark an den Studierenden der hiesigen Hochschule für die. bildenden ^Künste, Maler Hans Bruch aus Breslau, verliehen

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