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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1911-01-06 · Heft 1 (6.1.1911) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
75 (1911)
Issue
Heft 1 (6.1.1911)
Date
1911-01-06
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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den literarischen Teil, die kürzeren Besprechungen -neu erschienener Werke wesentlich erweitert und dadurch den vielen, die an den Titeln der Bücher allein ihr Genüge nicht finden können und wollen, Gelegenheit zu verschaffen gesucht, sich über Inhalt und Wert der neuen Erscheinungen zu orientieren. Die wichtigste Umgestaltung, die dieses Blatt unter meiner Leitung erfahren hat — eine Umgestaltung, die bleiben wird, trotz aller Hohnreden, so lange ich an der Spitze des Blattes verharre — ist die, daß das Blatt ein Organ des entschiedenen Liberalismus geworden ist. Gewiß waren auch Philipson und Karpeles freidenkende Männer, beide aber lebten und schrieben in einer Zeit, in der die Parteigegensätze nicht so stark entwickelt waren, wie dies heute der Fall ist. Ich habe niemals aus meinem entschiedenen Liberalismus ein Hehl gemacht und bei der Uebernahme der Leitung dieses Blattes dem Verleger als einzige Bedingung gestellt, daß ich diesen meinen Standpunkt mit aller Deutlichkeit vertreten würde und vertreten müßte. Die Gegner haben nun wohl verlangt, daß infolge dieses Standpunkts das Wort „unparteiisch" am Kopf dieses Blattes fallen müßte, aber diese Forderung ist ungerecht. Denn auch unter der Redaktionsführung meiner Vorgänger fehlte es keineswegs an Angriffen gegen Orthodoxie und Zionismus und „unparteiisch" ist dieses Blatt geblieben dadurch, daß es auch von den anderen Parteien redet, Kunde gibt von dem, was in orthodoxen und zionistischen Versammlungen besprochen wird, waS in den Blättern dieser Parteien zu finden ist. Die jüdische Presse, die vor dreiviertel Jahrhunderten in ihren ersten Anfängen lag, hat sich außerordentlich entwickelt. Die orthodoxe und die Mittelpartei verfügt über eine Anzahl Organe; die Zionisten in ihrer Rührigkeit, die allen anderen Parteien zum Muster dienen kann, wenn wir auch zu vornehm sind, ihre Kampfmittel anzuwenden, hat eine ganze Armee von Blättern ins Leben gerufen; die liberale Richtung muß über ein Organ verfügen, das ohne einseitig von ihr allein zu reden, doch ihre Grundsätze verteidigt und ihnen zum Siege zu verhelfen sucht. Diese Tendenz hat das „grüne Blatt", das in der ganzen Welt eifrig gelesen wird — freilich sind die Leser unendlich viel zahlreicher als die Abonnenten — immer getan, früher vielleicht milde und zahm, in manchen Jahrzehnten etwas zaghaft und zurückhaltend; es ist keine Abwendung von den Richtlinien, die vom Ursprung an herrschten, wenn dieses Blatt auch fernerhin dem Liberalismus dient, ohne deswegen das zu verschweigen, was auf anderen Gebieten geschieht und der Aufmerksamkeit der Leser, wenn auch nicht ohne Kritik darzubieten ist. Der lebhafte und gerechte Kampf, in dem dieses Blatt an erster Stelle zu stehen unternimmt, hat gerade in dem letzten Jahre zu schönen und großen Siegen geführt. In Köln und Posen, in Berlin und München haben die Wahlen, die im verflossenen Jahre stattgefunden haben glänzende Siege der Liberalen hervorgerufen. Ich bin weit entfernt davon, diesen Sieg ausschließlich oder auch nur zum erheblichen Teile den Artikeln dieses Blattes zuzuschreiben, wohl aber darf ich froh bekennen, daß ein kleiner Teil des Verdienstes, namentlich bei den letzten großen Wahlschlachten den Ausführungen dieses Blattes zu verdanken ist. Höher aber als der Liberalismus muß einer jüdischen Zeitung das Judentum stehen. Von den vielen törichten Vorwürfen, die gegen mich erhoben worden sind, ist der törichteste der, daß ich stets die Assimilation predige, worunter die Gegner, ein Aüfgehen des Judentums in das Deutschtum in dem Sinne verstehen, daß das Judentum schwinde. Solchen Insinuationen trete ich mit der größten Entschiedenheit entgegen. Mein.Streben war und ist, das Judentum zubekennen, seine erhabeneBedeutung in,der Vergangenheit zu erweisen und seine Mission für die Zukun ft zu betonen. Ich habe nie für das Deutschtum gekämpft in der Meinung, daß dieses Deutschtum berufen wäre, das Judentum zu verschlingen und zu vernichten, sondern in der Erkenntnis, daß die Juden in ihrer Kultur voll und ganz Deutsche sind oder werden sollen, ihren Glauben jedoch währen, heilig halten und aus bilden müssen, weil in ihm nichts liegt, das sie hindert, Deutsche zu sein. Ich will nicht nach Art ruhmsüchtiger Herausgeber oder reklamelüsterner Verleger Verheißungen für den nächsten Jahrgang geben. Nur das eine kann ich versprechen, daß ich, so lange ich an der Spitze des Blattes stehe, meine Pflichten ernst und fleißig zu erfüllen trachten werde und übermüdet, trotz aller Verdächtigungen, mögen sie kommen vonwelcher Seite sie auch wollen, eintreten werde für Judentum, Liberalismus und Deutschtum. Dir Mochr. Berlin, den 3. Januar. ir stehen am Beginn eines neuen bürgerlichen Jahres, am Anfang eines neuen Jahrzehnts. Es gibt Heißsporne genug, die, wenn sie an dieser-Zeitung gar nichts mehr zu tadeln finden, uns. Vorwürfe darüber machen, daß wir nicht nach jüdischer, sondern nach christlicher oder bürgerlicher Zeitrechnung unsere Jahrgänge einrichten. Auf solch törichte Einwürfe zu erwidern, haben wir jmmer unter unserer Würde gehalten, wir gedenken im 75. Jahrgang von der Gepflogenheit nicht abzuweichen, die seit dreiviertel Jahrhunderten geübt wird, denn wir sind deutsche Juden und richten uns wie in unserer Sprache, so in den Lebensgewohnheiten, nach den Sitten des Landes, in dem wir leben. Da für eine Wochenchronik diesmal durchaus kein Stoff vorhanden ist, so mögen diese Zeilen den Lesern nur einen Gruß bringen und manche Wünsche. Der erste sei der des Redakteurs, der eine nähere Beziehung mit den Lesern zu haben begehrt, die mit'ihm eine vertraute Gemeinde bilden. Der Wunsch besteht darin, daß die Leser wenigstens halb so eilig sein möchten, ihre Anerkennung auszudrücken als ihre Mißbilligung. Gefällt ein Artikel einmal nicht, so kommen Reklamationen der mannigfachsten Art, erregt aber, wie man später gelegentlich hört, ein Artikel Freude, ja vielleicht Enthusiasmus, so fällt es keinem Leser ein, seine Befriedigung auszudrücken. Ich bin niemals besonders lobsüchtig. gewesen aber ich vermisse schmerzlich, gerade als Leiter dieses Blattes den Wiederklang bei den Lesern, der dem Schriftsteller und dem Herausgeber Gewähr bietet, das zu leisten, was er sich vorgenommen hat. \ Der zweite Wunsch besteht darin, daß die alten Leser und- Abonnenten selbst dafür sorgen, daß der Kreis der letzteren sich erweitert. Wir freuen uns des immer steigenden Interesses, das der Inhalt dieser Blätter allgemein erregt, aber mit dem sich vergrößernden Kreise der Leser hält der der Abonnenten nicht völlig Schritt, und es würde Pflicht derer sein, die ihre regelmäßige geistige Nahrung aus hem Blatte schöpfen, auch dafür zu sorgen, daß die Zahl der Abonnenten wachse. Die ferneren Wünsche gelten nicht nur den Lesern dieses- Blattes, sondern Deutschland und der Judenheit im allgemeinen- -Daß das Jahr.1911 ein Jahr des Friedens bleibe, nicht, nur), jenes faulen Friedens, in dem jeder bis an die Zähne gerüstet wartet, ob der andere mit Krieg anfange, sondern jenes, echten und wahren Friedens, in dem innere Harmonie herrscht-, nicht, nur äußere Ruhe. Dieser Friede sei nicht nur ein solcher SB

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