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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-24 · Heft 52 (24.12.1909) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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; -*** Frankfurt. a. M., 19. Dezember. Die Heimkommission ' des «Jüdischen.Frauenbundes" erstattet folgenden Bericht für das Jahr 1908—1909: In unsere»! ersten Jahresbericht haben wir zu erkennen gegeben, von welchen Grundsätzen wir uns bei der Aufnahme von Pfleglingen in das Heim des jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg , bei Frankfurt a. M. leiten lassen. Wir haben in unserem ersten Bericht auch hervorgehoben, warum wir bisher Statuten für das Heim noch nicht geschaffen haben. Dies ist auch im zweiten Jahre des Bestehens unseres Heims noch nicht geschehen, weil die Heimkommission ihre Erfahrungen noch nicht abgeschlossen hat. Die Eigenart, welches dieses neue Feld der sozialen Fürsorge bietet, läßt dies erklärlich erscheinen. Ist doch kein Fall dem anderen gleich gelagert. Auch ist es für den konkreten Fall oft sehr nützlich, nicht an bestimmte Regeln im voraus gebunden zu sein. Die Grundsätze für unser Wirken, welche in unserem ersten Jahresbericht angegeben sind, haben uns auch in dem zweiten Verwaltungsjahr geleitet. Wir haben, unserem Grundgedanken der Cottage- oder Famili'enerziehung treu -bleibend, gleichzeitig Zöglinge der verschiedensten Altersstufen im Heim vereint, und zwar 18 Neuaufnahmen im Alter von 4bis 22 Jahren. 4 Kinder sind unter Fürsorge der Anstalt geboren und während der ersten Wochen mit der Mutter behalten worden. Im ganzen wurden während des abgelausenen Vereinsjahrs 28 verpflegt. Wir können mit Genugtuung es aussprechen, daß wir fast in allen Fällen Ersprießliches gewirkt, in erheblichen» Umfange sogar dauernd Gutes gestiftet haben, was wir lediglich darauf zurückführen. daß die Anstalt klein ist und das Individualisieren jeden Falles gestattet. Bei einer Reihe von Mädchen ist es gelungen, sie in Stellungen zu bringen, bei anderen, sie durch sorgfältige Pflege in kritischer Zeit wieder arbeitsfähig zu machen. Besonders erfreulich sind die bei den Kindern erzielten Resultate, die alle Bedenken über unser System der „künstlichen Familie" auslöschen. Diese Kinder besuchen sämtlich die Volksschule zu Neu-Isenburg und machen gute Fortschritte. Ihrer Nationalität nach waren die Eingewiesenen in diesem Verwaltungsjahre 17 Deutsche und 1 Oesterreicherin. Sie wurden eingewiesen aus Frankfurt a. M., Chemnitz. Berlin, Hirschberg. Hannover, Dessau und Hamburg. Vom israelitischen Hilfsverein waren drei durchreisende Frauen vorübergehend bei uns untergebracht. In liebenswürdiger Weise hat sich außer den für unser Heim auch ferner tätigen Herren . Doktoren Deutsch und Feis Herr vr. med. Flichter zu Neu-Isenburg bereit erklärt, in allen Krankheitsfällen die Behandlung unserer Pfleglinge zu übernehmen. Wir haben dieserhalb einen Vertrag mit ihm abgeschlossen. Ebenso wollen wir anerkennend erwähnen das freundliche Entgegenkommen der Schwestern zum Roten Kreuz in Neu-Isenburg, welche uns mit Rat und Hilfe in allen Fällen beistehen wollen, in denen wir ihrer bedürfen können. Die Leitung der Anstalt liegt in den Händen der Hausmutter, Frl. Clara Schloß, die ihrer schwierigen Aufgabe mit großer Hingebung nachkommt. Die Kompliziertheit des Betriebes macht es notwendig, daß wir in allerjüngster Zeit in Frl. Johanna Kahn noch eine Hilfe einstellten. Der Ertrag des Gartens hat im zweiten Jahre des Bestehens des Heims nicht ganz für den Sommer- und Winterbedarf gereicht. Durch die hochherzige Spende der Frau Baronin Edmond de Rothschild wurde es uns ermöglicht, unseren Garten zu vergrößen, so daß wir hoffe»», im nächsten Jahre unseren ganzen Bedarf decken zu können; innigen Dank der.gütigen Geberin. Vielen und herzlichen Dank allen unseren Freunden und Gönnern für die auch in diesem Jahre gewährten Jahresbeiträge und Geschenke. Wir bemerken schließlich, daß in die Heimkommission die Darnen, Frau Justizrat Dr. Holdheim und Fräulein Elsa Frank, eingetreten sind. *** München, 17. Dezember. Aus ein halbes Jahrhundert ihres Bestehens und gesegneten Wirkens konnte am 8. Dezember die hochangesehene Firma Lud tvig Rosenthal^s Antiquariat in München zurückblicken. Aus bescheidenen Anfängen hat sich das Geschäft durch den Fleiß, die Kenntnis und Umsicht seines Begründers, Herrn Ludwig Rosenthal, zu größter Bedeutung im deutschen Buchhandel und zu höchstem Ansehen auch in der gelehrten und literarischen Welt entwickelt. Schon anläßlich des persönlichen Gedenktages seines fünfzigjährigen Wirkens im buchhändlerischen Antiquariat im Mai 1905 ist von dem ernsten, erfolgreichen Streben des tüchtigen Mannes gesprochen worden, der heute die Freude hat, an der Seite seiner Söhne und treu mitarbeitenden Teilhaber, der Herren Adolf, Norbert und Heinrich Nosenthal, nun auch den fünfzigsten Jahrestag der Gründung seiner Firma zu erleben. Außerordentlich umfangreich und inhaltlich wertvoll ist die Reihe der Kataloge Ludwig Rofenthals- Die gelehrte Welt begegnet ihnen mit größter Wertschätzung, und auch dem Buchhändler bieten sie eine ungewöhnlich reiche Quelle bibliographischer Belehrung. Durch Ludwig Nosenthal ist München zu einem Hauptplatz für den von ihm vertretenen Zweig des Antiquariats ge»vorden, für Inkunabeln, seltene Drucke, kostbare Handschriften und ähnliche Schätze. Möge es dem Jubilar vergönnt sein, sich noch recht lange in bewährter Gesundheit und Frische des Segens der ihm liebgetvordenen Arbeit erfreuen zu dürfen. - Oesterreich-Ungarn. *** Prag, 17. Dezember. Der Rabbiner und Prediger Professor Dr. Alexander Kisch feierte dieser Tage den 25jährigen Gedenktag des Antritts seines Amtes. Dr. Kisch entstainmt einer alten Prager Familie. Er wurde am 5. Oktober 1848 in Prag geboren, besuchte das Kleinseitner Gymnasium bis zur 6. Klasse und trat dann als jüngster ordentlicher Hörer, nicht ganz 15 Jahre alt. in die Gymnasialabteilung des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau ein, das damals unter der Leitung des Dr, Zacharias Frankel blühte. Die Universitätsstridien beendete Kisch mit Erlangung des philosophischen Doktorgrades. Nach Vollendung seiner Studien am Breslauer Seminar wurde er als Erzieher an Baron Horace Günzburg aus Petersburg für dessen Kinder nach Paris empfohlen. Der bekannte Gelehrte Baron David Günzburg in Petersburg, Varonin Lou»5e Sassoon in London und Frau Mathilde von ^Guttmann in Wien »varen da seine Schüler. In Paris hörte Dr. Kisch nicht nur. Vorlesungen an dem dort unter Wogne blühenden Seminar, sondern verkehrte auch viel bei den beiden Großrabbinern Isidor und Zadoc Kahr». Mit einer vorn Direktor Dr. Frankel besonders rühmend anerkannten Selbstlosigkeit verließ Dr. Kisch Ende 1874 die glänzende Stellung im Baron Günzburgschen Hause, um sich seinem Lebensberufe zu widmen. In Brüx. Zürich und Jungbunzlau bekleidete er ehrenvoll das Rabbineramt, bis er nach dem Tode des Dr. A. Stein im Dezember 1684 auf die Kanzel der Meiselsynagoge berufen wurde. Mehrere ehrende Rufe nach auswärts, namentlich 1894 als Landesrabbiner von Bulgarien, lehnte er stets ab. Im November 1899 wurde Dr. Kisch das goldene Verdienstkreuz mit der Krone verliehe»». Am 28. Juni 1900 wurde er als erster israelitischer Religionslehrer in Böhmen zum wirklichen Gymnasialprofessor ernannt und 1907 in die VIII. Rangklasse befördert. Seine selbstlose Tätigkeit als Seelsorger — er ist k. k. Landwehrrabbiner in der Reserve, k. u. k. Subsidialseelsorger der Prager Garnison — wurde erst kürzlich auch vom Reichskriegsministerium durch ein Belobungsdekret anerkannt. A»»s der reichen fachschriftstellerischen Tätigkeit des Jubilars nennen »vir: Der Septuaginta-Codex des Ulfilas, Breslau 1872, die Anklagen Papst Gregor IX. gegen den Talmud, Leipzig 1873, Exlractiones de Talmud, Hillel der Alte 1875, 2. Aufl. 1886. Das Testcnnent Mardochai Meisels, Prag 1894. Die Prager Judenstadt während der Schlacht am Weißen Berge und viele andere. -- Anläßlich des Jubiläums wurde in der Meisel-Synagoge, der Stätte feiner Amtstätigkeit, ein Festgottesdienst abgehalten. England. z. London, 16. Dezember. In der hiesigen Tagespresse wird eine Rede viel erörtert, die der Geistliche Rev. Dr. Watkir» jüngst in der Wesley Church zu Melbo»»rne in Australien über das Verhältnis des Christentums zum Judentums gehalten hat. Er sagte u. a.: „Die größten Männer, die Gott je geschaffen, waren Juden. Den Juden verdanken »vir die größte Literatur, die die Welt besitzt. Scheiden wir aus der christlichen Hhmnologie die Hymnen aus, die ihre Inspiration den Psalmen und Propheten der Juden verdanken, und »vir würden eine unersetzliche Lücke empfinden. Den Juden verdanken wir das Gesetzbuch, auf »velchem unsere ganze Jurisprudenz aufgebaut ist. Verfolgen wir alle unsere Gesetze bis auf ihren Ursprung, so werden wir finden, daß sie einem der Zehngebote entspringen. Die besonderen jüdischen Gesetze verdienen auch heute noch von ihren Gesetzgebern studiert zu werden. Auch die australischen Farmer könnten manches von den jüdischen Agrargesetzen

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