Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 634 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Lindrückk aus GaWm. Von Dr. Theodor Lessing Privatdozent der Philosophie und PädagogikänderHochschule Hannover. VI. ff2$ fei zuletzt ein Wort gesagt über die Lage der jüdischen Frauen und Mädchen im Osten. Es ist allgemein bekannt, daß der Mädchenhandel nirgend so blüht, wie unter diesen in Armut und Enge verkommenden Juden V des Ostens. Merkwürdig aber ist, daß bei ihnen nebeneinander die strengste upd treueste Eheführung, der innigste, festeste Familiensinn und die entsetzlichste Pro- / stituierung der Frauen zu finden ist. Das Laster tritt in > einer so naivselbstverständlichen, ja familienhaften, ge- U. mütlichen Form auf, daß man es bisweilen mit patriarchalischen, sittlich strengen und religiös gestimmten Formen der Lebensführung v er eint findet. Ein Mann, der in seinem Privatleben alle religiösen Gebote aufs strengste festhält, der musterhaft für seine Familie besorgt ist, findet nicht das mindeste darin, etwa seine Tochter für eine größere Geldsumme fortzugeben. Diese schweren sittlichen Mißstände sind in der ganzen sozialen Lebensform der Ostjuden begründet. Diese Lebensführung istnoch durchaus alttestamentarisch-patriarchalisch. Die Frauen haben weder Rechte noch Bildung. Während der kleine Knabe von früh auf zum Studium der Schriften, zum, - ' Hebräischlernen und Disputieren angehalten wird und von j.' früh bis spät über Büchern im Cheder hockt, lernen Mädchen; (ich rede allerdings nur von den Mädchen im Volke, jnicht von den Schülerinnen der höheren Töchterschulen) : ■'/ nur das Allernotdürftigste, kommen niemals aus den arm- \ seligen vier Wänden ihres Ghetto heraus und kennen keinerlei > anderen Beruf und Lebenssinn als den, daß sie früh verheiratet ji- und Mütter werden müffen. Nach Neigung und! - Selbstbestimmung der Frauen wird nie gefragt. Das Hei- \> raten der Kinder ist Sache der Eltern. Sie einigen - sich schon im frühesten Lebensalter der Kinder darüber, .; welche Paare zusammengegeben werden sollen. Es ist nicht; . selten, daß Knaben schon mit dem vierzehnten Jahre verheiratet j - werden. Väter und Mütter von sechszehn Jahren findet man häufig genug. Für die Heirat der Mädchen entscheidet einzig und allein die Mitgift. Dagegen werden bei den Knaben insbesondere ihre gelehrten Fähigkeiten als Ausleger und Kenner des Talmud, sowie ihre Frömmigkeit und ihre moralische Begabung auf das höchste geschätzt. In manchen Orten findet geradezu ein Markt für Schwiegersöhne statt. Kleine Jungen, die sich zu künftigen Rabbinern und Talmudgelehrten ausbilden, genießen schon in früher Jugend das höchste Ansehen in der ganzen Judenstadt. Nirgendsonst findet man derartige Kultivierung geistiger Talente. Der Gelehrte, der Bocher, - braucht im Grunde garnichts anderes zu tun, als Talmud zu lesen und zu disputieren. Tie reichsten und angesehensten Fa-. K; milien rechnen sich zur Ehre an, solch einen kleinen Talmudgelehrten durch Heirat bei sich ausnehmen zu dürfen. Die > Frau ernährt dann oft den Mann, falls ihre Mitgift nicht hoch genug ist, durch ihrer Hände Arbeit, durch eine kleine y - Wirtschaft oder^'ein Geschäft, während der junge Ehegatte J nichts anderes zu tun hat, als seiner frommen Beschaulichkeit - ' und geistigen Ausbildung zu leben und ins Unermessene hinein K unversorgte, armselige Kinder zu erzeugen. Aber es gibt kaum , eine Menschengruppe, in der dem Aufkommen des großen einzelnen Individuums, dem Genie, der verfeinerten, differenzierten Einzelseele, so viele Hemmnisse geboten-sind, wie unter diesen Ostjuden. Gerade darum nämlich, weil das intellektuelle Durchschnittsniveau jedes einzelnen in dieser Volksgruppe so hoch ist, haben es diejenigen, die über diesen Durchschnitt hinaus wollen, ungemein schwer. Gerade darum, weil die Juden ein Volk von Talenten sind, ist die Genialität sowohl in der Volksgruppe als in der Seele des einzelnen Mitgliedes der Gruppe durchaus zum Untergang prädestiniert! Die Juden haben mit ihren großen Genies stets Unglück gehabt. Erscheinungen wie Jesus oder Spinoza konnten sich unter ihnen nicht halten. Dem widerspricht nicht im mindesten jene andere Tatsache, daß nirgendwo so sehr wie unter Juden das Talent, insbesondere das geistige, intellektuelle Talent, bewundert, aufgesucht und gepflegt wird. Just die zarten, feinsten. und genialsten Seiten der Menschenseele gedeihen am besten in einem Nährboden, der zu ruhigem, stillem Wachstum Zeit und. Kräfte verleiht. In einem im Durchschnitt völlig unbegabten, schwerfälligen, primitiven Volk können .am besten die großen einzeln, die wenigen Ingenien gedeihen; wo aber dieMaffeund der Durchschnitt schon an und für sich geistig hoch steht, da leiden am ersten die Gipfel, jene Feinsten und Edelsten des Stammes, die ihrer Natur nach immer und'überall ans der sozialen Gruppe herausfallen. Wo der eine immernoch klüger und begabter ist, als der andere, jeder erfüllt von einem riesigen, intellektuellen Ehrgeiz, jeder kritisch und skeptisch gegen die Anlagen der Stammesgenoffen, wo jeder Jude, wie das immer unter herabgedrückten und degenerierten Menschen der Fall ist, ohne Ehrfurcht und Achtung ist vor dem anderen Juden da ist es außerordentlich schwer, daß die konkreten Nüancen und Sonderzüge der einzelnen Individualitäten sich entwickeln. Und so originell der Ostjude als Gruppe ist, so wenig originell ist der einzelne inn erhalb der Gruppe. Die Gruppe läßt ihm genug Freiheit und Aktivität, aber sie schützt und behandelt ihn nur als soziales, familiäres und politisches Wesen, nicht als dieses eine, nur einmal lebendige, qualitativ bestimmte Individuum. Dies alles aber kommt am krassesten in der Welt der jüdischen Frauen zum Ausdruck. Eine jüdische Frau ist von vornherein sozusagen ohne Eigenheit und Einzelseele geboren. Sie ist bestimmt, als Durchgangspunkt der Gattung, als Gebärerin und Mutter, als ein Gegenstand der Spekulation und des Gelderwerbs früh ausgebraucht zuwerden. Und wie immer man von der Schönheit jüdischen Familienlebens und der strengen moralischen Kultur altbiblischer Zustände singen und sagen mag, nirgendwo trat mir die würdelose, soziale Stellung, die verkehrte Einschätzung der Frau, so grell vor Augen, wie unter den russischen und polnischen Juden. Die altgewohnte Hörigkeit der Frauen macht natürlich unmöglich, daß das Leben dieser Menschen durch romantische Tragödien und unglückliche oder glückliche Leidenschaften gestört wird, wie sie sich aus dem Konflikt und Drang menschlicher Liebesgefühle ergeben. Die Stellung der Geschlechter ist trotz der außerordentlichen Reizbarkeit und Impulsivität der Rasse so nüchtern und materiell wie nur möglich. Heirat aus „Liebesleidenschaft" scheint mir unter den Ostjuden so selten, daß im Grunde schon das Liebesgefühl selber bei Durchschnittsjuden mit materiellen und utilitärischen Erwägungen durchtränkt ist. Er ist von vornherein darauf eingestellt, sich in ein reiches Mädchen, eher zu „verlieben" als in ein armes. Der Reichtum als solcher dient bereits als Auslöser seiner erotischen Affekte.