Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 75 (1911)
- Issue
- Heft 1 (6.1.1911)
- Date
- 1911-01-06
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse 75. Jahrgang Nr. 1 Berlin, 6. Januar 1911 Begründet von Rabbiner Vr. Ludwig Philippson Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Terusalemer Strasse 46/49 Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch den Luchhandel oder die Post (in Berlin und vor» orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vieitelzähr'ich 3 M. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", .Berlin SW., Jerusalemer Straße HKjHS, ju richten. Verlag von Rudolf' Mosse, Berlin. 3uni neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. — Die Woche. — Felix Hollaender. — Ist der Beweis für die Geschichtlichkeit Jesu erbracht? Von Dr. Sigmund Feist. — Kantianismns und Judentum. Von B. Kellermann. — Eine jüdische Militärkolonie an der ägyptisch-nubischen Grenze im fünften Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung. Ein Vortrag von Professor Dr. Ludwig Blau in Budapest. — Feuilleton: Rückkehr. Eine Geschichte ans dem ehemaligen Ghetto von Le o Herzberg-Fränkel. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. — B rief kästen der Redaktion. Der Gemetndebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung.des Judentums"). Berlin, Thorn, Jastrow, Breslau, Hamburg, Halberstadt, Köln, Mainz, Wien, Petersburg. — Von Nah und Fern. Zum neuen Jahrgang. Von Ludwig Geiger. mit der vorliegenden Nnmrner beginnt der 75. Jahrgang dieser Zeitung. Dreiviertel Jahrhunderte. Wenige Wochenschriften, kein einziges jüdisches Blatt hat bisher einen so langen Zeitraum durchmessen. Länger als 50 Jahre hat der Begründer dieser Zeitung, der unermüdlich tätige Ludwig Philippson, der Zeitung den' Stempel aufgedrückt, fast zwanzig Jahre hat sein Nachfolger Gustav Karpeles das Blatt geleitet. Vor fünfviertel Jahren habe ich dessen Erbschaft übernommen. Auch meinen Vorgängern hat es an Kämpfen nicht gefehlt, aber fast möchte ich meinen, daß sie in den 7 Jahrzehnten nicht soviel angefeindet worden sind, wie ich in der kurzen Zeit meiner Leitung. Zionisten, Konservative, die Männer der Mittelspartei und selbst Liberale haben in Artikeln, Versammlungen und auch in dem Kampfmittel der Feigen — in anonymen Karten und Briefen — ihrer Gegnerschaft Ausdruck gegeben. Den Hauptgrund zu den meisten Befehdungen gab der Artikel „Schulfeiern", mit dem der vorige Jahrgang eröffnet wurde. Ich will die dort behandelte Frage nicht wieder aufrollen, nur das eine kann und muß ich sagen, daß ich von Feinden und auch von Freunden gröblich mißverstanden worden bin. Ich kämpfte einen ehrlichen Streit gegen die Verkümmerung eines Rechtes, die den jüdischen Kindern angetan werden sollte, ich wollte ihnen das Recht nicht entziehen lasten, mit ihren christlichen Mitschülern bei jeder Schulfeier sich zu vereinigen, ich sagte dies so deutlich, daß eine starke Verblendung dazu gehörte, mich mißzuverstehen, und doch hat man mich sagen lassen, daß ich die Juden zur Feier des Weihnachtssestes nötigen wollte, ist doch ein Korrespondent eines russischen Blattes so weit gegangen, mir zu imputieren, ich hätte eine Eingabe an den Kultusminister gerichtet, die jüdischen Kinder zur Feier des Weihnachtssestes zu zwingen. Ich habe auf keinen dieser Angriffe geantwortet, aus dem einfachen Gründe, weil ich glaubte und noch glaube, recht gehabt zu haben. Ein weiteres Angriffsobjekt boten die Artikel des Herrn Theodor Lessing über seine Reise nach Galizien. Sie waren wochenlang die Hauptnahrung für jüdische Blättchen, die. froh waren, einen Stoff zu haben, sie gewährten den Zionisten und den Orthodoxen den Anlaß zu stürmischen Versammlungen und Protesten. Sie brachten selbst die galizischen Frauen in Harnisch und gebaren das lächerliche Gerücht, daß eine große Gemeinde des Ostens eine Anklage gegen das Blatt erheben wolle. Nun hätte ich einfach darauf erwidern können, daß ich durchaus nicht alle Anschauungen teile, die meine Mitarbeiter in dieser Zeitung äußern, aber dieses bequeme Ausfluchtsmittel scheute ich und habe nur, ohne auch diese Sache wieder auswärmen zu wollen, zwei Bemerkungen zu machen: Erstens, nicht ich, sondern Herr Dr. Karpeles, der nach der Meinung meiner Gegner bester wußte, was in dieses Blatt gehört, hat diese Artikel angenommen und nicht für gut befunden, auch nur einen Irrtum zu verbessern, nur einen starken Ausdruck zu mildern. Zweitens, trotz vieler Oberflächlichkeiten und Jrrtümer im einzelnen beruhen die Hauptanklagen des Herrn Lessing, mit dessen Persönlichkeit ich mich weiter nicht zu befassen habe, auf einer richtigen Beurteilung der Zustände, die er schildert. Diese Tatsache ist mirseitdemvon manchen Kennern des Ostens'bestätigt worden, und mancher ehrliche Gegner hat mir bekannt, daß er nicht sowohl über den Inhalt der Artikel im allgemeinen und einzelnen, als darüber befremdet gewesen sei, daß ein jüdisches Blatt derartige Anklagen veröffentliche. Nach den obigen Ausführungen kann ich nicht finden, daß ich meines Amtes schlecht gewaltet habe. Aber-wenn ich auch keineswegs gewillt bin, mich in eitlen Selbstbespiegelungen zu ergehen, so darf ich mich wohl bei dem Beginn eines neuen Jahrganges dessen freuen, was in dem letzten Bande geleistet worden ist. Ich glaube, es sagen zu dürfen, daß ich durch meine Bemühung eine Anzahl hervorragender Schriftsteller für diese Zeitung gewonnen habe. Ich habe neben dem Texte Illustrationen eingeführt und durch diese eine Galerie berühmter Zeitgenossen meinen Lesern im Bilde vorgeführt, mit kurzen Autobiographien, in denen die Dargestellten selbst düs Wort ergriffen oder in Schildexungen, die das Wesen der bildlich dargestellten Lebenden oder Verstorbenen zu entwickeln suchten. Ich habe dem Feuilleton eine erhöhte Aufmerksamkeit gewährt, habe die gutgemeinten, aber poetisch und inhaltlich recht schwachen Gedichte, die massenhaft einliefen, auf das Aeußerste beschränkt, habe eine Anzahl Novellen gebrachtdie meiner Meinung nach zu hervorragenden Arbeiten aufdem belletristischen Gebiete gehören. Ich habe ferner unter dem Titel: Büchereinlauf, den literarisch gebildeten Lesern eine Uebersicht der ungeheueren Produktion zu geben versucht, die sich aus dem Gebiete der Wissenschaft des Judentums vollziehen. Ich habe endlich