Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Da-ist es nun ganz besonders interessant, daß ein bekannter Berliner Universitätslehrer, der weder jüdischen Glaubens noch politisch liberalen Parteisinnes ist, der Nationalökonom Prof. Ludwig. Bernhard auf Grund eingehender Studien der Verhältnisse in Oberschlesien'' diese Auffassung bestätigt und die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung Oberschlesiens', im Gegensatz zu den dortigen Magnaten, für die Erhaltung des Deutschtums und dessen Kräftigung besonders hervor-' hebt. In einem dieser. Tage in der „Vereinigung für staatswissenschaftliche Fortbildung" in Berlin gehaltenen Vortrag äußerte er sich dahin, daß sich die Oberschlesischen Magnaten „vor der herannahenden polnischen Welle ducken". Dazwischen (d. h. zwischen den polnischen Bestrebungen und diesen Magnaten), so führt er aus, stehen die Juden, die zurzeit noch im oberschlesischen Jndustriebezirk einen Rückhalt des Deutschtums bilden. Die, so fährt er fort, auch hier drohende Abwanderung der Juden würde aber den Polonisierungsprozeß Oberschlesiens beschleunigen. — Jene staatlichen Instanzen, denen das alles bisher noch immer nicht Anlaß gab, diesen Faktorvollwertig in der Negierungspolitik zur Erhaltung des Deutschtums W den von den Polen bedrohten Bezirken zu würdigen, seien dies e Ausführungen Bernhards zurBeachtung bestens empfohlen. - H I'. Hamburg, 10. Dezember. Die Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland (Ortsgruppe Hamburg) hielt am 23. v. M. im Logenheim eine öffentliche Versammlung ab, die außerordentlich stark besucht war. Nach einer kurzen Begrüßungsansprache des Herrn Dr. Tentler, in der er daraus hinwies, daß. der Zweck der Versammlung sei, die weiteren Kreise über die Bestrebungen des liberalen Judentums aufzuklären, nahm Herr Justizrat Dr. F. Auerbach, Frankfurt a. M.. das Wort zu einem Vortrag über das Thema: „Was will die liberale Vereinigung?" Der Referent knüpfte zunächst an das erste Auftreten Abraham Geigers in Breslau im Jahre 1840 an, der schon damals allgemein als der bedeutendste Vertreter des aufgeklärten Judentums galt. Von dem Wirken dieses Mannes her datieren die großen Kämpfe zwischen Orthodoxie und liberalem Judentum. Um diese Zeit fällt auch der Hamburger Tempelstreit, der die Judenheit innerhalb Deutschlands in zwei große Lager teilte und allgemeine Aufregung hervorrief. Seit der Zeit dieser Kämpfe sei aber ein gewisser Stillstand in der Fortentwicklung der reformatorlschen Ideen innerhalb des Judentums eingetreten, und an diesem Punkte setzte nun die vor zwei Jahren in Berlin gegründete Vereinigung für das liberale Judentum ein. Der Referent betonte, daß die liberale Vereinigung in erster Linie die Erhaltung des Jahrtausende alten Judentums auch für die Zukunft bezwecke. Nur dürfe man nicht an den alten, starren Formen festhalten, sondern man müsse auch den Geist der Entwicklung, der stets im Judentum geherrscht habe, anerkennen. Des weiteren müsse versucht werden, die Lehre mit den Geboten des Lebens in Einklang zu bringen und den Gottesdienst und Religionsunterricht dementsprechend zu gestalten. An den Vortrag schloß Jich eine lebhafte Debatte, in der von dem Herrn Referendar MUler, Altona, den Ausführungen des Referenten von zionistischem Standpunkt aus, und von den Herren Kahn und Warisch von orthodoxer Seite ans entgegengetreten wurde, wogegen die Herren Dr. Rieger und Dr. Sonderling den Anschauungen des Redners beitraten. M. Hamburg, 19. Dezember. Das Repräsentanten- Kollegium der Deutsch-Israelitischen Gemeinde hielt seine letzte Sitzung der diesmaligen Legislaturperiode unter Vorsitz des Herrn Jakob Alexander ab. Die Kommission zur Prüfung der Abrechung für 1908 erstattete ihren Bericht. Die Ueberschreitung des Budgets wurde damit erklärt, daß es sich hauptsächliü um unaufschiebbare Bauarbeiten am Friedhof in Ohlsdorf handelte. Die Abrechnung wurde genehmigt und dem Gemeindevorstand Entlastung erteilt. Ein Antrag des Herrn Mathiason, daß bei den auszuführenden Arbeiten Gemeindemitglieder berücksichtigt werden, fand einstimmige Annahme. Der nächste Punkt der Tagesordnung, Einladung des Direktoriums des neunten Zionistenkongresses und das Antwortschreiben des Gemeindevorstandes, gab Veranlassung zu einer lebhaften Debatte. Das ablehnende Schreiben, das als Antwort auf die Einladung des Direktoriums zur Eröffnungssitzung gesandt wurde, hat folgenden Wortlaut: Der Unterzeichnete Vorstand beehrt sich, Ihnen für die liebenswürdige Einladung zur Eröffnungssitzung des neunten Zionistenkongresses den verbindlichsten Dank abzustatten. So sehr der Unterzeichnete Vorstand auch den edlen Bestrebungen, das Los unserer verfolgten Glaubensbrüder zu bessern, sympathisch gegenüber steht, so sieht er sich doch zu seinem Bedauern mit Rücksicht auf die vollständige Abweichung der AnsichteU nach der politischen Seite hin veranlaßt, die Einladung ablehnen zu müssen." Gleichzeitig hat das Direktorium auch das Repräsentanten-Kolleginm zur Eröffnungssitzung eingeladen und um Aufgabe derjenigen Herren ersucht, die mit der Vertretung betraut werden. Im Laufe der Debatte wurde von vielen Rednern die Stellung des Gemeindevorstandes mißbilligt und betont, daß sich trotz des prinzipiellen Gegensatzes eine Form hätte finden lassen können, die es dem Vorstand ermöglichte, gemeinschaftlich mit dem Repräsentanten-Kolleginm denKongreß osfiziell zu beglückwünschen. HerrBachrach stellte den Antrag auf Absendung einer Resolution, in der die Repräsentanten ihr Bedauern aussprechen, daß der Vorstand die Einladung abgelehnt habe, ohne sich vorher mit dem Kollegium in Verbindung gesetzt zu haben. Der Antrag wurde gegen fünf Stimmen abgelehnt und ebenso der Antrag Mathiasen-Levy, die Einladung anzunehmen. Ein Antrag Dr. Plaut, die Einladung ohne Angabe von Gründen abzulehnen, fand auch keine Annahme. Es wurde aber doch hervorgehoben. daß die Repräsentanten sich nicht im Gegensatz zu dem Gemeindevorstand stellen könnten und deshalb die offizielle Teilnahme an dem Kongreß ablehnen müßten. Das Bureau wurde mit der Abfassung der Antwort betraut und soll zugleich der Kongreßleitung mitteilen, daß das Repräsentanten-Kollegium dem Kongreß, den es als ein bemerkenswertes Ereignis in der jüdischen Geschichte betrachte, den besten Erfolg wünsche. G.H. Kiel, 17. Dezember. Der bisherige Prediger und Religionslehrer der jüdischen Gemeinde zu Kiel, Herr Rabbiner Dr. Emil Cohn, ist vor kurzem von der Königlichen Regierung in Schleswig zum „Geistlichen" der Gemeinde Kiel ernannt und vom Oberbürgermeister in Kiel auf die Landesgesetze verpflichtet worden. Herr Dr. Emil Cohn, der durch diese Wahl von der Königlichen Regierung mit der Wahrnehmung aller rabbinischen Funktionen, die bisher dem Oberrabbinat Altona oblagen, betraut wurde, ist in gewissem Sinne jetzt Staatsbeamter. Seine Stellung entspricht etwa der der badischen Rabbiner. — Dortmund, 18. Dezember. Der Verein für jüdische Krankenpflege in' Westfalen blickt mit Ablauf des Dezember auf das erste Halbjahr seiner Tätigkeit unter der Verwaltung eines selbständigen Vereins zurück. Noch ist die Zeit zu kurz, um ein abschließendes Urteil zuzulaffen, doch darf wohl jetzt schon gesagt werden, daß die Anstalt in erfreulicher Entwicklung begriffen ist. Eifrig und pflichttreu sind die Schwestern Lisa und Herma ihrem schweren Berufe bei Kranken aller religiösen Bekenntnisse in Stadt und Provinz nachgegangen. Ueber 30 Pflegen mit nicht weniger als 64 vollen Nachtwachen haben sie. in diesen wenigen 4^ Monaten bewältigt. Diese Ueberanftrengung hat unser Verein nur so lange zulassen dürfen, als die beträchtlichen Mittel zur Ersetzung der wegen Verheiratung ausgeschiedenen Schwester Miriam noch nicht gesichert waren; nunmehr aber ist er in der Lage, dieser Schwester eine Nachfolgerin aus demselben Mutterhause (Verein für jüdische Krankenpflegerinnen in Berlin) zu geben, und am 1. Januar wird sie ihren Dienst hier ausnehmen. Der Verein ist ferner entschlossen, eine in der Pflege Gemüts- und Nervenkranker fertig, ausgebildete jüdische Schwester im Berliner Mutterhause unserer Schwestern noch in der allgemeinen Krankenpflege ausbilden zu lassen und sie alsdann in erster Linie besonders sür Nervenkranke und Schwermütige zu beschäftigen. Wir sind überzeugt, daß das Vorhaben unseres Vereins überall Anklang finden wird. Mögen die Glaubensgenossen Westfalens, die Gemeindebehörden und Wohltätigkeitsvereine, die noch nicht Mitglied dieses Vereins sind, ihm ungezögert beitreten, und mögen die Wohlhabenden ihn auch mit Spenden und Stiftungen bedenken! Es bleibt noch viel zu tun, um den Anforderungen der KrankenpflegS gerecht Zu werden und unsere Anstalt auf. die gleiche Höhe mit jenen unserer christlichen Mitbürger zu bringen. Noch Ist das Wort nicht ganz widerlegt, daß das sonst so mildtätige Judentum in diesem Zweige der Caritas hinter anderen Konfessionen zurückstehe. Mögen daher alle dazu Mitwirken, daß es endlich aufhöre, wahr zu sein!