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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-24 · Heft 52 (24.12.1909) · p. Seite 623

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 623 (sequence 11)
Language
German
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neuen Bibelexegese die Entwicklung dieses Gedankens bis auf Daniel dar. Das Beginnen mit den, Pentateuch (Segen Jakobs, Visionen Bileams) ist vom bibelkritischen Standpunkt, auf dem der Verfasser steht, nicht berechtigt. Aus der publizistischen Tätigkeit des Verfassers sind hier und da manche apodiktisch ausgesprochene, aber doch sehr anfechtbare Behauptungen zu erklären. So z. B. (S. 11) „Eine glänzende Vergangenheit hatte Israel nicht, es mußte daher seinen Blick aus eine glänzende Zukunft richten." Das Siegeslied am Meere, das Lied der Debora, die Geschichte Sauls, Davids und Salomos beziehen sich, selbst wenn sie später verfaßt wurden, auf Zeiten, die zweifellos als ruhmreich und glänzend betrachtet wurden. An manchen Orten mißversteht der Verfasser (ebenso übrigens wie die meisten modernen Exegeten) den richtigen Sinn prophetischer Stellen und kommt dadurch zu unrichtigen Schlußfolgerungen. So hält er Jes. 2, 2—4 für das Original und die. Parallelstelle Micha 4, 1—3, für ein Zitat (obwohl hier die Antithese ersichtlich ist (mriK2 iTIT) t[)t22b rron "INI — \n nra NN N'N'' 2'2'N). weil die Fortsetzung, Vers 4, „wenn alle Völker wandeln werden, ein jedes im Namen seines Gottes usw." nicht universalistisch sei. In Wirklichkeit ist aber gerade in diesem Satze der Ewige als Gott des Weltalls (der Nachdruck liegt auf Waanachnu, nelech beschem Adonai) im Gegensatz zu den Nationalgöttern hervorgehoben (sonst wäre „Adonai" überflüssig) — Amos 9, 9 2N^N P22 deutet er mit Wellhausen und Marti auf die Rückkehr vom Exil, wodurch die Stelle als unecht erklärt werden muß; der Sinn ist aber wohl: „ich werde Israel unter die Völker werfen" oder „unter den Nationen unruhig umher wandeln lassen", und die Weissagung ist vorexilisch. Von B. Rainers fleißig gesammelten Varianten zum Texte des jcrusalemischen Talmud D'^TPl D2nx ist Traktat Joma erschienen. Es ist bedauerlich, daß das -Werk so langsam vorwärts schreitet. Die Hinweise aus Josephus sind manchmal nützlich, aber mitunter ungenau. Eine Stelle Keil. Jud. ,,4. 6. 8" (S. 9) existiert nicht. Das häufige Heranziehen des Jsak Eramah für Talmud- Varianten mit noch dazu weitläufigen Erörterungen seiner Zitate (z. B. S. 72) ist unberechtigt und unnützer Ballast. Eramah ist ein geistvoller, philosophischer Homiletiker, aber es fällt ihm gar nicht ein, wörtlich zu zitieren. Selbst aus dem zu seiner Zeit dort allgeiBein verbreitet gewesenen babylonischen Talmud führt er in seinen Vorträgen mit predikatorischer Lizenz ganz ungenau Worte der Weisen an, um sinnreiche Auslegungen daran zu knüpfen. So kann man bei ihm z. B. in demselben Vortrage ein „Talmud-Zitat" lesen: „Wer ist weise? Wer seinen Rock zu wenden versteht"^ ■Dan*? Iplbrß iHVn D2H inra rnn im Anschluß daran und an das Bibelwort — Opportunismus Zu lehren; es sei eine große Weisheit, seine Grundsätze und Gewohnheiten, die wie Kleider find, nach Umständen zu ändern! (Man denkt an Renan: Nalbeur ä celui qui ne change pas son opinion.) In Wahrheit steht aber im Talmud. Sabbat 114, ganz etwas anderes: Ein Gelehrtenschüler (Talmid chacham) habe nur dann Anspruch darauf, daß man ihm einen verlorenen Gegenstand ohne Angabe von Kennzeichen, nach bloßer Sicht, wiedergebe, wenn er sogar in seiner Kleidung' peinlich genau ist und seinen verkehrt angezogenen Rock ordnungsmäßig wendet 12Bir6 lp'ftrO! »Texte und Untersuchungen aus dem Gebiete des Karäischen Ehegesetzes' werden nach handschriftlichen Quellen von dem (als Herausgeber des „Hakedem“ - bekannten) gelehrten Schüler Prof. Chwolsons, Isaak Markon in St. Petersburg herausgegeben/ Das vorliegende erste Heft enthält *"ISD des Karäers Jeschua ben Jehuda (Abel Faradj Furkan den Assad), über den bereits eine riesige Literatur existiert (unter anderem Abraham Geiger, Melo Chofnaim und in den letzten Jahren M. Schreiner im 18. Bericht der Lehranstalt' für die Wissenschaft des Judentums). Abr. Geiger hat in der;,Urschrift" die These aufgestellt, daß manche ältere Halachot sadduzäischen Ursprungs, die in die Mischna nicht aufgenommxn wurden, sich bei den Karäern erhalten haben. . Chwolson und Harkavys Forschungen bestätigen dies, Markon hat bereits früher in einer Dissertation neues Material für diese These aus den Karäischen Ehegesetzen herbeigeschafft und vertritt sie auch in seiner neuen Publikation. - k. In den vor kurzem erschienenen Verhandlungen des Orientalisten- Kongresses in Kopenhagen (Aetes du lös Congres international des •Orientalistes, 1908) wird auch über die von Dr. Kaminka mit Bezug auf die Komposition des „Scheeltoth des R. Achal" und die Rhetorik der babylonischen Schulen gemachten Mitteilungen berichtet .und eine Resolution angeführt, die auf Antrag der Herren Prof. Kautzsch-Halle und Prof. Simonsen-Kopenhagen votiert wurde: „Die Sektion hält die Veranstaltung einer kritischen Ausgabe der „Scheeltoth des R. Acha!" für sehr wünschenswert und spricht die Hoffnung aus, > daß es Herrn Dr. A. Kaminka, der die nötigen handschriftlichen Vorstudien gemacht und der Sektion ein Probeheft vorgslegt hat. Ermöglicht werde, das Werk bald herauszugeben." (Auch wir können uns dem Wunsche nur aufs wärmste an- .schließen, daß die teilweise von der Zunz-Stiftung Herrn Dr. Kaminka zur Verfügung gestellten Mittel von anderer Seite soweit ergänzt werden, daß seine Edition dieses überaus wichtigen Werkes gesichert werde. Die Red.) „ , , Rothschild S. Aus Vergangenheit und GeMNwart der israelitischen Gemeinde Worms. 4. Auflage mit sechs Phototypien 80, 52 S. Frankfurt a. M. 1909 (Kauffmanns Verlag). Der Verfasser gibt uns zunächst eine kurze Geschichte der Juden in Worms, jener Muttergemeinde der mittelalterlichen Judenheit. Die Gemeinde ist eine der ältesten in Deutschland, tritt aber erst im Jahre 1034 zur Zeit der Erbauung der jetzt noch bestehenden Synagoge aus dem Dunkel der Sage ins Licht der Geschichte. Von Kaiser Heinrich IV. erhielten die Wormser Juden zum Dank dafür, daß sie treu zum Kaiser hielten, einen Schutzbrief. Mit dem ersten Kreuzzug (1096) beginnt die Leidenszeit der Gemeinde. Die Stürme, die über die Stadt und über die Judengemeinde einherbrausten, hat uns der Verfasser kurz und anschaulich geschildert. Wir werden alsdann auf den Friedhof geführt, den ältesten in Deutschland, der ziemlich gleichzeitig mit der Synagoge angelegt sein dürfte. Wir stehen vor den Gräbern des Rabbi Meir von Rothenburg und des Süßkind von Wimpfen, wir stehen vor den Gräbern schlichter Männer und Frauen, die als Glaubenszeugen zu sterben verstanden, wir fühlen etwas von dem tausendjährigen Schmerz, von dem Heine singt. Die Synagoge und ihre Inschriften, die Raschikapelle, das gleichfalls aus dem' 11. Jahrhundert stammende in frühromanischem Stil gebaute zehn Meter unter die Erde führende Frauenbad sowie das Archiv der Gemeinde werden in den folgenden Kapiteln behandelt. Auch die zum erstenmal in dieser neuen Auflage sich findenden'Abschnitte über alte Wimpeln und den Judenbischof, bieten viel des Interessanten. Die Wimpeln (bekanntlich lange mit Namen und Geburtstag neugeborener Knaben nebst guten Wünschen und mancherlei Zierrat bemalte oder bestickte Leinwandstreifen, die im Süden und Westen Deutschlands zum Umwickeln der Thorarollen dienen) wurden auf dem Speicher der Synagoge gestünden. Sie stammen aus den Jahren 1570 bis 1840 und bilden interessante Beiträge zur Genealogie jüdischer Familien z. B. der Oppenheim, Wertheim usw. Das Kapitel über den Judenbischof (so nannte man den Vorsitzenden des Judenrats in Worms im 17. Jahrhundert), ist den Darlegungen . Epsteins in der „Monatsschrift für die Wissenschaft des Judentums" (1902) entnommen und macht uns mit den bei der Wahl des Judenbi'schofs üblichen Gebräuchen bekannt. Ein Charakterkopf, ein Bild des 1792 verstorbenen letzten Judenbischofs Michael Gernsheim, eines Ahnen des in einer der letzten Nummern dieser Zeitung behandelten Komponisten Professor Friedrich Gernsheim, geht dem Büchlein voraus. Seinen Schluß bildet eine Nacherzählung von Sagen und Legenden der Juden in Worms nach dem im Archiv der israelitischen Gemeinde befindlichen (gedruckten) .. Maasei Nissimbuche. In der Nibelungenstadt Worms wob auch der jüdische Volksgeist ein fein Gespinst'von Sagen um jede Eigenheit des vielgeliebten Ortes; diese Sagen spiegeln uns das Seelenleben, das Leiden und Hoffen der Erzähler besser wieder als ein nüchterner, geschichtlicher Bericht. — Das alles behandelt der Verfasser auf 52 Seiten. Seine Darstellungsweise zu charakterisieren, erübrigt sich. Ein Buch der jüdischen Literatur, das in verhältnismäßig kurzer Zeit die vierte Auflage erlebt, bedarf nicht empfehlenden Lobes. Bo chnm, im November 1909. Rabbiner Dr. Davih. < V ■M J SM —

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