Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-31 · Heft 53 (31.12.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 53 (31.12.1909)
Date
1909-12-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228852-3228906--66118-3279300
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 31. Dezember I9Ö9. 73. Jahrgang:. Nr. 53. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. Chefredakteur: Ludwig Seiger. Begründet von Rabbiner D-- Ludwig Philixpson. Veilezs-LriieMi»»: Berlin, Jerusalemer Str. 46/49. Alle Zusendungen fär Redaktion und - Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgcm. Zeitung des Judentums^, Berlin SW., Jerusalemer Straße ^6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Alosse, Berlin. Viäeant oonsules... Von Ol. rneci. Julius Winter-Magdebürg. — Die Woche. — Streiflichter aus den Zionismus.— Lina Morgenstern. Von Fanny Cohn. — Brief aus Oesterreich. — Eindrücke aus Galizien. Von Dr. Theodor Lessing. — Sprechsaal. . Dev Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen. Schwersenz, Breslau, Hamburg, Nürnberg. München, Wien, New York. — Von Nah und Fern. Videant consules ... errlich weit haben wir es nun gebracht, soweit, daß man von dem allseits erhobenen Geschrei sein eigen Wort D kaum verstehen kann. „Das Judentum gilt es zu retten!" 1 das hört man aus dem allgemeinen Tohuwabohu heraus, („das Judentum ist in Gefahr!" so erschallt es von allen Seiten, von rechts und links, und jetzt auch -noch aus der Mitte. Man glaubt sich in die ersten Jahre nach der Emanzipation zurückversetzt, wo so vielen Juden die herrlichen Erfolge des Fortc schritts den Sinn verwirrt hatten, und wo als Folge davon 'i Massentaufen an der Tagesordnung waren, wo der ganze sittk liche Halt, den das Judentum seinen Bekennern eingeflößt j hatte, und zwar generationenweis, zusammenbrach wie eine vom Sturm geknickte Eiche und von dem Ideal nichts übrig blieb wie ein Erinnern und ein Vergessen. Was hat sich denn jetzt nun so Hervorragendes ereignet, daß das Judentum in seinen Grundfesten zu erzittern scheint, daß von allen Seiten die Reisigen herbeieilen, um zu schützen und zu retten, was noch zu retten ist? Es ist ja eine Tatsache, die absolut nicht aus der Welt zu schaffen ist, daß das moderne Leben an uns Juden Anforderungen gestellt hat, durch die selbst der rechtlichst denkende Jude in argen Konflikt mit seiner Religion kam. Man darf die Augen nun nicht diesen Konflikten gegenüber verschließen und einfach sagen: die \ t Religion darf sich nicht vom Leben meistern lassen. Warum haben denn schon unsere alten Weisen so viele Ausnahmegesetze konstruiert, wenn es galt, das Judentum neuen Verhältnissen anzupaffen, als die Juden nicht mehr in ihrem Lande wohnten, nicht mehr Opfer darbringen konnten im heiligen | Tempel von Jerusalem, als sie sich den Sitten fremder Länder i anpassen mußten, um nicht tausend Einzelheiten zu erwähnen.; Die Heilslehre ihrer Väter, das Studium der Bibel, der Glaube an Gott, der Glaube an die Macht des Judentums und die ' stolze Erinnerung an die glorreiche Vergangenheit, sie wirkten zusammen mehr als die Zeremonien und die strengen Gesetze Mosis, sie waren der lebendige Born, aus dem sie in größten Nöten Kraft und Mut schöpften. Gebete statt Opfer, Verinnerlichung statt äußerer Formen, das waren die Stufen der Entwicklung, die das Judentum durchzumachen hatte. Und nun kam die Neuzeit mit ihren wunderbaren Entdeckungen und, wie behauptet wird,, von seiten Andersgläubiger „mit Unrecht gesicherten Ergebniffen der Wissenschaft." Das sollte doch wohl seststehen, daß eine große Umwälzung. der Begriffe infolge felsenfester Tatsachen zustande gekommen ist, die nun einmal nicht aus der Welt zu schaffen sind, selbst wenn sie im Gegensatz zu den Worten der Bibel stehen. Ist denn deshalb das Buch der Bücher weniger wertvoll und kostbar, weil man die Beobachtung gemacht hat, daß manches nur aus dem Geiste der Zeit der Entstehung gesprochen ist? Ist nicht der Grundzug, ganz abgesehen von der Historie, die Ethik betreffend, so göttlicher Natur, daß keine Forscherseele jemals imstande sein wird, auch nur ein J-Pünktchen von alledem zu widerlegen, da ja schließlich ein vieltausendjähriger Beweis geliefert ist, wie wunderbar und göttlich die Lehren der Bibel sind und wie die ganze gesittete Welt unter dem Banne dieses Buches steht. Und kann es, was die Forschurig anbetrifft, uns nicht schließlich gleichgültig fein, ob nun das Buch Ruth zu dieser oder jener Zeit entstanden ist, oder ob das fünfte Buch Mosis von dem großen Gesetzgeber selbst herrührt oder dgl., oder ob sich Andersgläubige auch an der Auslegung des Bibelwortes und an der Erforschung des Ursprunges und der Entstehung der einzelnen Teile beteiligt haben? Ich meine, an dem inneren Werte ist nicht zu rütteln, und wer nur ein Tröpfchen von dem Blute seiner Väter in seinen Adern fühlt, der wird mit Freude es anerkennen, daß er im ganzen und großen an der Bibel festhält, soweit sie uns kundtut, daß wir die Abkömmlinge derer sind, die die ewigen Worte empfangen haben und sie durch sittliche Taten weiter verbreiten sollen. Nicht der Beweis, daß diese oder jene von den Behauptungen der Bibel nicht den Tatsachen entsprechen kann, ist derjenige, der eine größere Schar Juden der Religion entfremdet hat, sondern die Abkehr von der Orthodoxie, die es absolut nicht zugeben wollte, daß auch dem modernen Leben Konzessionen gemacht werden. Hat nicht jeder Rabbi in früheren Zeiten schon erklärt, daß, wenn Gefahr im Verzüge ist, das Leben über dem Gesetze steht? Ist es nicht dem rechtgläubigen Kranken gestattet, Speisegesetze zu übertreten, sobald es seine Gesundheit erfordert, selbst am Versöhnungstageauch Gesunden am Sabbath den Schirm zu tragenwenn man befürchten muß, sich eine Krankheit durch Unwetter zuzuziehen? Sollen wirklich unsere großen Geister so engherzig gewesen sein, daß sie sagten: Lieber tot als eine Gesetzesübertretung? Sollte das Gesetz nur dazu da sein, das Leben zu einem beschwerlichen zu machen, oder vielmehr zu einem wohlgefälligen? In der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.