Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 633 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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wieder zusammentreten wird, auch die „ehrlichen Makler" nicht, die Herren vom Polenklub, welche sich bestreben, die tschechischen Brüder zu besänftigen und ihnen nachzuweisen, daß die Regierung keine antislawische Politik treibt, was übrigens auch der Monarch selbst versicherte. So kommt die Monarchie zu keiner Ruhe, weil es die Herren Tschechen nicht wünschen, daß endlich auch zum Wohle der Gesamtmonarchie Frieden einkehre in unsere Mitte, den wir so benötigen, wie der Hungrige ein Stück Brot. Hüben und drüben Minister¬ und Parlamentskrisen, darin besteht die Charakteristik der Lage in Oesterreich und Ungarn. . In diesem Lande ist es zu einer Messung der Kräfte Zwischen Kossuth und Justh gekommen. Man wünscht in Ungarn vollständige Trennung von Oesterreich, besonders in nationalökonomischer und finanzieller Richtung. Die Magyaren begehren eine selbständige Bank. Ob sie dabei gut fahren, d. h. in volkswirtschaftlicher Beziehung gewinnen würden, danach fragt das ultra-radikale Fähnlein, das sich um den jetzigen Expräsidenten des ungarischen Abgeordnetenhauses, Herrn Justh, schart, wenig. Der Haß dieser Ruck-Magyaren gegen Oesterreich ist so groß, daß er vernünftigen Erwägungen nicht mehr zugänglich ist. Wenn nur die Juden bei diesem Streite, der seine Höhe erreicht hat, nicht die Zeche bezahlen werden! Wir sind schon daran gewöhnt worden, den Prügelknaben oder Sündenbock zu spielen. Mit Pariierung eines alten Verses können wir sagen: „Wenn die Parteien delirieren, werden die Juden schließlich geschlagen." Und in der Tat. Die selbständige Bank haben die Magyaren noch nicht, noch schlagen die Anhänger Kossuths und Jusths auf einander, und siehe da, es hat sich inzwischen in Ungarn, nach großem österreichischen Muster, eine christlich-soziale Partei gebildet, Lueger hat Schule gemacht — in Ungarn. Die Christlich-sozialen Ungarns stellten allerdings ein Programm auf, mit dem auch die Juden einverstanden sein könnten. Sie wünschen Wahrung der Rechte aller Nationen, verabscheuen den in Ungarn in die Halme geschossenen Chauvinismus. Wenn es auf papierene Programme ankäme! Nirgends ist das Papier geduldiger als bei uns, nirgends werden so schöne, friedliche, von Liebe und Menschentum überfließende Reden gehalten als hierzulande. Freiheit und Verbrüderung hört man schallen, aber es ist eben nur ein Schall. Auch der Herr Bürgermeister von Wien redet schön; er preist die Ideale Schillers, empfängt im Rathause die türkischen Gäste, unter denen sich eine stattliche Zahl von Juden befindet. Und doch ist es der Judenpunkt, um den es sich immer und immer wieder dreht, sei es in Oesterreich, sei es im gesegneten Ungarn. Auch dieses Land hat seine Volks- und christlich-soziale, sage und schreibe, antisemitische Partei. Darüber kommen die ungarischen Juden nicht hinweg, die sich so gerne mit dem Mantel des Stock- Magyarismus schmücken. Wenn sie nur nicht bittere Enttäuschungen erleben! Dunkel ist die Zukunft Ungarns, dunkler noch die der Juden in diesem Lande. Es gilt, gewappnet dieser entgegenzusehen. Und, wenn das Reichsgericht entschieden hat, es kenne nur eine jüdische Konfession und nicht eine jüdische Nationalität, dann ist es an der Zeit, unseren konfessionellen Einrichtungen das Augenmerk zuzuwenden, welche einer gründlichen Ausgestaltung, ja Neugestaltung sehr bedürfen. Religionsunterricht, kulturelle Einrichtungen, Regelung des Gottesdienstes, Reorganisierung der Wohltätigkeitsanftalten rufen nach einer bessernden Hand. . Die Jugend nmß dem Judentum wieder gewonnen werden. Dies geschieht aber nicht durch leere Redensarten, Schlagworte des Tages, die i hohl find und dem durch den Wind verwehten Rauche y gleichen. Der Jugend muß man mit Tatsachen kommen und' nicht mit Formeln, sie muß in der Ethik des Judentums "4 erzogen und nicht mit leerem Formalismus abgespeist werden. Wir kranken an dem fatalen „laissez faire, laissezaller“. Der Jude möchte überall den Modernen spielen, leistet das -]■ Radikalste im Modernismus, nur seine Religion ist und bleibt £ ein hermetisch verschlossenes Haus, in das der Lichtstrahl und \| der Lufthauch einer neuen Zeit nicht zu dringen vermag. Man spricht soviel von der Hebung des jüdischen Selbstf bewußtseins. Geschieht auch etwas dafür? Und wo soll dies '£ geschehen? Wir meinen, dafür sind die richtigen Plätze die g Schule und das Gotteshaus. Wie aber sieht es mit diesen I bei uns aus? Wieviel Arbeit harrt hier der berufenen Führer und Lehrer? Da gilt es, sich nicht zurückziehen hinter ver- | bergenden Mauern. Die Augen auf, frisch zur Tat, das ist | der Ruf, den wir an unsere Leiter ergehen lassen. Wer sein Genügen daran findet, sich wegen Friedhofs-, 4 Schächtungs-, ritueller Bäder-, Vorbeter- und anderer dergleichen interessanter Fragen herumzuschlagen, der hat es nicht erfaßt, J westen das Judentum in unserer Zeit bedarf. Mehr 1 denn je ist es notwendig, unsere Jugend in der Schule und im Gottesdienste zu erziehen und zum Judentum heranzuziehen, Vorurteile zu zerstreuen, die immer üppiger unser Judentum umranken und es zu vernichten g drohen. — Wir sollten doch von den anderen Konfessionen lernen. Alle trachten sie, ihre Lehren ins beste Licht zu stellen; : eine ganze Literatur ist erstanden, welche das Wesen dieser : Bekenntnisse zu erklären trachtet, ihren ethischen Gehalt darzulegen sucht, nur wir bleiben zurück und verschanzen uns gleichsam hinter den Mauern eines überlieferten Konservatismus, den; die Jugend schwer versieht. Wir werden in der modernen Literatur vielfach angegriffen, die verlogensten und verkehrtesten i Urteile werden über uns gefällt, vorurteilsvolle Anschauungen;• über uns verbreitet; wir denken, es ist die Zeit gekommen, daß wir dieses Nebelgewölk zerstreuen, und das kann nur geß schehen, wenn von berufener Seite einmütig zusammengewirkt wird, jedes leere Gezänk verstummt, und man zu dem Bewußt- " sein gelangt, daß wir eine große Sache zu verteidigen und zu? erhalten haben, nicht mehr und nicht weniger als die Existenz! des Judentums. Hier sollen diejenigen eingreifen, die g sich so gern als die geistigen Führer des Judentums bezeichnen lasten. Die Abfallsbewegung im Judentum, welche erschreckliche ß Ausdehnungen annimmt, sollte doch endlich diesen Führern die g Augen öffnen. Es kommt wirklich heute nicht darauf an, ob .) ein Gebet mehr oder weniger im Gottesdienst verrichtet wird, . wie der Vorbeter singt und ob der hebräischen Grammatik im Unterricht ein größerer oder kleinerer Spielraum gewährt? werden soll. Wer jetzt sich im Judentum nur von veralteten, ( überlieferten Formeln leiten läßt, versündigt sich an dessen £ Geiste. Der verewigte Lazarus läßt aus dem Grabe heraus, 4 in einem nachgelassenen Werke, den Ruf nach Erneuerung des >' - Judentums ertönen. Dieser Ruf eines Verstorbenen verhalle nicht in dieser ernsten Zeit, da alle Parteien, alle Konfessionen 4 und Nationen sich um ihre Fahnen scharen. Auch wir dürfen ' unser Banner nicht im Stiche lasten. Dieser Mahnruf gilt den Juden Oesterreichs, da neue Gebilde in unserem staatlichen i und kulturellen Leben erstehen und wir einer ungewissen Zukunft entgegenschauen. Auch wir Juden wollen ihr nicht § unvorbereitet und ungerüstet entgegenziehen. Iwri. 'S