Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 627 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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diesem verbreitete Einladungsschreiben lautet in seinen Hauptabschnitten: ' UDie^Freie jüdische Vereinigung, die, wie Ihnen bekannt sein dürfte, in anderen Gemeinden unseres Vaterlandes bereits organisiert ist und nunmehr auch in Berlin eingeführt werden soll, macht es sich zur Aufgabe, der Gleichgültigkeit und der Zersplitterung in unserem jüdischen Gemeindeleben entgegenzutreten. Sie will, Lei vollem Verständnis für die moderne Zeit und ihre fortschreitende Entwicklung, die Liebe und die Treue zu den Heiligtümern unserer Religion sowie die Hochschätzung unserer Geschichte erhallen und, beleben. Sie will für die Einheit und den Frieden in unseren Gemeinden eintreten und gegen alle Ausschreitungen von rechts und links Stellung nehmen. Ein großer Teil der Juden Deutschlands steht nach unserer Ueberzeugung auf diesem vermittelnden Standpunkt der Freien jüdischen .Vereinigung. Wir wollen, daß unsere Gemeinden in modernem, gebildetem, aber zugleich in wirklich jüdischem Geists geleitet und nicht den wechselnden Strömungen des Tages ausgeliefert werden." ' In diesem Programm sind dieselben Widersprüche und Unklarheiten enthalten wie in dem ursprünglichen, nur von Rabbinern. Unterzeichneten Aufruf. Wären die Herren, die hier einladen, wirklich Vertreter einer vermittelnden Richtung, so wäre von ihrem Auftreten Heil zu erwarten; mit Ausnahme sehr weniger sind es Mitglieder der orthodoxen Partei, drei jetzt amtierende Repräsentanten, einer aus früherer Zeit; es macht den Eindruck, als wenn der alte „Zenlralvereirr" unter anderem Banner wieder begründet werden soll. Auch von außen ist wenig Erfreuliches zu melden. Ein gewisses Vergnügen bereitete mir folgende Nachricht, die ich dem „Tag" entnehme: „Aus Czernowitz in der Bukowina wird uns telegraphiert: Bei der heutigen Erstaufführung der Operette „Herbstmanöver" demonstrierten die jüdischen Studenten wegen der Verhöhnung der jüdischen Soldaten. Es entstanden furchtbare Tumulte. Die Polizei schritt ein und nahm Verhaftungen vor. Aus der Rolle des Einjährigen Wallerstein mußte ein Tscheche gemacht werden." * Erkennt man in einer solchen Manifestation ein gewisses Erwachen des jüdischen Selbstbewußtseins, so liegt in folgender Depesche des „Berl. Tageblattes" aus Petersburg wohl auch das Bestreben, eine Besserung herbeizuführen: „Die Kadettenfraktion arbeitet gegenwärtig einen Gesetzentwurf über die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrayons aus, womit sie gegen den Willen Stolypins die Judenfrage anschneidet. Der Entwurf wird von einem Teil der Oktobristen unterstützt. Bisher haben gegen dreißig angesehene Oktobristen, darunter Baron Meyendorf, Lerche, Swenginzew, Kamenski und andere, den Entwurf unterschrieben." * Sonst aber sieht es trübe aus, wie in der Natur so in der Welt. Aus Rumänien schreibt man: „Das in der Thronrede angekündigte Gesetz zur Förderung der Nationalindustrie, das allerdings vor seiner Sanktion noch verschiedene Stadien der Beratung und Begutachtung zu durchlaufen hat. stellt sich in seinen Grundzügen als ein neues Ausnahmegesetz gegen Fremde und Juden dar. Der provisorische Entwurf enthält nämlich, wie die „Franks. Ztg." erfährt, einige Artikel, die im wesentlichen besagen, daß, wer sich der Vorteile des Jndustrieförderungsgesetzes erfreuen will, schon nach fünf Jahren 50 Prozent sämtlicher Gehälter an rumänische Bürger zahlen müsse, nach dem siebenten Jahre 75 Prozent, nach dem zwölften 80 Prozent. Das jetzt bestehende Gesetz enthielt auch die Verfügung, daß die Industriellen, welche seine Vorteile genießen wollen, zwei ' Drittel ihres Personals aus den Rumänen wählen müssen. . Die Bestimmung Rumänen war etwas dehnbarer, denn es hatte sich unter den Industriellen die Gewohnheit herausgebildet, die einheimischen Juden zu den Rumänen zu zählen. Als aber unter der jetzigen liberalen Negierung auf die strikte Einhaltung der Gesetzesvorschrift gedrängt wurde, mußten bereits mehrere jüdische Ingenieure und Beamte entlassen werden, die ein Spiegelbild der Leiden liefern, die ihrer Arbeitsgenossen, falls der Vorentwürf zum Gesetz wird, warten. Faktisch würden bei Anwendung.. der Verfügung des Vorentwurfs über die 80 Prozent Gehälter, die an die rumänischen Arbeiter gezahlt werden sollen, kein fremder Beamter, kein fremder Arbeiter, kein jüdischer Arbeiter, kein jüdischer Beamter mehr eine Beschäftigung in der Industrie finden, die dennoch zum größten Teil mit fremdem Kapital arbeitet. Das neue Gesetz schließt überdies die Juden noch ausdrücklicher aus wie das alte, denn dort hieß es überall „Rumänen"; hier heißt es ausdrücklich „rumänische Bürger". Langsam sind den Juden die verschiedensten Berufe gesperrt worden: sie dürfen nicht Lehrer, dürfeu nicht Beamte, nicht Advokaten sein. Man wies dagegen immer darauf hin, daß ihnen ja in Handel und Industrie ein großes-Betätigungsfeld offen bleibt. Jetzt wird für sie auch die Industrie gesperrt und gleichzeitig werden dadurch Tausende von Familien brotlos. Ist es da zu verwundern, daß die Juden der" Verzweiflung nahe, trotz aller antisemitischen Hetzereien und Drohungen sich zu einem energischen Protest und Widerstand vorbereiten?" . * M Das deutsche Bureau der „Alliance Israelite Universelle“ verbreitet folgende Mitteilung: - 'Z Wiederholt ist von den Bemühungen die Rede gewesen, die der 4 Präsident der Alliance Isra61ite Universelle und die Vertreter der 4 Allianz in Fez aufgewendet haben, um den Israeliten in Marokko : Rechtssicherheit zu gewähren und sie gegen die Bedrückungen durch -4 einzelne Große des Reichs zu schützen. Als neuerlich namentlich ein "'.-z Kämmerer des Sultans sich mehrfacher Ausschreitungen gegenüber . H der jüdischen Bevölkerung schuldig machte, überreichte Elmaleh, Direktor der Allianzschulen in Fez, dem sranzösischen Vertreter dort - ein Promemoria, das der französischen Regierung zugestellt wurde. 4 In der französischen Deputiertenkammer wurde die Angelegenheit am j 23. November erörtert, und der Minister des Auswärtigen, Herr 4 Pichon nahm zu ihr Stellung. , 6 Am Tage zuvor, am 22. November 1909, ging an den Groß- „jj wesir des Sultans Mulay Hafid nachstehendes Schreiben: 4 Paris, den 22. November 1909. An Si Madani Elmezuar El Glaui Großwesir Seiner Scherifischen Majestät Mulay Abdul Hafid, ' Sultan von Marokko Fez. Euere Exzellenz haben die Güte gehabt, uns die Versicherung zu geben, daß Sie den treuen Untertanen Seiner Scherifischen Majestät ohne Unterschied der Abstammung und des Bekenntnisses gleichen Schutz angedeihen lassen wollen. Wir freuen uns von Herzen über dieses Zeichen nachdrücklicher Fürsorge, die Sie auch unseren Glaubensgenossen zugewendet haben. Durchdrungen von Dankbarkeit für ihren neuen Herrscher Sultan Mulay Abdul Hafid, der sie seinen übrigen Untertanen gleichschätzen will, voller Dankbarkeit auch gegenüber den Ministern Seiner Scherischen Majestät, und besonders gegenüber Euerer Exzellenz, dessen wohlwollende Haltung zu ihren Gunsten sie anzuerkennen wissen, wollen die Israeliten Marokkos sich dessen würdig zeigen und durch ihre Anhänglichkeit und durch ihre Tätigkeit zum Gedeihen des Landes beitragen. Welchen Schmerz haben daher die Israeliten von Fez empfunden, als sie vor einiger Zeit der Gegenstand neuer Bedrückung und schlechter Behandlung von seiten des Kämmerers' Seiner Majestät waren. Dieser über unsere Glaubensgenossen ohne Zweifel falsch berichtete Beamte hat sie in ihren religiösen Gefühlen verletzt, indem, er sie zwang, während der größten jüdischen Feiertage zu arbeiten. Er drängte ihnen gewaltsam Frondienst auf, fürden sie keinen Lohn erhielten. Er ließ "ihnen körperliche Züchtigung