Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 628 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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auserlegen, die zu verschiedenen Zeiten durch Edikte marokkanischer Herrscher untersagt worden war. Gestatten Sie uns, Exzellenz, die wir seit fast 50 Jahren an der moralischen und intellektuellen Hebung unserer marokkanischen Glaubensgenossen arbeiten, Ihre wohlwollende Protektion zugunsten der israelitischen Bevölkerung zu erbitten, zu appellieren an Ihr Menschlichkeits- und Gerechtigkeitsempfinden, um die Wiederkehr solcher beklagenswerten Vorkommnisse zu verhüten. Unsere Glaubensgenossen bedürfen Ihres Schutzes: Ihre Intervention wird ihnen das Gefühl der Sicherheit geben, und Sie werden sich die Dankbarkeit nicht nur der marokkanischen Glaubensgenossen erworben haben, die Ihren Namen rühmen werden, sondern auch die Dankbarkeit aller Israeliten der Welt, deren Dolmetscher wir sind. Genehmigen Sie, Exzellenz, die Versicherung unserer Ehrerbietung. Der Präsident der Alliance Israölite Universelle. N. Leven." Ueber die Wirkungen, die die Verhandlungen der französischen Deputiertenkammer und das Schreiben des Präsidenten. Leven gehabt haben, berichtet Herr Elmaleh unter dem 7. Dezember: »Fez, den 7. Dezember 1909. Niemals ist eine Intervention zu einem geeigneteren Zeitpunkt gekommen. Während der Horizont der Marokkopolitik umwölkt war, haben Sie förmlich divinatorisch den rechten Augenblick herausgefunden. um zugunsten unserer Glaubensgenossen in Fez zu intervenieren. Der Sultan hat mit der größten Aufmerksamkeit die Reden gelesen, die betreffs Marokkos während der letzten Tage in der Deputiertenkammer gehalten wurden. Sobald die Zeitungen in Tanger eintrafen, brachten ihm Eilboten die Uebersetzungen. Sie erinnern sich des Berichts über die Lage des Mellah, den ich Herrn Guillard erstattet hatte, und der dem Ministerium des Auswärtigen übermittelt worden ist. Sie haben gesehen, daß Herr Pichon in der Kammer von der Lage der Juden in Fez gesprochen hat. Seine Ausführungen waren durch den Bericht angeregt, von dem er einen Auszug wiedergab. Anderseits hat Herr Pichon über diesen Gegenstand Vorstellungen an den Mokhri gerichtet/ der sie dem Sultan übermittelte. Der Großwesir hat gestern infolge dieser Interventionen die Großrabbinen und Notablen unserer Gemeinde berufen und ihnen im Namen seines Herrn folgendes gesagt: „Es ist zu unserer Kenntnis gelangt, daß der Direktor Ihrer Schule zu verschiedenen Malen unsertwegen an die Alliance Israelite geschrieben hat. Ich bin durch unseren Herrn beauftragt, Ihnen zu sagen, daß niemals mehr in Zukunst Sie irgendwelche Ungerechtigkeit von seiten des Machzen zu erleiden haben werden, daß man Ihnen keinen Frondienst mehr auserlegen wird, daß Ihre Feiertage und Samstage in Zukunft respektiert werden sollen. Ich bringe Ihnen die Zusage des Wohlwollens von seiten des Sultans, der Sie liebt, wie seine treuesten Untertanen. Die Türen zum Hause des Dar el Machzen werden Ihnen von heute an weit geöffnet sein, und Sie werden immer Ihre Klagen und Beschwerden vor uns bringen können; wir werden sie mit Billigkeit aufnehmen." Ungefähr in diesen Ausdrücken sprach der Großwesir zu den Repräsentanten des Mellah. Unmittelbar nachdem die Notabeln gegangen waren, habe ich dem Großwesir meine Aufwartung gemacht und habe ihm Ihren Brief übergeben. Dieser hat einen bemerkenswerten Eindruck auf ihn gemacht. Der Großwefir ist von Ihrem Vorgehen angenehm berührt, was er durch den liebenswürdigen Empfang bewies, den er mir bereitete. Nachdem er mir gegenüber die einige Augenblicke vorher den Notabeln des Mellah gegebenen Versprechungen erneuert hatte, erhob er sich, um dem Sultan Kenntnis von Ihrem Brief zu geben. Den Brief hatte ich vorher in gutes Arabisch übersetzen lassen. Elmaleh." * Man schreibt uns: „Das Leiborgan des Herrn Liebermann v. Sonnenberg wirft am Schluffe eines Artikels, der natürlich ebenso vornehm wie geistreich ist, die Frage auf, „woher es kommt, daß die Juden nicht einen Freund haben". Wie mit allen Problemen wird der „wissenschaftliche" Antisemitismus auch mit dieser Frage schnell fertig und die Antwort lautet: „Die Juden haben keinen Freund, weil sie aller Menschen Feinde sind. Und dieser Zustand wird dauern, so lange auf der Erde noch ein Jude lebt und in der Chabruse schachert." Nun ist die Behauptung in dieser Allgemeinheit gewiß falsch, denn die Juden hatten unter den Edelsten aller Zeiten und aller Völker nicht nur Freunde, sondern auch begeisterte Anhänger. Wahr aber ist es, daß die Juden auch heute noch viele Feinde haben, und die Erklärung hierfür ist nicht sehr schwer. Jede Minorität miteiner ausgeprägten Individualität, die zu stark ist. um restlos unterzugeheu, und zu schwach ist, um zur Macht zu gelangen, hat Gegner. Bei uns Juden sprechen auch noch atavistische Gefühle, religiöse Vorurteile und wirtschaftlicher Neid der ungebildeten Volksklassen mit. Man vermutet in jedem, der etwas anders aussieht, etwas „Fremdes", und die Torheit hält dazu jeden Juden für einen Millionär, weil sie nur auf ' die wenigen Reichen und nicht auf die vielen Armen sieht. Ein wichtiger Faktor ist gewiß auch, daß wir Juden zu den intelligenten und freiheitliebenden Elementen des Volkes stets gehören. Die Junker können es uns nicht verzeihen, daß wir liberal sind, und sie würden ihr Tivoli-Programm gern revidieren, wenn wir uns verpflichten wollten, reaktionär zu werden und jeden Fortschritt zu bekämpfen. Eine innere Abneigung gegen die Juden besitzen sie wohl kaum, sonst würden sie nicht so gern die reichen Töchter Judas freien. Tie Feinde der Bildung bekämpfen in uns einen wichtigen Kulturträger, was von ihrem Standpunkte aus begreiflich ist. Die einzigen berufsmäßigen Judenhasser sind die Antisemiten, weil das zu ihrem Metier gehört und weil sie die antisemitische Würze brauchen, um ihre fade Suppe pikanter zu gestalten. So ist das Mysterium erklärt. Gewiß, wir Juden haben viele Feinde in der Welt, aber — wir befinden uns dabei in guter Gesellschaft, wir teilen hierin das Schicksal des deutschen Volkes. Wer im Ausland gelebt hat. der weiß es, daß der Deutsche nirgends viel Liebe findet. Speziell unter den slavischen und romanischen Völkern wird der Deutsche häufig gehaßt. Seitdem das Deutsche Reich zu einer so gewaltigen Machtentfaltung gelangt ist, ist die Stellung des Deutschen im Auslande etwas besser geworden, und er wird heute wenigstens geachtet, aber — geliebt wird er immer noch nicht. Man braucht nur nach Oesterreich hinüber zu schauen, um sich davon zu überzeugen, wie sehr die Deutschen von den Slaven gehaßt und verfolgt werden. Warum? Weil sie intelligent und freiheitsliebend sind. Also aus denselben Gründen wie die Juden. Für uns mag es ruhmvoll sein, das Los des großen deutschen Volkes auch hierin zu teilen; jeder Deutsche aber sollte einsehen, daß er die Pflicht hat, sich von allen alten Vorurteilen frei zu machen und das Recht der Minorität zu wahren, da er sonst gar kein Recht hat, sich über die Not seiner Brüder im Auslande zu beklagen. Für uns Juden gibt es keine größere Genugtuung als die, daß der Antisemitismus in seinen Konsequenzen nicht nur gegen die Interessen der Humanität, sondern auch gegen die des Deutschtums sich richtet." * Uns wird ferner geschrieben: „Es wäre psychologisch sehr reizvoll, den englischen Juden mit dem deutschen zu vergleichen, um an beiden die Macht der Entwicklung zu zeigen. Denn schließlich ist ja der Jude überall ein Produkt der Entwicklung, er ist das, was die Verhältnisse aus ihm gemacht haben. Es ist gar kein Zweifel, daß der deutsche Jude im Durchschnitt geistig höher steht und auch sozial mehr bedeutet als sein englischer Glaubensgenosse. Was ihm aber häufig fehlt, das ist der Vürgerstolz und das freie Selbstbewußtsein, in denen allein bic würdige Verteidigung seiner Stellung als Jude und Deutscher ruht. Der englische Jude ist ein guter Patriot, ja, meistens ein noch schwärmerischer Brite als der christliche Engländer. Aber er versteckt nie sein Judentum, er trägt es nicht wie eine Schmach, sondern wie einen Schmuck, und in der Gesellschaft wie in der Oeffentlichkeit bekennt er sich gern zu dem, was die Natur ihn gemacht hat: Tritt jemand gehässig gegen das Judentum auf, dann ist tt, mag er