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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1909-12-24 · Heft 52 (24.12.1909) · p. Seite 622

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
73 (1909)
Issue
Heft 52 (24.12.1909)
Date
1909-12-24
Page
Seite 622 (sequence 10)
Language
German
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Leute, darunter zwei uralte Greise mit hohen Zylinderhüten, die aus alten hebräischen Ausgaben der. Mischna lasen, obwohl es die besten modernen Musgaben längst überall gibt. Der Rabbi, ein kleiner, bleicher, fetter Polnischer Jude, übersetzte etwas in singender und näselnder Sprache und'kommentierte, während von den Hörern nur selten jemand eine Frage oder einen Zusatz dazwischen warf, worauf der Rebbe jedesmal wütend wurde. Ich hatte lange Mühe, heraus zu bekommen, um was es sich bei diesen Disputen handelte. Es handelte sich um die Frage, wie ein Lotll da lasse — sagen wir zu Deutsch mit parlamentarischem Ausdruck eine — Waschgelegenheit — „dem Gesetze gemäß" besucht werden solle. Die Mischna ergeht sich ausführlich darüber, daß ein solcher Ort mindestens 13 Minuten von menschlichen Wohnungen entfernt sein müsse; daß er nicht in Gesellschaft besucht werden darf; wie ein S^^at sich im Felde, wo ein solcher Ort nicht, auffindbar if^Mnehmen müsse; wie ein alter, und wie ein junger Mann. Würden all diese Vorschriften von den polnischen Juden wirklich befolgt, so könnten sie keinen Schritt tun, ohne über zehntausend Gesetze zu stolpern. In Wirklichkeit aber sind solche Fragen Gegenstand des Disputes. Offenbar selbst in einer Stadt Deutschlands, die nicht den mindesten konkreten Anhalt für derartige, dem modernen Leben fernabliegende Probleme bietet. An jede solcher Stellen bei Besprechung eines Talmudabschnittes schließen sich lange moralisierende Exkurse. Oft Exkurse von höchster psychologischer Feinheit. So hörte ich eine Debatte über ein Gebot des Talmud, das jeden, der ein falsches Lob aussprechen hört, verpflichtet, den Redner zu korrigieren. Daran schloß sich alsbald die Frage eines der Hörer, ob man dieses Gebot auch einem panegyrischen Leichenredner gegenüber befolgen müsse. Diese Frage wurde dann auf die andere zurückgeschoben, ob die Leichenrede zu Ehren der Ueberlebenden oder zu Ehren des Verstorbenen gehalten werde. Der Rabbi explizierte, daß nur im letzteren Falle dem übertriebenen Lobe widersprochen werden müsse. Im ersteren Falle dagegen sei der Widerspruch nicht statthaft, weil Ueberlebeude an einem Toten, etwa an einem verstorbenen Vater, immer mehr verloren hätten, als der Verstorbene an und für sich selbst wert gewesen sei. An diese psychologisch und ethisch zweifellos sehr feinen Gespräche schlossen sich sofort weitere Exkurse an über die Frage, 'ob man überhaupt einen Toten loben, oder ob man ihn auch in seinen Fehlern erkennen solle. Ob es richtig sei, daß man von Verstorbenen immer nur Gutes sprechen solle. Oder ob es vielleicht nur psychologische Tatsache sei, daß man die Neigung besitze, von den Toten eher Gutes als Schlimmes zu erzählen. Bei solchen Debatten schienen alle diesem armen, alten, schlotterigen, kränklichen Menschen aufzuleben. Selbst gemeine, gefühllose und schamlose Gesichter, Gesichter von bodenloser Frechheit und unverschämtester Zudringlichkeit, wie man garnicht selten unter den polnischgalizischen Juden findet, bekamen bei Gelegenheit solcher Schulstreitereien einen vergeistigten, edlen Ausdruck. V.; Man wird den galizischen Juden nicht gerecht werden, j wenn man sie unter Voraussetzungen der westeuropäischen Kultur mit dem Maßstabe westeuropäischer Ethik betrachtet. Daß in den armseligen Elend-Nestern dieser halbgebrochenen, in Not und Leiden starr gewordenen Menschen ein entsetzlicher physischer, und moralischer Schmutz nistet, das muß sich der Lage nach von selber verstehen.- Aber es bleibt bewundernswert, daß all dieser Verkommenheit dennoch immer ein eigenartig intellektuelles Gepräge, ein Stempel der Geistigkeit, ich möchte fast sagen, ein moralisch es Air anhaftet. Betrügen oder betrogen werden, das scheint den galizischen Juden zur Natur des Lebens selber zu gehören! Lügereien, Flunkereien, kleine Unredlichkeiten, Spüren nach jedem Vorteil, der eine Besserung der Lage verheißt, das versteht sich in diesem Elendvolke von selbst! Und man würde sich sehr irren, wenn man diese Leute, die mit Gemütsruhe lügen, gaunern und betrügen, darum für Menschen halten wollte, die schlechter oder bösartiger sind, als irgendwelche andern Menschen. Von der naiven Selbstverständlichkeit und Freude, mit der der polnische Jude zu „ganeffen" pflegte, zeugt vielleicht das folgende kleine Erlebnis! — Ich hatte bei einem Notar eine kleine Formalität zu erledigen, zu der die Identifizierung meiner Person unerläßlich war, und da ich an dem betreffenden Ort niemanden kannte, so geriet ich in Verlegenheit, wie die betreffende notarielle Beglaubigung für mich zu erlangen sei. Ich wandte mich in dieser Verlegenheit an meinen Wirt, einen polnischen Juden, nennen wir ihn Herrn Edelstein. Herr Edelstein nahm meine Bedenken nicht im mindesten schwer, obwohl ich ihm vollkommen fremd war und keinerlei Legitimationspapier bei mir führte. Er verwies mich an einen Notar und vertröstete mich, daß ich am Vormittag, wenn ich „aus Gericht gehen" würde, vor der Haustür mit Sicherheit zwei Personen antreffen solle, die vor dem Notar meine Identität bezeugen könnten. Er würde im Gastlokal einigen Gästen Bescheid sagen, diese würden mir dienen, wenn ich nur einige Kreuzer Trinkgeld geben wolle. Ich ver-' sprach das und begab mich zur festgesetzten Zeit zur Kanzlei des Ni^tlrs, neugierig, wie die Leute meine Personalien dann feststellen würden. Als ich aber in die betreffende Straße kam, begegnete mir ein polnischer Jude, der bei meinem Anblick mit. lebhaften Freudenbezeugungen sich verbeugte, sein Käppchen zog und mich hochbeglückt mit einem: „Habe die Ehre, Herr Doktor!" begrüßte. Ich wunderte mich, aber ging weiter. Es konnte ja eine Verwechslung sein. Aber alsbald begegneten mir zwei weitere Juden, die ebenfalls bei meinem Anblick lebhafteste Freude bezeugten, „Servus" und „Hab die Ehr " riesen und mich begrüßten, als habe ich mein Lebtag in der Stadt gewohnt, die ich soeben erst betreten hatte, und in der mich niemand kennen-konnte. Als ein vierter und fünfter ebenfalls hinzukam. und mich grüßte, trat ich schließlich an einen der Grüßenden, die sich im Kaftan bis an die Erde beugten und fragte: „Kennen Sie mich eigentlich?" Der Mann schlug vor Erstaunen die Hände, lachte hell auf und rief beteuernd: „Nu, werd" ich den Doktor Lessing' nicht kennen?" Die ganze Gesellschaft war erbötig, für ein paar Heller jeden Meineid zu schwören, daß ich ein alter Bekannter von ihnen sei. Der eine hatte dem anderen, sobald er hörte, daß es etwas zu verdienen gab, meine Personalien weitergegeben, und so hoffte jeder, daß ich ihn mitnehmen werde, um meine Personalien feststellen zu lassen. (Fortsetzung folgt.) Litrrsrilche Lundlchsu. Zu den lesenswertesten, wissenschaftlichen Arbeiten, in hebräischer Sprache gehört Dr. Jos. Klausners bx'lWZ TTtPiDn JVjnn (Geschichte der jüdischen Messianologie. Teil I: Zeitalter der Propheten 134 S.). Der Verfasser hat bereits vor einigen Jahren in einer deutschen Dissertation die messianischen Vorstellungen im Zeitalter der Tannaiten bearbeitet. Im vorliegenden ersten Teil einer umfassenden Geschichte des Messianismus im Judentum stellt er auf . Grund der

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