Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3224737-3228961-3228963--67125-3279325- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Vj« - Auf Grund dieser kurz skizzierten Tatsachen lehrt 1 die ' S .Weltgeschichte, daß es in den schönen Ländern des Mittelmeer- I deckens, den Urftätten der griechisch-römischen Kultur schvie I in den an diese angrenzenden Gebieten lediglich eine hellenistisch- 1 jüdische Diaspora gegeben, habe. So auch in Aegypten, dem fruchtbaren Nachbarlande Judäas,. nach dessen Fleischtöpfen, wie die Bibel sagt, sich die Juden stets zurücksehnten. Nach .den Angaben unserer seit alters her bekannten Geschichtsquellen hat -indes erst Alexander der Große, der unerreichte Wölteroberer und Weltpolitiker der Alten, größere Massen von Juden nach dem Pharaonenlande verpflanzt, um mit ihndn die von ihm. begründete und nach seinem Namen Alexandria genannte Weltstadt zu bevölkern. Doch wissen wir jetzt aus griechischen Syuagogeninschristen, welche die Ausgrabungen, zutage gefördert haben, daß auch Dörfer von Juden bewohnt waren. Schon im ersten Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, also kaum 300 Jahre nach Alexander, betrug die. .Zahl der ägyptischen Juden eine Million. Zur jüdischen Bevölkerung gehörten: Bauern, Handwerker aller Art, Schiffer, Soldaten, nicht selten oberste Heerführer, Steuer- und Gefällspächter, Bankiers, Rhetoren, Philosophen und Vertreter anderer Berufeso daß die Juden von anderen BevölkerMgZschichten, namentlich von der oberen Schicht, von den eberHälls eingewanderten, aber das Land beherrschenden Hellenen-auch nach ihrer Berufstätigkeit sich kaum unterschieden. Es regte sich zuweilen die Mißgunst gegen die beharrlichen Mitbewerber auf. allen Gebieten der bürgerlichen Tätigkeit, welche in mancher antijüdischen Schrift — es sind die ersten Produkte der Gehässigkeit in - der Weltliteratur — sich verewigte, zur veritablen Höhe des Antisemitismus vermochte sich der weitsichtige Hellenismus, der die Welt Kultur geschaffen und der-Vater der modernen Kultur ist, allerdings nicht emporzuschwingen. Die Juden scharten sich bald in hellen Haufen um die neue Geistesströmung und .gingen in ihr bis auf ihre Religion ohne Rest aus. Sie nahmen Sprache und Bildung dev hellenistischen Welt an, und förderten nach Kräften die hellenistische Kultur sowohl durch deren Verbreitung als auch durch deren Vertiefung. Tatsächlich kannte man aus dem Aegypten des Altertums bloß hellenistische Juden, wie sich denn die alten Hellenen als frühere Insassen des Ptolomäerreichs hielten als die Juden. Der neue Fund, den vorzuführen meine Hauptaufgabe in dieser Stunde bildet, zeigt unzweifelhaft, daß palästinische Juden in größerer Zahl reichlich 200 Jahre vor der Zeit des großen Mazedoniers, also im sechsten vorchristlichen Jahrhundert nach Oberägypten kamen, wo sie in .geschlossener Gemeinschaft als Militärkolonie lebten. Es gab in Aegypten Neben der hellenistischen eine aramäische Diaspora, welche die ältere war und deren Spuren in die hellenistische 'Zeit hineinreichen, wie man schon aus dem Talmud hätte exsehen können, wenn man seinen. Angaben die gehörige Aufmerksamkeit geschenkt hptte. Jetzt ist an einer aramäischen Diaspora in Aegypten nicht mehr zu zweifeln. - Die zwölf Papyrusurkunden, die den neuen Fund ausmachen, sind im Jahre 1904 in der Thäbais, in dem altberühmten Syene beim ersten Nilkatarakt, welcher Ort beim Propheten Ezechiel mit dem Namen MIO zweimal ( 29.10. und 30.6. ) erwähnt wird und jetzt Assuan heißt, und auf der gegenüberliegenden Nilinsel Elephantine, wo die ägyptische Festung Jeb lag, wahrscheinlich beim Straßenbau gefunden worden. Die Insel liegt zwischen- Oberägypten und Aethiopien und die Festung, diente zur Verteidigung der Reichsgrenze gegen die' . Häufigen Einfälle der wilden Barbaren. Einen so gefährdeten Posten mochten die Pharaonen, die nationale Dynastie der alten Aegypter, den verweichlichten einheimischen Soldaten nicht anvertrauen, weshalb sie kräftige Ausländer in Sold nahmen. Von solchen jüdischen Söldnern stammen unsere Privaturkunden. Wann diese Söldner angeworben und seßhaft gemacht worden sind, läßt sich nicht genau sagen. (Fortsetzung folgt.) lkückkehr. Eine Geschichte aus dem ehemaligen Ghetto von Leo Herzberg - Frankel. I. ^^^erTag beginnt zu weichen, und die Schatten der Nacht steigen langsam auf die müde Erde, die sich nach Ruhe sehnt wie der Mensch nach schwerem Tageswerk. Oben am Himmel entzünden sich nach und nach die ewigen Sterne und unten in den engen Behausungen der Menschen die matten. Lichter. Die lauten Töne des Tages werden schwächer, der Verkehr versiegt, die Läden schließen; die Arbeit geht zur Rulf. Es ist Freitag abend im Judenquartier. Es ist die Zeit der Erlösung und Befreiung für all jene, die sechs Tage schwer und bang gearbeitet im Schweiße ihres Angesichts, die den Ranzen trugen von Ort zu Ort, von Dorf zu Dorf, den Berg hinauf, ins Tal hinunter, den Rücken gekrümmt, das Herz keuchend; angebellt von bissigen Hunden, angerempelt von blöden Bauernburschen, verhöhnt von losen Dorfdirnen — von den meisten Schwellen verjagt, von den meisten Menschen geschmäht, in den meisten Ländern geächtet! Ein Tag der Ruhe und menschenwürdigen Daseins, ein Tag der Enthündung und des Menschenbewußtseins, des friedlichen Aufenthalts im Kreise der Seinen, in der blank gescheuerten Stube, am hell erleuchteten Tisch, an der dampfenden Schüssel und dem goldblinkenden Wein! Der Kampf, die Demütigungen, die Entbehrungen, der Jammer der vergangenen Tage sind abgeschüttelt wie ein böser Traum, aus dem die Sonne weckt. Mit .dem Schmutz, dem Staub und den Lumpen wird das Elend des blutig geschundenen Sklaven abgelegt und mit den Festgewändern ein neues Dasein angezogen — ein kurzes Dasein! Nach der Freiheit und Behaglichkeit eines flüchtigen Tages das sechstägige schwere Leben eines Lasttieres unter der Zuchtrute eines grausamen Geschickes! Der Abend wird immer dunkler, nur ungenügend erhellt durch die kleinen dünnen Talglichter, die die fromme Hausfrau den guten Geistern des Sabbats geweiht; das Geräusch der Gaffe weicht der. nächtlichen Ruhe. Das Getrappel der Pferde, das Geknarre der Wagen, das Ausrufen der Waren, das. Feilschen und Handeln haben gänzlich aufgehört, alles % Leben hat sich in die nahe Synagoge zurückgezogen, die jetzt aufflammt, im Lichte von zahllosen Kerzen, und aus deren tz Bogenfenstern der hundertstimmige Chor andächtiger Beter 1 tönt, die ihrem Gott danken und den Sabbat als holde f Braut begrüßen: „Lechu Daudi likras Kalöe —" Es jauchzt: f „Sei gegrüßt, geliebte Halle | Meines königlichen Vaters! I Zelte Jakobs, eure heiligen 1 Eingangspforten küßt mein Mund!" y - f Nur noch selten huscht eine einzelne Gestalt über die stille Gasse dem Gotteshause zu; sie hat sich verspätet, hat sich gereinigt und Festkleider zu Ehren des Sabats angelegt, und eilt nun so schnell sie die müden Füße tragen; um nicht eine Strophe des schönen Jubelliedes „b.eobü vauäi" zu versäumen! Y Heinrich Heine.-/ V