Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 52 (24.12.1909)
- Date
- 1909-12-24
- Page
- Seite 621 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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6N mitten im Judenviertel. Die junge Dame erklärte seine Existenz in folgender Weise: Es dürfen in Krakau nur Freitags Hochzeiten gefeiert werden. Als aber einmal vor Jahrhunderten eine Jüdin am christlichen Sonntag geheiratet hat, da ist an jener Stelle der Boden aufgebrochen, und die ganze Hochzeitsgesellschaft ist von der Erde verschlungen worden. Zum Gedächtnis daran steht dort noch heute die alte Mauer. Ich sagte, das sei eine schöne, tiefe alte Sage. Worauf das junge Mädchen mit jüdischem Akzent sofort erwiderte: „Woher wissen Sie, daß es Sage ist?" . „Ja, aber Fräulein, glauben Sie, daß das wirklich so gewesen sei?" Darauf lautete die Antwort: „Nun, ich bin doch nicht dabei gewesen, als sie eingesunken sind!" „Also gut," erwiderte ich, „dann glauben Sie, daß die Geschichte nicht wahr ist, oder daß sie, wie ich eben sagte, eine Sage ist?" Aber dadurch ließ sich die junge Dame keineswegs überzeugen, denn ihre Entgegnung lautete nun wieder: „Sie sind auch nicht dabei gewesen! Also können Sie nicht beschwören, daß die Sache nicht so gewesen ist." Kurz, sie ließ weise die Möglichkeit nach beiden Seiten offen. Sie stellt frei, daß die Geschichte sich so verhalten haben könne, daß sie möglicherweise sich auch anders verhalten haben könne. Diese Art Stellungnahme nun ist im Durchschnitt für jeden galizischen Juden, charakteristisch. Im alltäglichen Gespräch.gelingt es niemals, den Ostjuden auf irgendeinen Punkt, an dem er sich nach irgendeiner Richtung hin Blößen geben könnte, festzunageln. Seine ungeheuer entwickelte intellektuelle Neugier läßt immer Möglichkeiten nach verschiedenen Seiten offen. Sie zeigt sich gleichzeitig nach verschiedener Richtung interessiert und orientiert. Alle jene Witze und Anekdoten, nach denen der Jude immer auf eine Frage mit neuen Fragen antwortet, zeigten sich mir im Umgang mit Juden kleiner galizischer Judenstädte als volle, echte Wahrheit. Ich will als Beispiel ein solches Gespräch beim Fragen nach einer Oertlichkeit auf der Straße anführen. Ich will im Judenviertel das jüdische Theater besuchen, wo übrigens in ganz unvergleichlich genialer Weise im Jargon gespielt wird. Ich frage in einer Gasse einen wundervollen alten Juden mit Augen wie ein halbtotgequälter Hund nach dem Wege: „Entschuldigen Sie, es soll hier ein jüdisches Theater geben. Können Sie mir sagen, ob heute dort Vorstellung ist?" „Nu, es soll e Theater geben, da wissen Se mehr als ich. Warum fragen Se?" „Bitte, ich wollte Sie nicht kränken. Es gibt also kein Theater?" „Warum soll ich entschuldigen, haben Se ebbes getan? Hab ich gesagt, es gibt kein Theater?" „Zum Kuckuck, also es gibt ein Jargontheater! Dann können Sie mir auch sagen, wo es ist." „Kann ich wissen, wo es ist, wenn de Schauspieler heute sind in Lemberg und morgen in Warschau. Was wollen Se denn machen mithin Theater?" „Ich interessiere mich für jüdisches Leben und möchte gern das Theater kennen lernen." „Ei, ei, ei, Se interessieren sich for jiddisches Leben! Entschuldige Se, was is am jiddischen Lehen interessant? Se sind gewiß von weit her?" „Ja, ich bin hier fremd." „Allerdings, Se sind fremd! Natürlich sind Se fremd. Werden Se mir auch noch sagen wollen, daß Se sind fremd!' Weiß ich ohnehin, daß Se sind e Ruß." „Nein, ich bin Deutscher!" „E Deutscher? Nu, ich bin au ch e Deutscher, Oesterreich ist auch daitsch!" „Gewiß, ich meine Reichsdeutscher." „E Reichsdaitscher. Ja, ja, is e großes Land. Daitschland is e großes Land." „Jawohl, da haben Sie Recht, Deutschland ist groß." „Nu, ich meine, es gibt viele Städte in Daitschland; der Herr kann nich aus allen Städten sein." Mch so, Sie wollen wissen, aus welcher Stadt ich komme! Ich komme aus München." „Se kommen aus München. E schöne Stadt, München. E große Stadt, München. Es liegt in Bayern.^^K sind Se geschäftlich hier. War weite Reis!" „Nein, ich habe hier keine Geschäfte." Daraufhin ungeheures, ungläubiges Erstaunen. Und eine Pause, während der er offenbar nachdenkt, wie er mir auf andere Weise die Würmer aus der Nase ziehen kann. Schließlich beginnt er wieder mit einer ganz anderen Frage. „Waswollen Seim jiddischen Theater? Se sind doch kein Jüd!" „Doch, ich bin allerdings ein Jude." „Sollen Se gesund bleiben! Se sind e Jüd? Werden Se mir nich einreden! Sie erlauben wohl, darf ich fragen, was hat der Herr denn für e Geschäft?" So ging das weiter. Von meinem Judesein überzeugte er sich erst, als ich erklärte, mit welchem hebräischen Namen ich in der Synagoge aufgerufen würde. Von der Frage, ob das Theater an diesem Abend spiele oder nicht, erfuhr ich gar nichts. Dagegen erfuhr er seinerseits auf' Umw egen durch zahllose Frage- und Gegenfragestellung schließlich alles, was seine einmal erregte Neugierde wissen wollte. Ich wurde den Mann nicht eher los. als bis ich in eine vorüberfahrende Tram sprang. Ich hatte das Gefühl, obwohl ich der Fragende war, im Grunde immerfort ausgefragt zu werden. Diese Kunst, mit scheinbarer Antwort beständig Fragen zu stellen, besitzt der polnische Jude im höchsten Maße. Es lebt in ihm eine ungeheure Sachlichkeit und Neugier, Menschen gegenüber. Er horcht aus, weil er in feiner zur Gewohnheit gewordenen Not, in seinem bedrückten Leben alles und jedes fortdauernd auf sein praktisches Interesse bezieht. Unter den vielen Widersprüchen im Leben und Charakter der polnischen Juden ist aber keiner so frappierend, als der Konstikt zwischen dieser ganz einseitigen Einstellung auf das praktische Interesse und auf die momentane Sicherheit und Nützlichkeit des Lebens und zwischen einer abstraktiven Phantastik und Rabulistik, wie sie ähnlich nirgendwo einem Volke eignet. Eben dieselben Leute, die beständig aus den Nöten ihrer Existenz heraus vigilieren und wachen, wo ihr Vorteil zu suchen sei, und ob sie von anderen Gutes oder Schlimmes zu erwarten haben, eben diese selben Leute sind in ihrem geistigen Leben spekulative Phantasten, die über Dinge grübeln und disputieren, die einer Welt längst entschwundener Generationen angehören. — Es ist mir unvergeßlich, wie ich einmal aus den Trubeln und Nöten der wachsenden Großstadt Leipzig in die kleine orthodoxe Synagoge der russischen und polnischen Juden floh, um den Talmudunterricht nach Sabbatschluß anzuhören. Es wurde ein Kapitel aus dem Talmud, ich glaube Sanhedrin 99, traktiert. Die Schüler waren ganz alte, vom Leben verbrauchte 'i i