Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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und Freiheit in Kausalität verwandeln? Genau dies ist auch das in der Handlung hervortretende Problem. In der Handlung vollzieht sich derartig die Idealisierung des Menschen als eines biologischen Gegenstandes, daß er nicht als Sp.ezialfall der Natur, sondern als. ein solcher der Ethik erscheint; es wird also die Natur der Ethik unterworfen. Diese Unterwerfung ist aber im Prinzip der Freiheit begründet. Das bedeutet: Sie kann und darf nicht kausalgesetzlich erklärt werden, weil sie jenseits des Kausalgesetzes . steht, um es zu meistern. Diese Superiorität der Freiheit hat die Psychologie unbedingt anzuerkennen, während gleichwohl die Freiheit niemals den Charakter einer Gegebenheit annehmen darf. Nur die' Tatsache der Freiheitsausgabe bildet die gegebene Voraussetzung der Psychologie. Daß damit die Psychologie eines spezifisch gearteten Inhalts verlustig geht, darf freilich nicht weiter befremden. Denn das Objekt dieser Wissenschaft, die Seele, verdankt seine Existenz einzig und allein einem Paralogismus; sie ist nichts Anderes als die auf dem Wege der Hypostase verendlichte Aufgabe der Einheit, dir unter den einzelnen Bewußtseinsfunktionen zu stiften ist. Diese Einheit kann aber nur in der Einheit der Meth o d e, sich offenbaren. Sie ist Sonderung in der Vereinigung und Bereinigung in der Sonderung. Bei einem solchen ewigen Spannungsverhältnis der Bewußtseinsfunktionen kann von einem konstanten Gegenstände keine Rede sein. Danach entfällt die logische Möglichkeit eines psychischen Objekts. Mit dieser Schlußfolgerung ist jedoch die Psychologie als Wissenschaft keineswegs entwertet. Vielmehr erhält sie erst jetzt ihre große und neue Bedeutung. Freilich, die alte Definition ist erledigt. Kme natürliche, d. h. naturgegebene Lösung für den Widerspruch zwischen Sollen und Sein gilt als "aus, geschlossen. Diese negative Bedeutung wohnt dem Freiheitsbegriffe als der Grund- und Ursprungsidee der Psychologie nute. Aber jetzt ist auch die Bahn frei für eine positive Bedeutung: Wie. in der Freiheit der Handlung Kausalität und Teleologie, Sollen und Sein derartig vereinigt sind, daß die Ethik die Logik beherrscht, so sollen auch alle Richtungen des Kulturbewußtseins derartig vereinigt werden, daß die Ethik die Bekrönung des Systems bildet. Darüber zu wachen hat vor allen Dingen die Psychologie als die Sachverwalterin der Bewußtseinseinheit. Dieses Rangverhältnis behütet und bewahret sie. Und wenn wir die Frage erheben: Wie ist durch Freiheit Psychologie möglich? so lautet die Antwort: dadurch, daß die Forderung des ethischen Primats als zu Recht bestehend von der Psychologie anerkannt wird. Dann ist auch über die Rangordnung entschieden, die bei der Einheitsbildung unter den Bewußtseinsfunktionen herrschen soll. Wir haben nunmehr zwei Fragen gelöst: 1. Wie ist Ethik als Wiffenschaft möglich? 2. Wie ist Ethik als Handlung möglich? Nun aber kommt die schwerste und folgenreichste! Wie wird die als Wiffenschaft und Handlung mögliche Ethik -- Wirklichkeit auf Erden? Welche Idee sichert diese Realität? Und in welcher Wissenschaft erweist sich diese-Realitätsidee wirksam? Hier setzt die Funktion der Gottesidee ein. Sie verwandelt die Möglichkeit in die Wirklichkeit. Sie bedeutet den restlosen Ausgleich zwischen Sollen und Sein, die harmonische Vereinigung zwischen Logik und Ethik: Methodisch — wird die Ethik von der Logik bestimmt, inhaltlich — hat die Logik in der Ethik ihr Ziel und Heil zu erblicken. Der- Ausgleich vollzieht sich freilich in .endloser Zukunft. Aber der Blick und das Vertrauen aus die Zukunft läßt' auch die Gegenwart an diesem Ausgleich Parti.' zipieren: Täglich und stündlich wird am Gottesreiche 'gebaut. Und dieser Bau kann nur deshalb ewig fortschreiten, -weil er erst am unendlichen Ende der Tage vollendet wird. Dieser Bau, das Realitätsfaktum der Gottesidee, ist die Geschi-chte Ihr grundlegendes und' erzeugendes Motiv ist nichts Anderes, als die ewige Arbeit an der Vollendung des Gottesreiches, an dem Tempel der Humanität! Und weil dieser. Bau ewig fortschreiten soll, so muß seine -Vollendung 'in der unendlich fernen Zukunft liegen. So wird durch die Zukunft die Gegenwart begründet und verewigt. . Es wird nun kaum bezweifelt werden, daß der Schlußstein der Ethik, die Gottesidee, in Wahrheit die-philosophische Verifizierung der Messiasidee involviert. Denn auch sie erblickt in der Einen- Menschheit der Zukunft - den Grund für die Verwirklichung sittlicher Gegenwartsarbeit. Blicken wir nun auf die vorerwähnten Deduktionen zurück, so erhalten wir folgende Resultate: Erstens: Nur durch das Faktum der Rechtswissenschaft war es möglich, den Grundbegriff Kantischer Ethikdie Autonomie, zum Erkenntniswert einer Grundlegung zu - erheben. Zweite n s:- Nur durch die scharf fixierte Definition der Autonomie konnte der selbständige Wert der Freiheit zur Entfaltung kommen und seine Realität iw demwissenschaftlichen Faktum der Psychologie erhalten. Drittens: Nur durch die scharfe Abgrenzung der so fundierten Begriffe der Autonomie und Freiheit wurde der- Raum für die Gottesidee frei, die im wissenschaftlichen Faktum der Geschichte ihre Realität und damit auch die der Ethik gewinnt. Viertens: Nur durch die aus der reinen Vernunft ermittelte transzendentale Deduktion der Kantischen Ethik mündet diese in den Zentralbegriff des" israelitischen Prophetismus ein und bildet aus diesem Grunde die logische Rechtfertigung des Judentums. Also wird Mit Füg und Recht behauptet: Die Kritik der reinen Vernunft enthält die philosophische Rechtfertigung des Judentums. Wie steht es nun mit dem Christentum? Ist es gleich dem Judentum einer transzendentalen Begründung fähig? Offenbar trifft dies nur dann zu, wenn die Fundamentalbegriffe des Christentums gleich dem Grundbegriffe des Judentums, dem Gottesbegriffe, Grundlagen i bestimmter wissenschaftlicher Fakta sind. Als der zentralste- Fundamentalbegriff des Christentums muß zweifellos die Person Jesu angesprochen werden. Also entsteht die Frage: Welches wissenschaftliche Faktum vertztag die „Person Jesu" zu begründen? Diese Frage sucht vor allen Dingen Kant in seiner ^Religion innerhalb der Grenzen der Vernunft" zu lösen. Man kann wirklich dem von. wahrer Pietät gegen die 'angestammte Religion getragenen Philosophen das aufrichtigste Mitgefühl nicht versagenwenn man sieht, mit welchen Schwierigkeiten er kämpfen muß, um dem Jesubegriff philosophisches Heimatsrecht zu erringen. Der -Kamps muß schon deshalb ein aussichtsloser sein, weil nur Begriffe mit unendlicher Tragweite, Ideen mit ewigem Aufgabencharakter die Grundlegung wissenschaftlicher Methodenerzeugen können, nicht aber „Personett",, die trotz aller Idealität uÄ' Ueberidealität dem Bereiche der Empirie verfallen: Die Schwierigkeit dieses Kampfes spiegelt sich in den drei Begriffen, mit welchen - Kant das?„ Sohn Gottes" - Problem zu ulösen sucht. Der „Sohn Gottes" ist ihm bald Urbild, bald Vorbild, bald Beispiel. Ohne weiteres leuchtet ein, daß die Begriffe Beispiel und Vorbild der Sittlichkeit eine Verendlichung und Verstümmelung der sittlichen. Aufgabe, bedeuten. Anders. verhält, es sich mit dem Begriff des Urbildes, sofern er die Idee der Menschheit überhaupt bezeichnet. .. MMMMWMW