Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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fluchte, man rief die kompetenten Organe, den Vorstand, das Rabbinat auf; es entstand fast eine Revolte, an der besonders die Frauen Partizipierten. Der alte Rabbi erfuhr es' von seiner händeringenden Frau und ließ ' den armen Vater des ungeratenen Sohnes kommen uiid sprach eindringlich zu dem schwer betroffenen Manne. Es müsse etwas geschehen, diese noch junge Giftpflanze auszuroden; ein solches Beispiel wirke ansteckend und zerfetzend; an den heiligen Satzungen... des Judentums darf nicht gedeutelt und gerüttelt werden; die frevelnde Hand, die es tut, muß im Feuer gereinigt werden. Zehnmal lieber ein gläubiger Christ als ein ungläubiger Jude, und zehnmal lieber, der Junge gehe zugrunde, als daß er Nachahmer und Nachfolger finde. Der zerknirschte Vater war mit allem einverstanden, der Junge müsse isoliert und unschädlich gemacht werden. Eine dunkle, wohlverwahrte Kammer zu längerem Aufenthalt, Brot und Master, dreimaliges Gebet täglich und strenges Einhalten aller rituellen Vorschriften. Mit dem festen Entschluß die Weisung des Rabbis zu befolgen und den mißratenen Sohn in strenge Zucht zu nehmen, kam der betrübte Vater nach Hause und winkte der Mutter, ihm zu folgen. Er erzählte der Gattin alles, ohne zu ahnen, daß der Sträfling, der im Bewußtsein seiner Schuld sofort argwöhnte, daß es sich um ihn handle, ihnen nachschlich und im Schutze der Dunkelheit lauschte. So erfuhr der Junge, was ihm bevorstehe und traf rasch entschlossen seine Abwehr. In der Nacht packte er seine wenigen Habseligkeiten und einige Wertsachen seiner Eltern zusammen und - verließ mit dem Morgengrauen das väterliche Dach. Umsonst waren das Rufen, das Suchen und Fluchen der bestürzten Eltern; Sander war und blieb verschwunden; ä jämais! .£: Erbitterung und Haß im Herzen, die Fäuste zornig geballt, das Judentum verwünschend, das Gefühl für die Eltern und Geschwister ausrodend, wanderte der Junge mit seinem Ranzen auf dem Rücken in die weite Welt hinaus, in der tausende Wege ms Verderben führen. Kein Stern leuchtete seinem Schritte, keine Hand wies ihm die Richtung, keine liebevolle Seele stand ihm bei. Die Stürme zerzausten ihn, trieben ihn haltlos vorwärts und warfen ihn zuletzt in jenes gewaltige Reich, das seine weiten Grenzen in Europa und Asien durch eiserne Tore vor Freiheit, Kultur, Gesittung und Humanität absperrt, und wo hundert geknechtete Nationen gemeinsam unter der Knute winseln, die ruchlose Hände schwingen seit Iwan dem Schrecklichen bis auf unsere Tage. Immer größer wurde die Entfernung,' immer länger die Zeit, die ihn von der Heimat trennte, immer dicker die Kruste, die sich über seine Gefühle und Erinnerungen legte. Es wurde immer öder in ihm und die Gestalten der Vergangenheit blässer, fast gänzlich verwischt. Ohne Steuer und Kompaß schiffte er hin im Ozean des Lebens, ein Spiel von Wind und Wellen. Ohne Wissen, ohne Beruf, ohne Geld irrte der junge Mensch von Ort zu Ort, ein Nomade; nirgends einen HaÜ findend, nirgends einen Ankerplatz, Er lag in schwerem Kampf mit dem Leben und hatte Mühe, es zu erhalten. Bald arbeitete er als Taglöhner, bald als Handwerker, als Kaufmann, als Bediensteter; er versuchte alles> ohne das Glück fasten zu können. Dazu gesellte sich ein Uebel, dessen Keim mit ihm schon in der Wiege lag, ein Defekt im Herzen, der sich immer mehr erweiterte, je tiefer ihn sein wenig freundliches Geschick in den Norden Rußlands führte und wofür er seine Eltern verantwortlich machte, die ihn durch ihr starres Festhalten an den religiösen Satzungen des Judentums indirekt aus dem Hause trieben, in dem er sonst Ruhe und Pflege stände. Das sollten die Eltern und das Judentum büßen. In kindischem- Trotz und von den Umständen getrieben, rächte er sich. ' / ' ' : \ Im Innern Rußlands dürfen keine Juden wohnen. Das verknöcherte System seiner Regierung, die jeden liberalen Gedanken, jede Neuerung perhorresziert, hält mit starker Hand jeden Zuzug fremder Elemente fern. Selbst Katholiken und .Protestanten finden schwer Einlaß, aber gar keinen Bekenner der mosaischen Religion. Hier unterstützt die Bevölkerung die Polizei. Fast jeder Russe betreibt einen Handel, ist aber doch dem Juden auf kommerziellem Gebiete nicht gewachsen, weshalb er ihn sorgfältig ausschließt wo er kann, um seine Konkurrenz zu beseitigen. Unter Zar Nikolaus, wiewohl er für feine jüdischen Untertanen nicht sehr milde war, durften Juden, die in der Armee dienten, Aerzte und Kaufleute der ersten Gildesteuer in allen Teilen Rußlands wohnen und ihrem Erwerbe leben. Fortschrittlich wie die russischen Regierungen nun sind, ist diese Bestimmung unter Alexander III. aufgehoben und eine nachsichtslose Beschränkung eingeführt worden, was viele jüdische Kaufleute zum Abfall zwang. Nach langem Schwanken und inneren Kämpfen, und nachdem sich ihm ein guter Posten in einer großen Teehandlung anbot, trat nun das ehemalige, jüdische Jüngel in Saratow zur orthodox - griechischen Kirche über, führte den Namen Alexander Pawlowicz und ruhte hier von jahrelangen Strapazen und mühseligem Ringen aus. Das Schicksal, welches ihm solange grollte, hatte sich mit ihm versöhnt; Not und Sorge wichen einer behaglichen Existenz, die sich dauernd gestaltete, als der Jnhaber^seines Geschäfts nach kurzer Krankheit starb und die trostbedürftige Witwe, ungeduldig den Verlauf des Trauerjahres abwartend, dem viel jüngeren Manne Hand und Vermögen anbot, die auch angenommen wurden. Aber mit dem Reichtum kehrte das Glück nicht ein. Solange die Not an Alexanders Dasein rüttelte, wichen Erinnerung und Pietät zurück, und wenn zuweilen die Vergangenheit einen Blick in die Gegenwart warf, weckte sie bloß ein bitteres Gefühl. Jetzt aber dachte er oft zurück in längst vergangene Zeiten seiner Kindheit, an die alten Eltern, an das Vaterhausin dem seine frommen Vorfahren lebten, an die uralte Synagoge mit ihrem greisen Rabbiner, an die Festtage die hier gefeiert, an die Bußtage, die hier begangen wurden — die Flucht aus dem alten, halbverfallenen Gotteshause in die moderne, prunkvolle Kirche, der Sprung vom Berge Sinai auf den Hügel Golgatha — alles erschien wieder, regte ihn auf, peinigte sein Gewissen, vergiftete sein Leben. Auch die Ehe mit der alteren, ungebildeten, dem Trünke ergebenen Bauerstochter war die denkbar unglücklichste und konnte nicht gelöst werden. Es ist ein Elend, daß ein vom Priester geweihter Mißgriff nur durch den Tod aufgehoben werden kann; da hier über beide Teile sich voneinander loslösen wollten, so teilten sie gutwillig das Vermögen und trennten sich auf Nimmerwiedersehen, die Frau froh, daß der Mann ging, der Mann froh, daß die Frau blieb. (Fortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Wir erhalten folgende Zuschrift: , Wir beabsichtigen, der zehnbändigen Jnsel-Aüsgabe von Heines Werken eine vollständige Sammlung von Heines Briefen folgen zu fassen. Von vielen. Seiten haben wir bereits die dankenswerteste Unterstützung Mahren; wir sind aber der Ueberzeugung, daß sich ln Privatbesitz noch manche der Heineforschung bisher unbekannt