Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Berlin W; 15, 8. Dezember 1909. , Uhlandstr. 175. Sehr geehrter' Herr Cowen! In Beantwortung Ihres geschätzten Briefes vom 29. November d. I. kann ich Ihre Ansicht nur durchaus teilen, wenn Sie behaupten, daß ich in geschäftlichen Dingen nicht der richtige Führer bin. Und da ich dieser Ansicht bin, unternehme ich auch nichts ohne geschäftlich kundige Berater. . " Ihre angeführten Beispiele hinken insofern alle, als sie nicht im geringsten das beweisen, was Sie dadurch erhärten wollen. Bei dem für die Baumwollversuche zur Verfügung gestellten Geld handelte es sich um Experimente, die einen Pekuniären Erfolg ebensowenig haben konnten, wie die mit hundertfach größerem Kapital angestellten afrikanischen Baumwollversuche des deutschen Kolonial-Wirtschaftlichen Komitees und der britischen Cotton Growing Association. Wer etwas anderes erwartete, verkennt die Natur solcher Versuche. Trotzdem hatten unsere Bemühungen in Palästina schließlich in gleicher Weise Erfolg wie die Versuche der angeführten Gesellschaften in Afrika. Sie bildeten das Ferment, welches Erwerbsgesellschaften und Privatpersonen veranlaßte, die Baumwollkultur aufzunehmen. In Palästina haben jetzt sowohl jüdische Kolonisten als auch vor allem der Beiruter Bankier Sursuk die Baumwollkultur in gröberem Maßstabe unternommen, zum Teil jedenfalls aufbauend auf die bei unseren Versuchen gemachten Erfahrungen. Das Mißgeschick der Palästina-Handels-Gesellschaft hat mit meiner Persönlichkeit nicht das geringste zu tun. Die Gesellschaft, die bekanntlich in Hamburg ihren Sitz hat, wurde ausschließlich von den Hamburger Mitgliedern des Aufsichtsrates geleitet, sämtlich Kaufleuten oder Bankiers, zum Teil sogar von großem Rufe. Herr Wolfs-, sohn und ich, als Vertreter des Jewish Colonial Trust im Aussichtsrat, enthielten uns absichtlich jeder Beeinflussung. Sonst hätten wir dafür gestimmt, daß nicht in Griechenland, sondern in Palästina Geschäfte gemacht werden, und dann wären vermutlich auch die Verluste vermieden worden. Die Geschäfte des Palästina-Jndustrie-Syndikats werden nicht, wie Sie zu glauben scheinen, von mir geleitet, sondern von unserem Vertrauensmann Dr. Ruppin in Palästina, der bekanntlich selbst früher Kaufmann gewesen ist. Das Syndikat arbeitet nicht, wie Sie schreiben, schon zwei Jahre, sondern erst iVa Jahre, seitdem nämlich Dr. Ruppin drüben ist. Seine sehr sorgfältige Prüfung der einzelnen Projekte hat fast stets ergeben, daß dieselben entweder wenig Chancen für Rentabilität haben oder die Kapital» kraft des Syndikats weit übersteigen. Inzwischen hat sich das Syndikat schon an zwei Geschäften mit kleinen Summen beteiligt und wird demnächst auch ein drittes entrieren. Eine Beteiligung an schon eingeführten Industrien würde es natürlich leicht finden können, das ist aber nicht der Zweck des Syndikats, sondern es ist ein Studiensyndikat, um neue Industrien einzuführen, und das muß mit größter Vorsicht und mit möglichst geringem Risiko geschehen. Es ist also geradezu umgekehrt anerkennenswert, wenn es sich nicht verleiten läßt, in unreifen Versuchen sein Geld zu riskieren. Was die Palestine Land Development Company betrifft, so bin ich durchaus Ihrer Ansicht, daß dieselbe als englische Gesellschaft von London aus geleitet werden sollte, und ich wäre nur zu froh, wenn Sie mir eine geeignete Persönlichkeit in London Nachweisen würden, der man die Präsidentschaft des Boards, dieser für unsere Bewegung so eminent wichtigen Gesellschaft, anvertrauen könnte. Wenn Sie sagen, daß ich zu viele Pläne mache, und nicht warte, bis einer erfolgreich durchgeführt ist, so freue ich mich, konstatieren zu ^können, daß ich bisher in unverdienter Weise erfolgreich, gewesen bin. Sowohl der „Bezalel" wie die ..Oelbaumspende" entwickeln sich Prächtig, die Baumwollkultur ist eingeführt, die landwirtschaftliche Versuchsstation ist gesichert, und die Palestine Land Development Company hat wenigstens den ersten Teil ihres Programms, die Gründung der Lehrfarm, mit Erfolg aus-' geführt. Wenn meine Wünsche bezüglich der Erschließung der industriellen Möglichkeiten und der Beteiligung an den öffentlichen Arbeiten ist Palästina leider bisher nicht verwirklicht werden konnten, so liegt dies einzig und allein an dem Widerstande, den einige Direktoren des J. C. T.,< und wie ich wohl sagen darf, an der Spitze derselben Sie, sehr geehrter Herr Cowen, der Bete iligung unseres Finanzinstitutes an diesen großzügigen Arbeiten entgegensetzen Sie ziehen vor, daß der größte Teil des Kapitals des J. C. T auf gewöhnliche — mit Lern Zionismus in keinem Zusammenhang stehende — Bankgeschäfte in Europa zersplittert wird^ harrend des großen Momentes, wo die vereinigten Mächte uns Palästina übergeben werden. ,Ich und meine Freunde hingegen, welche diese Idee für ein Phantom halten,, und die nicht an die Möglichkeit einer politischen, sondern nur einer wirtschaftlichen Präponderanz in Palästina glauben, verlangen, daß nur der Teil der Bankgelder hier reserviert bleibe, und 'möglichst nicht in Geschäften, sondern in leicht realisierbaren und beleihbaren Werten —, der zur Sicherung unserer Banken im Orient nötig ist, während das übrige Geld fruchtbringend in Palästina investiert werde. Wenn ich hierzu also vorläufig nur die Summe von 50000 Pfund Sterling fordere — auf die Form der Gesellschaft kommt es mir nicht an, und eine neue Bank habe ich nicht verlangt —, so ist dies schon ein Kompromiß den jetzigen Direktoren des Jewish Colonial Trust gegenüber. Was ich aber mit aller Energie verlange, ist, daß endlich einmal ein ernster Versuch gemacht werde, uns in Palästina auch um große Unternehmungen zu bewerben. Wenn es nicht gelingen sollte, das durchzusetzen, und, wie jetzt schon, die Phosphate, so in Zukunft die anderen Minenschätze Palästinas sowie die wenigen möglichen Eisenbahnen, Häfen rc. von fremden Kapitalisten gebaut und ausgebeutet werden, so werden diejenigen Herren Direktoren des Jewish Colonial Trust der Nachwelt gegenüber die Verantwortung tragen müssen, die in unbegreiflicher Verblendung den Ernst des gegenwärtigen Momentes nicht zu erfassen vermögen. Mit vorzüglicher Hochachtung Prof. Marburg. London, 15. Dezember 1909. Lieber Professor Marburg! Für Ihren Brief vom 8. er. bin ich Ihnen zu Dank verpflichtet. Obgleich Sie meinen, daß die Beispiele, die ich von den Unternehmungen in Palästina angeführt habe, meine Behauptungen nicht bestätigen, so merke ich nicht, daß Sie irgendwie die Tatsachen bestreiten. Nach allem, was ich gehört habe, bin ich stets davon überzeugt gewesen, daß der Baumwollsamen, den Sie nach Palästina' geschickt haben, einfach vergeudet worden ist und nicht einmal eingepflanzt wurde. Ich kann daher nicht einsehen, wieso Ihr Versuch, auf den Sie sich beziehen, mehr Einfluß aus das, was seitdem von jüdischen Kolonisten oder von einem Beiruter Bankier geschehen ist, haben soll, als die afrikanischen Experimente, die von der deutschen Gesellschaft oder der britischen Kompagnie, von denen Sie schreiben, angestellt worden sind. Sie lehnen jede Verantwortlichkeit für den Mißerfolg der Palästina-Handelsgesellschaft ab, ebenso wie Sie nicht verantwortlich sein wollen für dasPalästina-Jndustrie-Syndikat. In beidenFällen aberhaben Sie persönlich die Direktoren gedrängt und sie dazu gewaltsam veranlaßt, an Geschäften sich zu beteiligen, zu denen sie kein Zutrauen hatten. Wenn ich nicht irre, gingen Sie sogar soweit, zu drohen, daß Sie sich sonst von der zionistischen Bewegung lossagen. Sie haben auch zuerst erwartet, daß wir uns an diesen Unternehmungen noch weit mehr beteiligen. Nur weil wir wünschten, daß der zionistischen Bewegung nicht mehr Abbruch geschehen solle und daß weitere Redereien und weitere Verwirrung, die hierauf folgen würden, vermieden werden, haben wir eingewilligt, Ihre Wünsche teilweise zu erfüllen. Sie können doch sicherlich nicht im Ernst glauben, daß das Palästinensische Industrie-Syndikat bis heute in irgend einer Weise seine Existenz als berechtigt erwiesen hat. Sie führen als Beweis des Erfolges Ihrer Arbeit in Palästina den „Bezalel“ und die „Oelbaumspende" an. Das übersteigt meine Begriffe, wie Sie diese beiden Institutionen in Anspruch nehmen und als Gründe aufführen können für Ihre Beteiligung in Ihrer Palestine Land Development Company. Beide Institutionen werden von Leuten betrieben, die gut genug sind, ihr Geld dafür hinzugeben. Die erstere ist eine Institution für Kunst, die etwas für die Beschäf <