Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 635 (sequence 11)
- Language
- German
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Man denkt durchweg so sehr aus der Not des Machtwillens und des gedemütigten und niedergehaltenen Praktischen Ehrgeizes, daß ein freies Verschenken der Seele, ein Hingeben Mensch zu Mensch, ohne Einmischung rationeller Gesichtspunkte, nicht mehr möglich ist! Nirgendwo wird weniger die oberste Forderung des Sittengesetzes erfüllt, daß der Mensch dem anderen Menschen immer nur zum Zweck und niemals zum Mittel werden soll. Hier ist aus Not des Schicksals jeder, dem anderen immer nur ein Mittel; ein Mittel zum Lebenserwerb oder Lebensgenuß. Dies gilt am meisten für die Frauen. Sie kommen für den Mann in ihrer Eigennatur kaum in Betracht. Sie sind in erster Linie Tarbringerinnen einer Mitgift, die von den Eltern gezahlt wird an den, der bereit ist, das Mädchen zu heiraten. Sie sind in zweiter Linie Geschlechtsware, indem den Instinkten des Volkes aufs tiefste eingeprägt wird, daß es keinerlei Genuß gibt, der nicht durch Geld erkauft werden, kann. So kommt es, daß in Galizien neben dem frömmsten und gebundensten Familienleben die ungebundenste ruchloseste Prostitution besteht. Und zwar bedingt offenbar die eine Seite sozialen Lebens die andere. Je unfreier und gebundener die Frau innerhalb der Familie ist, umsomehr wird sie außerhalb der Familie ein Gegenstand des Handels mit festen Marktpreisen. Von der Naivität und Unbefangenheit dieses Frauenschachers aber macht man sich meistens keine rechte Vorstellung. Es gibt kleine galizische Städte, deren einziges Logier- und Gasthaus gleichzeitig Bordell ist. Der ankommende Fremde wird von denselben Mädchen bedient, die als Lustdirnen der ganzen Stadt zur Verfügung stehen. Von dem naiven Schmutz dieser uralten patriarchalischen Nester kann man sich ein rechtes Bild machen, wenn man etwa im Innersten Böhmens ähnliches gesehen und erlebt hat. Ich kam einmal in eine kleine böhmische Stadt, in welcher das Logierhaus gleichzeitig Hotel, Gastwirtschaft, Badehaus, Bäckerei und Bordell war. Die in diesem öffentlichen Hause gehaltenen Mädchen besorgten die Hausarbeit und kneteten appetitlicherweise das Brot für die Stadt, dienten als Bademädchen und versorgten ankommende Fremdlinge. Schon beim Mieten des Zimmers wurde der ankommende Gast gefragt, ob ihm solch ein Mädchen auf das Zimmer geschickt werden solle. Derartige Zustände sind nun freilich in Galizien sozusagen mit herzlicher Naivität und freudiger Selbstverständlichkeit verknüpft. Dieselben Menschen, die im Erwerbsleben als Mädchenhändler und Kuppler dienen, sind vielleicht auf der anderen Seite die allerfrömmsten religiösesten Naturen, die kein Tittelchen vom „Gesetz" ablaffen würden und in Herzenseinfalt Talmudstudium und Mädchenhandel miteinander verbinden. Ich möchte zum Schluß ein Erlebnis erwähnen, das ich in einer Gaffe des Krakauer Judenviertels hatte. Bei einer planlosen Wanderung unmittelbar vor meiner Abreise von Krakau kam ich in Straßen, wo das ärmste jüdische Proletariat haust, wo etwa kleine Bethäuser, koschere Restaurants, Bordelle, kleine Kramläden, alles in einem einzigen Hause untergebracht sind. Ich betrachtete die Menschen und war neu verwundert über die rührende und krankhafte Schönheit mancher halbwüchsigen Kinder. Aus einem der armseligen Häuser trat ein halbwüchsiges Mädchen. auf die Straße. Ein ganz junges, vielleicht vierzehnjähriges Kind mit einem rührend resignierten, schwärmerischen Mignongesicht, ganz dunkel, ganz blaß. Ich betrachtete lange dieses junge Kind, wie sie in armselig dürftigem Kleide die enge Gaffe hinunterschritt. Als sie schließlich um die Ecke verschwunden war, ging ich auf meiner Wanderung langsam weiter, von Haus zu Haus, Menschen und Dinge betrachtend. Plötzlich fühlte ich mich im Rstcken berührt. Hinter mir stand ein älterer verschmitzt aussehender Jude mit langen Schläfenlöckchen, zog sein schwarzes Käppchen, machte Kratzfuß auf Kratzfuß und begrüßte mich mit betulicher hinterhältiger Freundlichkeit, indem er sich vorstellte als der Karfunkelstein. Ich begriff nicht, was mir die Ehre seiner Bekanntschaft verschaffte. Herr Karfunkelstein aber blieb zur Seite, verwickelte mich in ein Gespräch, bei'dem auf langen Umwegen herausschaute, daß er meinen langsamen Bummel längst beobachtet hatte und von der Ueberzeugung ausging, daß ich auf der Jagd nach Freuden das Ghetto durchwanderte und irgendein geeignet scheinendes Opfer suche. Wie aber wuchs mein Erstaunen, als er unvermittelt begann, mir die Vorzüge seiner Tochter, die mir ja bereits bekannt sei, anzupreisen. Ich sagte, daß ich mich nicht erinnere, je seine Tochter gesehen zu haben. Herr Karfunkelstein rieb die Hände, kratzte sich, gestikulierte hin und her und rief voll Erstaunen: „Hat ebbes der Herr meine Tochter nich betrachtet?" Er war der Vater jenes schönen und leidenden jungen Geschöpfes, das er in aller Herzenseinfalt an einen ihm völlig unbekannten Fremden gegen eine möglichst hohe Geldsumme zu verschachern suchte. Als ich dieses Vorhaben begriff und ihn erstaunt musterte mit dem Ausruf: „Also Sie wollen Ihr Kind verkaufen!" verzog sich in seinem Gesicht keine Miene. Es wäre unmöglich gewesen, ihm klar zu machen, daß das, was er tat, ein ruchloses Verbrechen an seinem Kinde sei. Im Gegenteil, er pries die Unberührtheit und Unschuld und alle Vorzüge seiner Tochter mit echtem Vaterstolz, ja fast mit Rührung, immer mit dem Hintergedanken, sie möglichst teuer bezahlt zu bekommen, und ein Hauptargument von ihm war, daß ein christlicher Graf, ein Offizier mit hohem Namen sich für seine Tochter interessiert habe und bereit sei, für sie eine beträchtliche Summe zu zahlen. Alle Schönheit, ja selbst alle Reinheit der Jugend schien im Kopf dieses Mannes mit gutem Recht nichts anderes zu sein, als ein Handelsartikel, der hoch im Preise steht, und der zu rechter Zeit möglichst raffiniert zu Markte gebracht werden muß. Hier Moral predigen zu wollen, wäre völlig aussichtslos. Solch ein Herr Karfunkelstein, der sein Kind mit Freuden verkauft, wenn er in seiner armseligen Existenz einige hundert Kronen erringen kann, ist vielleicht im übrigen ein Muster von Gelehrsamkeit, von Familiensorge und Familiensinn. Solcher Widersprüche gibt es unter den Ostjuden zahllose. Sie alle erklären sich aus dem tiefen sozialen Elend, dieser beständig auf Arbeit und Erwerb ausgehenden, eng zusammen gepferchten Menschen. Es ist das Große und Reizvolle in diesem proletarischen Elend, daß dies Volk von Proleten im Grunde ein Volk verkommener Aristokraten ist. So verfeinert, so vergeistigt und intellektualisiert, daß es. unerträglich erscheint, diese Menschen als Lastträger und Fabrikarbeiter oder als Hausierer und kleine Zwischenhändler jämmerlich vegetieren *zu sehen. Es bedürfte einer starken, mächtigen Hand, einer konsequenten, sozialen Sanierung, um aus galizischen und polnischen Juden neue Volkskräste zu wecken. Freilich nicht Kräfte physischer Art. Denn es wird vieler Generationen bedürfen, um diese durch Inzucht und Naturentfremdung, im zusammengepferchten Leben enger Ghettos degenerierte Menschenraffe körperlich neu zu heben. Wohl aber ein ganz neues Aufleben geistiger und moralischer Werte, die in den Jahrhunderte hindurch geübten Hirnen armex verworfener Menschen leben,