Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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religiös denken, wie er wolle, stets auf dem Platze, um die Ehre seiner Gesamtheit, die auch die seinige ist, zu verteidigen. Der deutsche Jude neigt leider noch häufig dazu, sein Judentum wie einen Schönheitsfehler zu verstecken und gewissermaßen seinen christlichen Nachbar um Entschuldigung zu bitten, daß er als Jude geboren worden ist. So steckt er lieber manche Schmach ein. um nur öffentliche Auseinandersetzungen zu vermeiden. „Wie es sich christelt, so jüdelt es sich/' sagt ein altes Sprichwort. In England liebt man eben die Juden als „das Volk der Bibel", also nicht trotz, sondern wegen des Judentums, und in Deutschland ist man vielfach so gütig, das Judentum zu verzeihen. Ein Ereignis aus jüngster Zeit im fernen Osten ist ungemein charakteristisch für diesen Vergleich. In der Unionkirche in Schanghai (China) hielt vor kurzem ein englischer Geistlicher >eine Predigt über „Lebenserscheinungen gegen Gott". Wie es in den englischen Kolonien üblich ist, gelangte der „Sermon" später in der führenden englischen Zeitung zum Abdruck. Der Prediger hat e folgenden Gedankengang geäußert: „Die Chinesen sind nicht das einzige Volk mit einem Gott des Reichtums. Auch die Juden trachten darnach, sich im Golde wälzen zu können. Hierin liegt eben der große Widerspruch zwischen ihnen und Gott. Der Kampf naht sich seinem Ende, aber trotz seines furchtbaien Strafgerichtes scheint Gott zu unterliegen, denn die Juden bleiben dabei, in dem Reichtum die Gottheit zu erblicken, und haben alle ihre Ideale dem Geldgewinn geopfert. Einst war der Jude ein Wohltäter der Menschheit, und seine edlen Bestrebungen haben ihr unberechenbaren Nutzen gebracht. Aber er hat sein Erstgeburtsrecht um ein Linsengericht verkauft. Es ist fraglich, ob der Jude fernerhin der Welt noch irgendwie nützen kann. Er hat seine herrlichen Gaben mißbraucht, die, wenn sie in den Dienst der Anhäufung des Goldes gestellt werden, eine Gefahr und Bedrohung der Mitwelt bedeuten." Hätte ein deutscher Pastor Aehnliches geäußert, dann hätten die deutschen Juden gemurrt, öffentlich aber hätte wahrscheinlich niemand dagegen protestiert. Unsere englischen Juden handelten anders. Schon am nächsten Tage erschienen in der gleichen Zeitung zwei Erwiderungen, die die Ungerechtigkeit und das Unlogische der Predigt darlegten. Ter folgende Tag brachte drei weitere Proteste gegen diesen Mißbrauch der Kanzel. Mit Recht schrieb einer: „Kein Rabbiner würde vor einer gebildeten jüdischen Zuhörerschaft derartige haßerfüllte Worte gegen Christen äußern dürfen, ohne sich mit seinen liberalen und toleranten Glaubensgenossen, die jede fremde Religion achten, in den schärfsten Widerspruch zu setzen." Ein anderer schrieb: „Ihr sprechet immer vom Reichtum der Juden, das ist eine hohle Phrase. Die Juden sind leider das ärmste zivilisierte Volk, und seine Reichtümer liegen in den Händen weniger Einzelner, die aber immer eine offeneHand für die Notleidenden des eigenen Volkes und fremder Völker gehabt haben. Drei Viertel aller Juden leben infolge von politischer und sozialer Unterdrückung in äußerster Armut. Was redet Ihr denn immer nur von den paar reichen Juden? Habt Ihr nie von den Multi-Millionären Rockfeller, Morgan, Ryan usw. usw. gehört? — Seht euch auch einmal die vielen leidenden, duldenden, unterdrückten Juden an. Sie sind der lebendigste Vorwurf für die unchristliche Christenheit und in ihrem schlichten Märtyrertum ein leuchtendes Vorbild für die ganze Welt!" Und der Erfolg war, daß der Prediger zunächst seine Behauptungen zu mildern suchte, und als dies nicht genügte, nahm er seine beleidigenden Bemerkungen gegen die Juden mit dem Ausdruck des aufrichtigen Bedauerns zurück. Auch die Redaktion des Blattes entschuldigte sich wegen der Veröffentlichung der verletzenden Aeußerüngen. Dieser Ausgang ist unter modernen Kulturmenschen eigentlich selbstverständlich, und doch — wie weit sind wir noch in Deutschland von diesem Ideal! Es wäre vielleicht bei uns mit der Volksverhetzung nicht so weit gekommen, wenn unsere liberale Presse in jüdischen Angelegenheiten entgegenkommender wäre und vor allem, wenn wir selber stets auf dem Posten wären, unsere Ehre zu verteidigen. ohne die Oeffentlichkeit zu scheuen." Streiflichter auf den Zionismus. Ein Briefwechsel. jfl2inen eigenartigen Einblick in die Geschäftstätigkeit der Zionisten gewährt ein Briefwechsel zwischen dem Leiter des Palästina-Ressorts der zionistischen Organisation Herrn Professor Marburg und einem der Direktoren des Jewish Colonial Trust Herrn Joseph Cowen in London, der im „Jewish Chronicle“ vom 24. Dezember d. I. veröffentlicht wurde. Schon längst war es bekannt, daß die Unternehmungen der Zionisten nicht den geringsten Erfolg hatten und daß viel Geld unnütz ausgegeben worden ist. Es lag eben ein undurchdringlicher Schleier auf allen zionistischen geschäftlichen Transaktionen. Durch den Streit zweier genau eingeweihter zionistischer Führer ist endlich das Dunkel, gelichtet worden, und man erkennt ein furchtbares äebaele auf der ganzen Linie. Von den eigenen Gesinnungsgenossen wird alles als Phantasterei und Schwärmerei bezeichnet, und jeder, der sehen will, muß zugestehen, daß der ganze Zionismus nur auf Voraussetzungen beruht, die niemals erfüllt werden, und niemals erfüllt werden können. Die Briefe lauten: Marlborough-Hill, NW., November, 29 09. Sehr geehrter Herr Professor Marburg! In Beantwortung Ihres w. Schreibens vom 15. November, in welchem Sie mich aufsorderten, ein Aktionär der Palestine Land Development Co. zu werden, bedaure ich sehr, Ihnen aus folgenden Gründen einen günstigen Bescheid nicht geben zu können. In erster Reihe habe ich kein Zutrauen zu englischen Gesellschaften, die im Auslande geleitet werden — dies veranlaßt Extraspesen und bringt viel eher Mißerfolg als Erfolg. Die von Ihnen empfohlenen oder geleiteten Palästinaunternehmungen haben einen so unbefriedigenden Ausgang genommen, daß ich kein Vertrauen zu irgend einer Gesellschaft habe, die Sie leiten. In der Palästina-Baumwoll-Kultur verlor der J. G.T. das ganze Geld, das er dort angelegt hatte, ohne irgendwelchen Erfolg zu erzielen. In der Palästina-Handels-Gesellschaft hat der J.C.T. ca. 85 Prozent seiner Einlagen, hat also 1000 Pfund Sterling --- 20 000 Mark wirklich verloren. Außerdem hat das von Ihnen vor zwei Jahren gegründete Palästina-Industrie-Syndikat, bei dem der Jewish Colonial Trust 500 Pfund Sterling 10 000 Mark einlegte, bis heute nicht einen Pfennig Nutzen gebracht. Meine Einwendungen richten sich nun keineswegs gegen Ihre Person — die ich in jeder Hinsicht schätze und hochachte —, aber Sie beginnen mit so vielen Plänen und warten augenscheinlich nicht ab, bis irgendeiner von diesen mit Erfolg durchgeführt wird. Das muß schließlich dazu führen, Palästina-Unternehmungen zu schädigen und sogar die zionistische Bewegung zu schwächen, da die Verbindung mit solchen Mißerfolgen zurückwirken muß auf die zionistische Bewegung, deren engerem Aktionskomitee Sie angehören. Schließlich bemerkte ich, daß Sie in der letzten Sitzung des Großen A.-K. die Gründung einer neuen Bank mit einem Kapital von 50000 Pfund Sterling vorschlugen, obwohl Sie gewärtig sein mußten, daß diese Summe hauptsächlich vom J. C. T. gezeichnet werden müßte — auf diese Weise nimmt man aus einer Tasche, um es in die andere zu stecken: eine unnötige und kostspielige Ausgabe. Dies geschah, ohne mit den Kollegien Beratungen gepflogen zu haben, mit denen Sie zusammen arbeiten sollten. Sie sind daher für mich ein unzuverlässiger Führer in Geschäftsangelegenheiten, und ich kann keine Ideen unterstützen, die denen der Kinder gleichen, die stets nach einem neuen Spielzeug suchen. Da diese Angelegenheit eine allgemeine Bedeutung hat, schlage ich Ihnen vor, wenn Sie erlauben, diesen Brief mit irgendeiner Ihnen passend erscheinenden Antwort zu veröffentlichen. Ihr ergebener (gez.) Joseph Cowen.