Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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Hier zeigt es ' sich wieder einmal deutlich, wie alle Rationalisierung in Halbheit befangen bleibt, so lange sie vor einer energischen Beseitigung mythischer Gebilde zurückschrickt. Das gilt freilich ebenso sehr von bestimmten Richtungen des Judentums wie vom Christentum. Kann aber nur mit Beseitigung seines zentralsten Fundamentalbegriffs das Christentum eine transzendentale Begründung'erfahren, so läßt es sich verstehen, daß Kant für die philosophische Begründung des Christentums nicht den Urtyp philosophischer Methodik, die Kritik der reinen Vernunft und auch nicht die Kritik der praktischen Vernunft heranziehen konnte, daß er vielmehr eine neue, dem Christentum konforme Philosophie entdecken mußte, die sich freilich zur Kernphilosophie' Kants verhält wie die Subjektivität gefühlsmäßiger Reflexionen zur strengen Nüchternheit logischer Objektivität. Dieses Verhältnis zum klaren, vernunftgemäßen Ausdruck gebracht zu haben, ist das Verdienst Cohens in seinem Buche: Kants Begründung der Ethik. Linr jüdische Militärkolanie an der ägyptischnubischrn Grenze im fünften ifahrhnndrrt nor unserer Leitrechnnng. Ein Vortrag von Prof. Dr. Ludwig Blau in Budapest. I. eit unvordenklichen Zeiten steigt der Mensch in die Tiefe, um die Schätze, welche die Erde in ihrem Schoße birgt, zu heben. Auf primitiver Stufe gräbt er nach Gold und Silber, mit zunehmender Kultur nach Erz und Eisen, bis er im Zeitalter des Verkehrs und der Maschine die Steinkohle schätzen lernt. In diesem Sinne können wir die poetische Einteilung der Vergangenheit in eine goldene, silberne und eherne Zeit annehmen, nur müssen wir sie mit der Kohlenzeit ergänzen. Mit der Entdeckung der Kohle schienen die Schätze des Erdinnern erschöpft und die Zahl der Zeitalter geschlossen zu sein. Doch der menschliche Geist kennt keine Ruhe und keinen Stillstand, er suchte und forschte weiter, bis er etwas. entdeckte, was für ihn kostbarer ist als Edelsteine und Perlen: er entdeckte in den übereinander gelagerten Schichten der Erdoberfläche das vergrabene Natur- und Geistesleben der MenAheit. Mit dem einfachen Spaten in der Hand, dieser Wünschelrute der modernen Forschung, erweckt er die Toten zu neuem Leben und läßt die Geschlechter der Vorzeit in unendlicher Reihenfolge ihre Äuferstehung feiern. Mit den Auferstandenen feiert zugleich der Menschengeist, der dieses Wunder bewirkt, hohe Triumphe.. In den klassischen Ländern des Altertums, in Griechenland, Palästina, Assyrien, Babylonien und Aegypten, haben die Ausgrabungen, welche, seit einem halben Jahrhundert planmäßig betrieben werden, .eine Fülle von Denkmälern zutage gefördert, welche unsere Anschauungen vom Altertum von Grund auf umgeändert haben. Grundstürzend sind namentlich die Entdeckungen, welche in den Bibelländern gemacht wurden, in bezug auf die Anschauungen von der heiligen Schrift. Sie bestätigen gegen die Bibelkritik, welche sich seit einem Jahrhundert breit macht und von vornherein alles bezweifelt, die Aussagen der biblischen Schriftsteller in allen Fällen, wo sie durch die Monumente kontrolliert werden können. Zu diesem Kreise gehört eine der überraschendsten Entdeckungen, welche vor fünf Jahren in dem Wunderlande Aegypten gemacht wurden. Es sind 12 Papyrusrollen, welche zufällig gefunden wurden. Jede war mit einem Faden verbunden und versiegelt, wie sie vor Jahrtausenden sorgfältig verwahrt wurden. Nach dem Aufrollen — es ist eine eigene Kunst — wurden die Papyri gewaschen, damit man Ihnen ins Gesicht sehen kann. Sie entpuppten sich als Mivat-1 urkunden, abgefaßt in der aramäischen Sprache der biblischen! Bücher Daniel und Esra. Alles Original und steinalt. Bevor I ich aber auf die Würdigung des Fundes eingehe, muß ich in zweifacher Hinsicht mehrere allgemeine Bemerkungen vorausschicken. Aegypten ist die Heimat der Papyrusstaude, aus welcher in der alten Welt der Schreibstoff hergestellt wurde. Er hieß nach der Pflanze Papyrus, woher auch 'der Name unseres Papiers stammt. Der feine trockene Sand des sonnigen Landes Aegypten bewahrt den Papyrus Jahrtausende hindurch unversehrt, und so kommt es, daß die Papyri, beschriebene. und unbeschriebene, welche im Laufe der Jahrhunderte auf den Schutthaufen geworfen wurden, oder in zerstörten Städten unter den Trümmern vergraben liegen, nur des Spatens warten, um wieder ans Tagelicht zu treten. Die Ausgrabungen werden infolge dieses Umstandes reichlich belohnt: der ägyptische Boden gibt seine verborgenen Schätze in ungeahnten Mengen wieder. Bis auf den Namen verschollene Werke, poetische und prosaische, eines sogar von Aristoteles, sind wieder zum Vorschein gekommen. Noch über- - raschender sind die nichtliterarischen Funde: die ausgegrabenen Archive der verschiedenartigsten Aernter, Quittungen von Banken und Geschäftsbücher, Schuldscheine und Privatbriese, auf Papyrus und Tonscherben und sonstige Schriftdenkmäler des Alltagslebens in unübersehbarer Zahl, so daß die neuen Funde einen neuen Wissenszweig begründet haben: die Papyrologie. In Schriften über Verfolgungen und Prozeßakten über erlittene Unbill, sowie in .Abgabelisten und Steuerpachtsverträgen figurieren natürlich nicht selten Juden; man begegnet des öfteren Simon und Josepos, Sabbataios und Abielos und anderen jüdischen Namen. Wieviel Juden unter den anderen, den echtgriechischen Namen sich verbergen, ist nicht mehr zu ermitteln. Sagt ja schon der Talmud: die Juden außerhalb des heiligen Landes tragen die Namen der Völker, in deren Mitte sie leben. Mit der Sprache und Kultur der Hellenen, haben die Juden, zumal in Aegypten, wo sie den siebenten Teil der äußerst gemischten Gesamtbevölkerung ausmachten, auch die hellenistischen Namen angenommen. An ihre^angestammte^Religion hingen sie indes mit allen Fasern ihres Herzens: unerschrocken widersetzen sie sich allem, , was Heidentum hieß und mit ihm zusammenhing, mit feuriger Begeisterung vertreten sie die Lehre Mosis, welche sie in die Weltsprache der Hellenen übertrugen^ Sie hieß bei ihnen „das Buch" schlechthin, woher der bis auf heute gebräuchliche Name „die Bibel" stammt. Die hellenistischen Juden schufen eine eigene, sehr reiche, allgemein geschätzte, jüdische Literatur, welche neben der Bibel die jüdische Religion in die Mafien der heidnischen Welt trug, so daß die jüdische Gottesverehrung auf gutem Wege war, die ganze alte Kulturwelt zu erobern. .