Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228961-3228963--67126-3279326
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zu dieser vorgerückten Abendstunde fuhr ein verspäteter, mit einer grauen Plache überdachter Leiterwagen die Gasse hinauf, langsam, als läge ein Kranker oder eine Leiche darin. Der Wagen war aber leer; bloß auf dem Bock saß der Bauernbursche, der ihn führte. Derjenige, der früher auf dem Heusitz saß, war ausgestiegen aus Ehrfurcht vor dem Eintritt des Sabbats, als der Tag dunkelte und die Lichter an deck" Fenstern erschienen. Er folgte zu Fuß dem Gefährte, an das er sich mühselig mit der dürren Hand klammerte, um nicht umzusinken, denn der Mann war krank, schwer krank; sein Körper schlotterig, die Farbe fahl, das Auge hohl, die Brust rasselnd wie das rostige Gewerk einer altersmüden Schwarzwälder Uhr. Noch jung und schon zur Ruine geworden; mitten im Leben am Grabesrand! Endlich hält der Wagen, und der bäuerliche Fuhrmann klopft mit dem Peitschenstiel an das geschlossene Tor. Eine noch junge Frau erscheint an der Schwelle, während gleichzeitig ein Hausknecht das knarrende Hoftor öffnet. Der Fremde taumelt heran. Ist es Schwäche oder innere Bewegung, die ihn zittern und die Stimme unsicher macht? „Ich bin verspätet, haucht er, kann ich in diesem Gasthose bleiben?" „Gewiß könnt Ihr es; wir haben Zimmer genug und sauber," sagt sie leutselig, den Fremden betrachtend; tretet inzwischen in unsere Stube, bis ein Zimmer oben für Euch gerichtet wird. Tretet nur hin, Vater und Bruder sind in der Synagoge und werden bald kommen." Der Fremde trat in die sabbatlich erhellte, blank gescheuerte Stube. Der Tisch stand gedeckt, der Wein und das geflochtene, mohnbestreute Weißbrot harrten des Segens des heimkehrenden Hausherrn. Der Reisende ließ sich in einer Ecke des Zimmers auf einen Stuhl nieder, seine müden, glanzlosen Blicke krochen langsam über die Gegenstände vor ihm. Sein Kopf lag wie geknickt aus der keuchenden Brust, schwer an Erinnerungen und Befürchtungen. Gedanken aus der Vergangenheit, Gedanken in die Zukunft, gleich düster und trübe. Ein tiefer Seufzer hob seine Brust, als gerade die Wirtin ins Zimmer trat und sich ihm näherte; sie ein-Bild der Jugend und der Zufriedenheit, er ein Bild der Hinfälligkeit und des Jammers. „Ihr Zimmer ist in Ordnung, sagte sie freundlich, wenn Sie müde find, können Sie hinaufgehen und sich niederlegen oder auch hier bleiben, wenn Sie mit uns essen wollen." „Ich danke Ihnen," erwiderte er müde und suchte sich aufzurichten. „Ich kann nichts nehmen und bedarf dringend der Ruhe. Der Weg war'weit und beschwerlich; meine Kräfte tropfen zusehends ab wie von einem erlegten Wilde. Wenn jemand mir helfen würde die Stiege hinaufgehen — JO, ich selber!" ries das junge, kräftige Weib, „wenn Ihr nicht warten wollt, bis der Bruder kommt. Allerdings dauerte noch eine Weile, bis er konunt; er muß auf den Vater warten, der stets der Letzte ist, der die Türpfosten küßt und dann auf dem Heimwege die Kinder segnet, die sich an ihn, den Blinden, herandrängen." „Blind!" rief der Fremde, „der alte Mann blind! Total blind?" „Total blind seit dem Tode der armen Mutter." „Großer Gott! Der — der — Ihr Vater blind, Ihre Mutter tot!" „Was ist Euch denn? Habt Ihr sie gekannt? Seid Ihr verwandt?" „Bloß bekannt. Lange her. Ich war noch sehr jung und wohnte einmal da oben, in einem kleinen'Stübchen. Der Vater war noch rüstig, die Mutter eine wackere Hausfrau. Der-Bruder noch ein Kind) Sie ein Säugling. Ich char damals noch gesund, überschäumend; trotzte sündhaft Gott und Menschen, als gäbe es keinen Vergelter und keinen Rächer." „Ja, es gibt gewiß einen; obschon ich nicht weiß, warum der Vater, der so fromm istHmnd die Mutter, die so gut war, so hart bestraft wurden. Er seit Jahren blind, sie jahrelang schwerteidend, frühzeitig hingerafft." „Gottes Wege sind dunkel, des Menschen Auge kann da nicht hineinblicken. Wir sind alle Sünder. Früher oder später erreicht uns die strafende Gerechtigkeit." Der Atem des Fremden stockte wiederholt, und er versuchte sich von seinem Sitze zu erheben. „Ich will Euch bitten, mir doch hinäufzuhelfen; das Warten wird mir schwer; was ich brauche, ist Ruhe, gänzliche Ruhe und Alleinsein. Ach, Ruhe! RHe! Wenn es hier ruhig werben wollte!" Der arme Kranke legte die Hand auf das Herz und schritt mit Hilfe seiner Begleiterin langsam und mühselig zur Stube hinaus. In der oberen Kammer ist es stiller und dunkler als unten. Die Schatten einer hohen Mauer legen sich auf die auf den engen Hof gehenden Fenster. Zwei trübe, des Sabbats wegen ungeputzte Lichter kämpfen erfolglos gegen die nächtliche Dunkelheit, in die der Fremde, allein geblieben, bewegungslos hinstarrte. Wie leblos saß er auf dem Rande des Bettes und sann und sann. Die Gespenster der Vergangenheit zogen an ihm vorüber, grinsend, unheimlich, unabweislich. Vergangene Zeiten dämmerten aus ihren Gräbern und bevölkerten wie böse, neckische Geister die trübe Gegenwart. Es sind dieselben Räume, es ist derselbe Hof, den er so oft durchtollte, als er noch ein Knabe war, und jene, die jetzt unter der Erde ruht und jener, der jetzt blind ist, ihn noch ihr Kind nannten; als er noch gläubig zu den funkelnden Sternen emporblickte, die jetzt so ernst in die. Kammer blinkten, ewige Zeugen unwandelbarer Ordnung und unumstößlicher Gesetzlichkeit, dort ollen und hier unten — und doch ist alles anders, so sehr anders geworden. .Die Jugend war rasch zerschellt, und ihre Scherben bedeckten seinen dornenreichen Lebenspfad; Es war eine schwere Schuld, die er jetzt büßte. Nicht nach Art anderer Judenknaben saß er ruhig im „Cheder" bei Gotteswort und Gottesgehot, fromm und ergeben, willig seinem Lehrer durch die verschlungenen Wege des Talmuds folgend — nein, für ihn gab es keine Klause, keine talmudische Spitzfindigkeiten, keine Gebote und Verbote; bei ihm fruchteten weder die Drohungen des Vaters, noch die Bitten der Mutter, noch das Beispiel der Kinder seines Alters, die fromm und gehorsam eine Zierde des Ghettos waren. Einetolle Jugend schleuderte ihn aus der Bahn. Außerhalb der engen Ghettomauern, wo auf geräumigen grünen Plätzen die christlichen Jungen ihre Spiele trieben, kletterten, sprangen, balgten, jauchzten und jammerten, war der kleine unverbesserliche Deserteur zu finden, der kaum eingesangen, wieder durchbrannte, kaum gestraft, wieder davonrannte. In der ganzen, wahrhaft frommen jüdischen Gemeinde, galt der entartete Junge als abschreckendes Beispiel: „Den der Vater seinen Kindern Nennt als furchtbares Exempel, Leise warnend.: Hütet Euch, Nicht zu werden diesem gleich." Und als-eines Tages, es war zu Ostern, das verbürgte Gerücht ging, daß Sander in einem nahen Dorfe, mit noch anderen christlichen Knaben Bier getrunken, ging ein fürchterlicher Skandal los. Bier am Osterfeiertag! Schon die Erwähnung von Bier, ist eine Sünde, und nun gar trinken! Eine allgemeine Aufregung machte sich laut, man schrie und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.