Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 53 (31.12.1909)
- Date
- 1909-12-31
- Page
- Seite 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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palästinensischen Zeit war ja,auch alles von Staats wegen nach dem Gesetze Mosis eingerichtet. Seitdem aller, und vor allem jetzt, wo ein jeder seinen Mann stehen muß, wo der Kampf ums Dasein von allen Seiten auf das Individuum eindringt, da heißt es nicht nachzulassen und dem Leben geben, was das Leben heischt. Es ist'vom hohen Piedestal der Kanzel herab und vom grünen Tisch aus leicht gesagt: „Ihr müßt den Sabbath heiligen, Ihr müßt das Gesetz halten, das Leben darf die Religion nicht meistern l" Aber leben müssen wir, rufen die Leute, „wir müssen uns quälen im Schweiße unseres Angesichts, wir dürfen nicht rasten, die Maschine darf nicht stillestehen. Wir wissen, daß wir als Juden Pflichten haben; wir wollen ja auch gern den Sabbath halten, soweit wir können; jedoch sind wir durch den ganzen Weltbetrieb z. V. genötigt, am Sabbat zu fahren — wie sollen wir sonst in der Großstadt fertig werden; wir müssen den Sabbath durch Schreiben vielfach entweihen; wie sollten Aerzte und Kaufleute ohne all das ihren Beruf erfüllen, wenn wir nicht die allergrößten Unannehmlichkeiten haben wollten? Wir möchten gern — wir gestehen es — die Speisegesetze halten, aber der Verkehr mit Andersgläubigen und der Großstadtbetrieb hat schon anders gewirkt, auch sind wir ehrlich genug, es anzuerkennen, daß entweder ein ganz rituelles Leben in und außer dem Hause notwendig ist oder lieber gar keins. Trotzdem bleibt ja für uns noch viel, viel übrig, was wir fürs Judentum tun können. Jüdischer Geist wird uns bei allen unseren Taten umgeben, jüdisches Leben wollen wir im Haus, Synagoge und Schule gewahrt wissen, jüdisch-ethisch wollen wir handeln, offen wollen wir das Judentum bekennen und gegen seine Feinde kämpfen." So sprechen wir unseren Konsuln, den Rabbinern, gegenüber. Ihnen fällt es ja leicht — und für sie ist es ja selbstverständlich — das Gesetz zu halten, und in ihrer Mehrzahl es immer wieder in den Vordergrund zu stellen, da sie der Ansicht sind, die Zeremonie und das strenge Gesetz sind die Stützen des Judentums. Aber videant consules; sie mögen sich klar machen, ob nicht durch die Zerklüftung, die neuerdings in ihren Reihen stattgefunden hat, mehr Schaden als Nutzen, mehr Unordnung als Klärung geschaffen wird. Da trat eine Anzahl strengster Observanz zusammen und bestritt jede Möglichkeit einer Konzession an das moderne Leben. So wie unsere Ahnen in früheren Zeiten gelebt haben, als sie noch abgeschlossen waren durch Ghettowände von den Andersgläubigen, eingeengt in den Zaun des Gesetzes, so sollt und müßt ihr leben, sonst ist euer Judentum kein Judentum mehr. Vergessen es denn diese Herren, daß gerade das der Grund gewesen ist, der viele zur Abkehr vom Judentum veranlaßt hat, weil sie der Ansicht waren, z. B. mit dem Speisegesetze des ganzen Judentums verlustig gegangen zu sein. Und wenn wir ehrlich sein wollen, wie viele gibt es denn noch in den Großstädten, die wirklich voll und ganz die Gesetze des Lekuleban aruch halten? Ich glaube, auch die Strengstengläubig haben sich Konzessionen machen müssen, auch ihr Judentum hat den Zahn der Zeit fühlen müssen. Was Wunder, daß aus die für das Judentum immerhin sehr fragwürdige Intoleranz der Orthodoxie eine Gegenströmmung sich erhob, die mit eindringlicher Stimme den Liberalismus aus den Schild hob und die das Bestrebeil vor allem kundtat, die Indifferenten auszurütteln und sie zum jüdischen Leben wieder zu erwecken, vor allem aber es anerkannt wissen wollen, daß genau so, wie ja die Orthodoxie alles tun und lassen kann, was sie für ihren Glauben für notwendig hält, so soll auch der liberale Gedanke ein gleiches Recht - haben, da er feststeht aus Dem Boden' des Judentums. . Und nun kam auch noch eine dritte Gruppe-die versöhnend und vermittelnd wirken wollte, aber immerhin doch ziemlich scharf mit den Liberalen ins Gericht ging. Was wollen denn nun eigentlich alle diese Bestrebungen besagen? Sie wollen doch schließlich nur das Judentum kräftigen, wollen es lebensfrisch erhalten und gekräftigt dem Nachwuchs übergeben. Führt denn nun diese Kampfesweise, die fast schon auf das Persönliche hinübergeglitten ist, wirklich zu einem Siege oder Erfolge? Was für ein trauriges Schauspiel ist es, Persönlichkeiten, die durchdrungen sind von der Herrlichkeit des Judentums und nur sein Bestes wünschen, als grimmige Gegner sich gegenüberzusehen, Persönlichkeiten, denen wir, das Volk, folgen sollen auf ihren Wegen, -die uns Führer und Meister sein sollen. Glauben denn wirklich die Herren, wenn sie Zeit- und Streitschriften oder in Wochenjournalen diese gewaltig wichtigen Themata besprechen, daß damit der Sache an sich gedient ist, wenn dann der eine von der Kanzel herab an einem Sabbath seinen Zuhörern in orthodoxer Weise das Wort auslegt und ein anderer an derselben Stelle sie am nächsten Sabbath in liberaler, wie das ja in Großstädten wie Berlin Vorkommen kann? Und welchen Vorteil versprechen sich denn die Herren von einer Unterrichtsmethode, wenn das Kind zu verschiedenen Zeiten, je nach der Denkungsart des Lehrers, bald so, bald so belehrt wird, oder wenn man ihm in der Schule die jüdischen Gesetze als bindend und maßgebend bezeichnet, während es im Elternhaus täglich das Gegenteil vor Augen sieht? Alle diese Argumente sollten unseren Führern im religiösen Leben zu denken geben. Es darf nicht weiter eine Zerrüttung der Verhältnisse fortgeführt werden, die die größte Verwirrung unter der Judenheit anzurichten imstande ist. Gerade jetzt, wo einerseits neuerdings wieder eine Rückkehr zur Religiosität bei sehr vielen zu beobachten ist, anderseits aber wir stets auf der Warte sein müssen, um den Feind von außen abzuwehren, wo unser Selbstgefühl gestählt ist und wir nie geahnte Erfolge der judenfeindlichen Horde gegenüber aufzuweisen haben, gerade jetzt tut Einigkeit aus der ganzen Linie not. Darum fort mit allem -kleinlichen Geplänkel! Wo ein Ziel ist, ist auch ein Weg, und es sind genug erleuchtete Geister unter unseren Führern jeder Richtung vorhanden, die glühende Begeisterung für das Judentum in die Schranken treten läßt. Sie sollten sich zusammentun und beraten, wie man den Zeitverhältnissen entsprechend und mit dem geschichtlichen Hinweise darauf, daß manches im Laufe der Zeit entstanden ist, was auch die Zeit wieder zu beseitigen imstande ist, das Judentum so gestalten kann, daß bte Bekenner jeglicher. Schattierung mit Freuden ausrufen: Ganz Israel ist eine Brüdergemeinschaft! Damit nicht bei der allgemeinen Verwirrung eine dauernde Schande entstehe! Videant eonsules . . Magdeburg. Dr. med. Julius Winter. Dir Woche. Berlin, 28. Dezember. A^as Jahr, das nicht gut begonnen hat, endet auch nicht gut. Ich halte es für keinen Segen, daß die Freie jüdische Vereinigung, die in diesen Blättern mehrfach, zuletzt im L^tartikel von Nr. 52 charakterisiert worden ist, nun auch in Berlin ihre Tätigkeit beginnt. Ein vorbereitendes Komitee ladet zu einer Versammlung am. 29. Dezember ein. Das von.